Harald Martenstein Über Islamkritik und geschlossene Weltbilder

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 37/2018

An diesem Thema komme ich nicht vorbei. Bücher von mir erscheinen in dem gleichen Verlagshaus, in dem auch die früheren Bücher von Thilo Sarrazin verlegt wurden, Random House. Das jüngste Buch, über den Islam, Titel: Feindliche Übernahme, konnte dort nicht so erscheinen, wie Sarrazin es geschrieben hat. Der Hauptvorwurf des Verlags, nachzulesen in dem ZEIT-Artikel meines Kollegen Adam Soboczynski: Das Buch "könnte antimuslimische Ressentiments verstärken". Das Buch ist jetzt in einem anderen Verlag erschienen, der ein konservatives Profil hat. Lesen konnte ich es noch nicht, aber mir geht es ums Grundsätzliche.

Verlage dürfen Bücher ablehnen. Islamkritische Bücher gibt es reichlich, viele stammen von muslimisch sozialisierten Autoren. Eine Bedrohung der Meinungsfreiheit sehe ich nicht. Ich sehe eine andere Gefahr.

Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Es ist ein Kinderspiel, über alles Mögliche polemisch oder spöttisch zu schreiben, vor allem über das Christentum. Verallgemeinerungen und Ressentiments waren nie ein Publikationshindernis. Graham Greene: "Katholiken sind zum Bösen fähiger als irgendwer." Goethe: "Die ganze Kirchengeschichte, Mischmasch von Irrtum und Gewalt." Fontane über den Glauben: "Mit diesem furchtbaren Unsinn muss gebrochen werden." Für Kritik an der jüdischen Religion ist Albert Einstein eine gute Adresse. Keiner dieser Ressentimentverstärker erscheint heute mit seinen Büchern am Rande der Gesellschaft. Die Aufklärung, auf der unsere Demokratie beruht, ist nicht denkbar ohne Religionskritik. Dass sie die Gläubigen verletzt, versteht sich von selbst. Damit müssen sie zurechtkommen. Wollen wir für den Islam die liberalen Ideen der Aufklärung verraten? Wozu wäre das gut? Sicher nicht für die Integration der hier lebenden Muslime. Worin sollen sie sich integrieren, wenn nicht in die Traditionen einer freien, relativ tabulosen Gesellschaft?

Verboten ist wenig, das stimmt. Es entstehen aber zwei verschiedene Öffentlichkeiten. Die Gesellschaft ändert sich. Auf der einen Seite die etablierten Medien, auf der anderen Seite die Webzeitungen und Verlage, wo die anderen zu finden sind, die Kritiker der Hypermoral, des Islams, der Einwanderungspolitik. Immer mehr Leute, die ich kenne, informieren sich nur noch auf der einen oder anderen Seite dieser unsichtbaren Barrikade. Ich lese ja beides. Man bekommt in der Regel – Ausnahmen gibt es, auch in der ZEIT – ein geschlossenes Weltbild geliefert, bei beiden. Die Mühen des Zweifels und der Überprüfung der eigenen Argumente bleiben einem erspart. Nach einer Weile begreift man gar nicht mehr, dass es Leute geben kann, die es anders sehen und dabei weder dumm noch böse sind. Man wird demokratieunfähig.

Sarrazins Ex-Verleger, mein Verleger, begründet seinen Entschluss auch mit der "allgemeinen Stimmungslage", die sei aufgeheizt, sogar von der "Gefahr eines neuen Faschismus" ist im Text die Rede. Ich glaube, dass ein Apartheidsystem der Meinungen diese Gefahr fördert. Zwei doktrinäre Lager entstehen, die nicht mehr miteinander diskutieren, nicht mehr nach Gemeinsamkeiten suchen, sondern nur noch um die Macht ringen. Und was ich wirklich nicht mehr lesen kann, ist die These, dass alles Rechte zur Gewaltherrschaft tendiert, während alles Linke dem Schaumbad des Humanismus entsteigt, wie man leicht an den blutrünstigen Diktatoren Reagan, Churchill und Adenauer erkennen kann und an den Musterdemokratien von Stalin und Chávez. Sorry, dieses Ressentiment hat was Faschistisches und beleidigt die Intelligenz.

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