Kasper König "Als ich 30 wurde, dachte ich, jetzt ist es vorbei"

Der Kurator Kasper König widmete sein Leben der Kunst. Hat es sich gelohnt? Interview: und
ZEITmagazin Nr. 37/2018

Kasper König ist noch nicht da. Er besorge noch Pflaumenkuchen, erklärt sein Assistent, der Kurator Andreas Prinzing, als er die Gäste an einem sonnigen Nachmittag in Königs lichtdurchfluteter Neubauwohnung in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs begrüßt. Fischgrätenparkett, hohe Decken. Die Wand des Arbeitszimmers ist mit über 40 Bildern gepflastert, Petersburger Hängung, wie das in der Kunstwelt heißt. Nach ein paar Minuten kommt Kasper König mit einer Kuchentüte in der Hand zur Tür herein. Helles Hemd, weite Hose, braune Sandalen. Er trägt orangefarbene Hosenträger.

ZEITmagazin: Herr König, wir haben schon die Bilder an Ihrer Wand bewundert.

Kasper König: Ja, das ist ein bisschen so wie in der Kneipe.

ZEITmagazin: In der Kneipe?

König: Na, in der Kneipe hängen doch auch immer irgendwelche Souvenirs an der Wand. Ich bin in Amerika sozialisiert worden, da verewigen sich Stammgäste in vielen Boxerkneipen oder in Jazzläden, indem sie Mitbringsel von sich aufhängen. Das hier zum Beispiel ist ein Porträt von mir.

König zeigt auf ein Bild von einem glatzköpfigen Menschen mit Segelohren, in dessen rechter Gehirnhälfte ein Foto von einem klassizistischen Säulenbau, einem Portikus, aufgeklebt ist.

König: Man beachte meine abstehenden Ohren! Das hat Jonathan Borofsky von mir gemalt, zu der Zeit, als wir ihn Ende der Achtziger im Portikus in Frankfurt ausgestellt haben.

ZEITmagazin: Was hängt hier noch?

König zeigt auf ein Bild, auf dem skizzenhaft mit Bleistift ein Wald gezeichnet ist.

König: Das ist von Caspar David Friedrich. Ein Wald im Harz. Sein Motto war ja sozusagen: Ich denke 100 Prozent, aber ich schaffe nur ein Prozent.

König geht zwei Schritte nach rechts, zeigt auf eine gezeichnete, fast abstrakte Landschaft.

König: Und das ist ein Geschenk von Beuys. Das hat er in der Kriegsgefangenschaft gezeichnet, ein Bild von einem Gletscher in Russland.

ZEITmagazin: Wie haben Sie Joseph Beuys kennengelernt?

König: An der Kunstakademie in Düsseldorf. Ich habe ein paar Mal bei ihm gewohnt, als ich noch in New York lebte. Er war so neugierig, er wollte immer alles wissen, zum Beispiel, ob es wahr ist, dass man in den Bürogebäuden in New York einen Stromschlag bekommt, wenn dort Wollteppich ausliegt, weil der sich elektrostatisch auflädt. Das gab es hier nicht.

ZEITmagazin: Bekam man einen Stromschlag?

König: Ja, das war so. Intensiver kennengelernt habe ich Beuys dann 1977 in Münster.

ZEITmagazin: Da haben Sie die erste Skulptur Projekte kuratiert, eine internationale Kunstausstellung von Skulpturen und Plastiken im öffentlichen Raum.

König: Beuys meinte zu Klaus Bussmann, dem Initiator, und mir, nachdem er die Einladung bereits angenommen hatte, dass Kunst im öffentlichen Außenraum ökologischer Kitsch sei. Daraufhin fragten wir ihn, warum er der Einladung überhaupt gefolgt sei. Er sagte, dass man diese Kunstform nicht den Amis überlassen dürfe.

ZEITmagazin: Wie meinte er das?

König: Ich interpretiere seine Aussage so: In Amerika gehen die meisten öffentlichen Institutionen von Bedeutung wie Universitäten oder Museen von privater Initiative aus. Auch wenn sie staatlich unterstützt werden, bleiben sie in privater Hand. In Deutschland sind die meisten bedeutsamen Institutionen dagegen staatlich. Deshalb fand es Beuys wohl gut, dass wir mit unserem Projekt den öffentlichen Raum ein Stück weit besetzen wollten, und zwar auf höchstem künstlerischen Niveau. Und wir hatten eben sehr viele Amerikaner eingeladen, auch weil ich damals in New York lebte.

ZEITmagazin: Es gibt ja die sogenannte Tatarenlegende von Beuys, die davon handelt, wie er als Funker in einem Sturzkampfbomber 1944 über der Krim abstürzte und von Tataren gerettet wurde, die seine Wunden mit tierischem Fett pflegten und ihn in Filz einwickelten, um ihn zu wärmen. Die Schilderung, von ihm oft erzählt, wurde nach seinem Tod als Erfindung entlarvt. Warum, glauben Sie, hat Beuys gelogen?

König: Ich denke, das Flunkern hat mit seiner Erfahrung im Krieg zu tun: dass die Guten, die Kameradschaftlichen, alle gefallen sind. Das führt ja zwangsläufig zu der Frage, habe ich es verdient zu überleben? Ich glaube, vor dem Hintergrund dieser Frage entstand die Tatarenlegende. Er hat diese Erfahrung für sich mystisch transformiert. Er hat es aber, glaube ich, nicht getan, um sich wichtig zu machen. Es war eher seine Methode, mit dem Trauma umzugehen.

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