Mai Thi Nguyen-Kim "Ich träume davon, dass eine neue Generation von Wissenschaftlern die Lehrstühle übernimmt"

© Michael Hudler
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 37/2018

Eine Frage, die mich beschäftigt, ist: Wenn ich im Traum eine Urlaubsreise unternehme, passiert dann auf neuronaler Ebene das Gleiche, wie wenn ich real Urlaub mache? Und wenn ich meine Träume so steuern könnte, dass ich jede Nacht Urlaub mache – hätte ich dann mehr Energie für meinen Arbeitsalltag? Das wäre großartig! Im Wachen neige ich dazu, mir zu viel aufzubürden.

Während des Studiums habe ich nicht wirklich darüber nachgedacht, was ich hinterher machen will. Erst während meiner Doktorarbeit habe ich begonnen, mich mit meiner beruflichen Zukunft zu beschäftigen. Und ich habe mich gefragt, ob ich mich eigentlich für das richtige Fach entschieden habe. Ich fing dann an, kleine Videos zu drehen, und nahm teil an Wettbewerben wie dem Falling Walls Lab, bei dem man seine wissenschaftliche Arbeit in drei Minuten erklären soll. Als das losging, konnte ich eine Woche lang kaum schlafen, weil die Inspirationsmühlen in meinem Kopf so heftig arbeiteten.

Wie so viele Wissenschaftler bin ich mit großem Idealismus gestartet. Die meisten von uns wollen die Welt verändern, zumindest ein wenig. In der Realität werden wir dann meist schnell wieder eingefangen. Aber das Bedürfnis, etwas zu tun, das einen echten Mehrwert hat, ist bei vielen von uns stark ausgeprägt. Anfangs war mein YouTube-Kanal nur ein Hobby, aber ich hatte immer den Traum im Hinterkopf, dass meine Videos etwas bewirken und verändern könnten. Und für mich ist es großartig, dass ich immer wieder von jungen Menschen höre, die sich vorher nie für die Naturwissenschaften interessiert haben und durch meine Videos einen Zugang zu ihnen gefunden haben.

Als ich am Ende meines Studiums an das MIT kam, habe ich festgestellt, dass ich zwar labortechnisch besser ausgebildet war als meine amerikanischen Mitstudierenden – aber als ich dann meine Experimente selbstständig bestimmen durfte, ja sogar sollte, war ich zunächst völlig verunsichert. Obwohl ich während des Studiums so viel Zeit im Labor verbracht hatte, lernte ich erst dort, wie man selbstständig forscht.

Deswegen träume ich auch davon, dass sich unsere Universitäten verändern. In meinem Studium gab es keinen Platz für kreative Konzepte. Uns wurde nicht beigebracht, aus Fehlern zu lernen und eigene Lösungen zu finden. Ich frage mich, ob die Vermittlung von Theorie und Techniken an der Universität so vorherrschend sein muss. Ich träume also von mehr Raum für Kreativität und von Studenten, die über das reine Fachwissen hinaus einen erweiterten Blick vermittelt bekommen.

Universitäten sind allerdings starre, hierarchische Institutionen. Im akademischen Betrieb müssen große Veränderungen wohl von oben kommen. Daher träume ich davon, dass bald eine neue Generation von Wissenschaftlern die Lehrstühle an den Universitäten übernimmt. Vielleicht kann ich einen kleinen Beitrag dazu leisten, indem ich Menschen für die Wissenschaft begeistere, die sonst einen anderen Weg eingeschlagen hätten.

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Kommentare

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Dieser Traum ist doch völlig illusorisch. Der Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn hat doch wunderbar gezeigt, dass Kreativität im Wissenschaftsbetrieb allenfalls zum Vermeiden von Anomalien notwendig ist. Er erklärt die Wissenschaft aus einer soziologischen Perspektive so, dass die Entdeckung eines neuen wissenschaftlichen Paradigmas wie eine religiöse Bekehrung für die Wissenschaftler ist. Anschließend kommt die Bürokratie, die die Wissenschaft nun mal hauptsächlich ist, ins Rollen. Man folgt dem Paradigma so lange bis ein Neues entdeckt wird und versucht die Anomalien so gut es geht zu ignorieren und zu verdecken. Neue Paradigmen gehen auch oft mit dem Aussterben der alten Garde einher, da sie oft zu investiert in das Alte sind. Die neue Wissenschaftlergeneration von der Sie träumen wird daran nichts ändern. Das Humboldtsche Bildungsideal ist toter als der Tod. Wenn sich überhaupt irgendwas ändern wird dann, dass freie Meinungsäußerung eingeschränkt wird und Arbeitsverhältnisse noch schlechter werden.

Ich glaube, Sie sehen das zu negativ. Neben Kuhn gibt es noch einige wichtige WissenschaftstheoretikerInnen, die das gut begründet anders und aktueller sehen (ja, aktueller ist in diesem Zusammenhang wichtig, da sich die Wissenschaft und deren Methoden gerade "neu" ausrichten).

Ich selbst arbeite praktisch und theoretisch im (auch Grundlagen-) Bereich Lernen und Lehre an/mit/für verschiedenen Unis.

Als einer der ersten und wichtigsten erwünschten Grundpfeiler wurde und wird mir stets das Humboldtsche Bildungsideal genannt - was ganz in meinem Sinne ist.

Also - wir arbeiten daran... ;)