Kasper König: "Als ich 30 wurde, dachte ich, jetzt ist es vorbei"

ZEITmagazin: In München haben Sie auch in der Kunstszene mitgemischt. Wie kam Ihnen dort die Idee zur Westkunst?

König: Mein Kollege Wolfger Pöhlmann und ich organisierten eine Aktion gegen den Chef der Bayerischen Staatsgemäldesammlung, der sagte, er würde grundsätzlich nur Kunstwerke kaufen, die 1000 Jahre überstehen würden. Wir positionierten uns dagegen mit einem Pamphlet und einer Aktion im Münchner Kunstverein. Später entstand eine Ausstellung im Münchner Völkerkundemuseum, zu der ich auch viele lokale Künstler einlud, ihre Arbeiten zu zeigen. Einem Journalisten vom Bayernkurier schmeckte das gar nicht. Er bezeichnete mich als "selbst ernannten linksanarchistischen Meinungsmacher in Sachen 'Kunst'". Kunst stand in Anführungszeichen, wie bei der Springer-Presse "DDR". Ausgerechnet dieser Artikel erregte dann die Aufmerksamkeit des damaligen Kölner Kulturdezernenten Kurt Hackenberg, der mich für ein großes Ausstellungsprojekt nach Köln holte. Ich nahm Laszlo Glozer als souveränen Intellektuellen mit ins Boot, und wir wählten den Titel Westkunst als ironischen Begriff, weil wir uns in der Schau mit der deutschen Geschichte, dem Kalten Krieg und dem Universalitätsanspruch der Kunst auseinandersetzen wollten.

ZEITmagazin: Es gibt einen schönen Satz, für den Sie mitverantwortlich sind: "When too perfect, lieber Gott böse" von Nam June Paik.

König: Der Satz fiel bei meiner Ausstellung von hier aus in Düsseldorf 1984. Paik war ja eigentlich Musiker und kam bereits in den Fünfzigern für eine Weile nach Deutschland, um Musik zu studieren. In dieser Zeit hielt er sich über Wasser, indem er mit Elektronikware handelte, die ihm sein Bruder aus Korea schickte. Seine Familie hatte gute Verbindungen zu Samsung. Als Paik dann Jahre später die Ausstellung vorbereitete, ließ er sich 128 Fernsehapparate in unterschiedlicher Größe von der Firma sponsern, die er für seine Installation benutzen wollte. Bei der Pressevorstellung machte sich allerdings ein Reporter die Mühe, die Geräte zu zählen. Es waren weniger Geräte, als Paik behauptet hatte. Paik hatte ein paar Geräte abgezwackt, die er für das nächste Projekt verwenden wollte. Darauf angesprochen, sagte er, halb deutsch, halb englisch: "When too perfect, lieber Gott böse!"

ZEITmagazin: Zwei Ihrer Söhne, Leo und Johann König, sind Galeristen geworden. Finden Sie es gut, dass sie in die Kunstwelt gegangen sind?

König: Nein, aber ich wusste, dagegen konnte ich eh nichts machen. Hätte ich etwas gesagt, hätte sie das wohl nur noch mehr bestärkt, das Gegenteil zu tun.

ZEITmagazin: Ihr Sohn Johann hat mit elf Jahren bei einem Unfall einen Großteil seines Augenlichts verloren.

König: Wir hatten sehr viel Glück mit den Ärzten. Er hatte einen Arzt für das innere Auge und einen für das hintere Auge. Es musste auch eine Hornhaut erneuert werden. So eine Operation ist kompliziert. Für die Hornhauterneuerung braucht man ein genetisches matching: Man sucht für den Empfänger ein Spenderorgan oder -gewebe, das mit seinen persönlichen Gewebemerkmalen möglichst weitgehend übereinstimmt. Zwar sind die Chancen, dass die Verpflanzung einer Hornhaut erfolgreich ist, höher als die der meisten Organtransplantationen, doch häufig wird das fremde Gewebe vom Körper abgestoßen.

ZEITmagazin: Wie verlief die Operation?

König: Es hat geklappt. Es war unglaublich! Johann wurde operiert, und sein Arzt, ein eher kleiner Mann, fragte ihn nach der Operation: "Johann, siehst du was?" – "Ja", sagte Johann, "Sie haben ja ’ne Glatze!" Einige Jahre später hatte Johann eine weitere Operation, die sein Augenlicht noch mal deutlich verbessert hat. Er besuchte dann die Liste-Kunstmesse in Basel. Danach hat er mir gebeichtet, es sei ja doch gar nicht alles so interessant, wie er vorher angenommen habe.

ZEITmagazin: Weil er sich in seiner Vorstellung die Kunst viel spannender ausgemalt hatte?

König: Genau. Das war schon eine besondere Leistung, dass er sich sein Augenlicht Stück für Stück zurückerobert hat. Kinder vor der Pubertät haben so eine unglaubliche Kraft. Danach hätte Johann das wahrscheinlich auch nicht mehr geschafft. Erstaunlich ist auch sein Erfolg im Galeristenberuf. Manchmal sagen die Leute mittlerweile über mich, ah ja, das ist der Vater vom Johann. Das freut ihn natürlich.

ZEITmagazin: Johann König hat mal erzählt, dass Sie ihn als Jungen zu Jeff Koons zu einem Atelierbesuch in New York mitnahmen. Beim Ertasten einer Skulptur beschädigte der junge König das Werk.

König: Genau. Koons hat ihm dann das Kunstwerk geschenkt.

ZEITmagazin: Wie ist das für Sie, dass der Sohn heute so erfolgreich ist?

König: Ich war erst skeptisch, ob sein Galeriekonzept aufgehen würde. Seine Galerie ist ja in einer imposanten, brutalistischen Kirche. Es ist ihm und dem Architekten Arno Brandlhuber tatsächlich gelungen, dass der Geist des Sakralbaus erhalten geblieben ist. Das gefällt mir. Ich kann allerdings nicht mit allem, was er da ausstellt, etwas anfangen. Übrigens: Meine beiden Töchter machen nichts mit bildender Kunst, Lili ist Sängerin, Coco arbeitet im Literaturbetrieb. Alle meine Kinder meistern ihr Leben, wie mir scheint, erfolgreich.

ZEITmagazin: Was macht eigentlich einen guten Kurator aus?

König: Man muss sich um die Kunst kümmern. Aber ich glaube, das ist ein Modebegriff. Manchmal denke ich, es gibt heute mehr Kuratoren als Künstler.

ZEITmagazin: Kann man Kuratieren lernen?

König: Klar. Man muss einfach loslegen, learning by doing.

ZEITmagazin: Haben Sie einen Ratschlag an jüngere Kuratoren?

König: Das Entscheidende ist, man sollte sich vor dem Zynismus bewahren. Weil die Kunstwelt so etwas Verächtliches haben kann.

ZEITmagazin: Inwiefern?

König: Es wird immer nur auf die Gewinnerseite schaut. Man braucht aber auch etwas Demut ...

ZEITmagazin: ... um zu wissen, es gibt auch die andere Seite?

König: Ja. Das ist ja auch in der Musik oder Literatur so: Wenn man zurückblickt, denkt man immer, es gebe fünf Künstler, die repräsentativ für diese oder jene Kunstepoche seien. Das ist natürlich verengend.

ZEITmagazin: Haben Sie als junger Mann nie darüber nachgedacht, selbst Künstler zu werden?

König: Nee, aber was sich angeboten hätte, wäre, Kunsthändler zu werden. Das wollte ich nur nicht. Ich wusste, das würde mich nach kurzer Zeit langweilen.

ZEITmagazin: Wieso?

König: Hat mich einfach nie interessiert. Daniel Birnbaum, ein geschätzter Kollege aus Schweden und Direktor des Moderna Museet, erzählte mir, wenn mein Sohn Johann nach Stockholm kommt, ärgert der sich. Denn im Moderna Museet sind unter anderem zwei große Warhols ausgestellt: ein Blumenbild und ein Elektrischer Stuhl. Warhol hat mir diesen Elektrischen Stuhl geschenkt. Dann habe ich zu ihm gesagt, Andy, wenn du dem Museum ein Bild schenkst, schenke ich dem Museum meines vom Elektrischen Stuhl. Ich hätte ja auch gar nicht gewusst, wohin mit dem großen Bild. Das Werk wäre heute bestimmt 20 Millionen Euro wert. Wenn der Johann im Museum vor dem Elektrischen Stuhl steht, tobt er sicher innerlich.

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