© Carlos Chavarría

Unsterblichkeit Der Mann, der ewig leben will

Der Bioingenieur Aubrey de Grey aus dem Silicon Valley setzt alles daran, den Tod abzuschaffen. Wie weit ist er? Von
ZEITmagazin Nr. 37/2018

Aubrey de Grey, 53 Jahre alt, schlank, Sweatshirt, Zopf, sitzt an einem windigen Herbstabend in einem Kopenhagener Hotelrestaurant und trinkt Tiger Beer. Mit seinem struppigen Bart, der weit über die Brust reicht, wirkt er wie ein Eremit, der eben seine Höhle verlassen hat.

De Grey ist überpünktlich zum vereinbarten Interview erschienen, er ist blass und sieht angegriffen aus. Die vergangene Nacht über ist er geflogen, von San Francisco aus, wo jetzt der Morgen anbricht, nach Dänemark, wo der Tag zu Ende geht. Jetlag? De Grey schüttelt den Kopf. "Jetlag ist kein Thema mehr für mich", sagt er. Sein Englisch ist very British, die Aussprache vernuschelt. "Für mich existieren keine Tage mehr. Es gibt Zeiten, in denen ich in der Luft bin, und Zeiten, in denen ich auf dem Boden bin." Als könne man sich ohne Weiteres ein Zeitgefühl antrainieren, das unabhängig von den Bedürfnissen des Körpers ist. Als sei der Körper eine Maschine, die sich kontrollieren lässt.

De Grey ist Wissenschaftler, ein Informatiker mit einem Faible für Biologie, und er fliegt rastlos um die Welt. Er hat sich ein großes Ziel gesetzt: den Weg in die alterslose Gesellschaft zu ebnen. Er sagt, Medizin und digitale Technologie machten es möglich, die gesunde Lebensspanne des Menschen Stück für Stück zu verlängern – womöglich bis hin zur Unendlichkeit. Der erste Mensch, der tausend Jahre alt wird, behauptet er, sei bereits auf der Welt.

Als brillant, aber durchgeknallt bezeichneten viele de Grey, als er um die Jahrtausendwende von Unsterblichkeit zu reden begann. Seither erklärt er diesen Menschheitstraum hartnäckig für etwas, das sich verwirklichen lässt. Der Verfallsprozess des Menschen könne aufgehalten werden, so seine These, wenn man nur rechtzeitig interveniere – indem man beispielsweise Organe austausche, bevor sie erkrankten. Er vergleicht dieses Vorgehen mit der Wartung eines Oldtimers, der nicht auseinanderfalle, wenn man regelmäßig den Rost beseitige. De Greys Ansatz gleicht dem eines Ingenieurs: Um den Alterungsprozess zu bekämpfen, müsse man ihn nicht notwendigerweise wissenschaftlich durchdringen. Auch Automechaniker hätten keine Ahnung von den physikalischen Gesetzen der Wärmeausdehnung eines Motors und könnten ihn trotzdem reparieren.

Dass sich menschliches Altern verzögern lässt, wenn man die körpereigenen Reparaturmechanismen unterstützt oder verschlissene Teile ersetzt, klingt logisch. Allein – es fehlen die notwendigen Methoden. Um diese zu entwickeln, betreibt de Grey Auftragsforschung über eine von ihm gegründete Stiftung, die SENS Foundation in Mountain View, Kalifornien. SENS steht für Strategies for Engineered Negligible Senescence, übersetzt etwa Strategien zur wirksamen Bekämpfung des Alterns. De Grey verfolgt als Theoretiker den Stand der internationalen Forschung, schreibt Bücher und Überblicksartikel, gibt eine Zeitschrift heraus und lobt Preise als Forschungsanreize aus.

Genom-Entschlüsselung und Digitalisierung haben die Medizin in den letzten Jahren so verändert, dass sich die Spanne der vitalen Jahre eines Menschen womöglich weiter ausdehnen lässt als von vielen angenommen. Eine neue Art von Medizin nimmt Form an, die viel präventiver vorgeht als bislang und Behandlungsmöglichkeiten bietet, die maßgeschneidert sind. Vor allem in Kalifornien hat sich eine Longevity-Bewegung herausgebildet, die fieberhaft an der Lebensverlängerung forscht. Als Vorreiter dieser Bewegung ist de Grey mit seinen kontroversen Thesen auf internationalen Konferenzen ein gefragter Redner. Beharrlich verteidigt er seine Vision einer Welt voll biologisch altersloser Menschen vor Wissenschaftlern, die ihn für unseriös halten, weil er scheinbar Unmögliches verspricht. Er lässt sich filmen, feiern und verspotten – aber niemals rückt er von seiner These ab.

Gut fünfzehn Jahre ist de Grey auf diesem Gebiet aktiv, und er hat es in der Zeit vom obskuren Außenseiter zum Mitglied der amerikanischen Gesellschaft für Gerontologie geschafft, die hauptsächlich konventionelle Altersforscher vereint. Doch noch hat er nicht bewiesen, dass der Alterungsprozess ein Problem ist, das man lösen kann. Unter Medizinern gilt de Grey auch wegen seiner großen Klappe als dubios. Seine Gegner fürchten, er beschädige mit seinen plakativen Aussagen die Ernsthaftigkeit ihrer Disziplin. Zudem unterschätze er als Theoretiker die Komplexität des menschlichen Organismus: Je größer ein Eingriff, desto größer die Chance, dass in der Folge etwas Unerwartetes geschieht. Gestaltet man etwa das genetische Programm einer Zelle gezielt um – eins der Lieblingsfelder von Bio-Ingenieuren wie de Grey –, so birgt diese Neuprogrammierung immer auch die Gefahr der Entstehung einer Tumorzelle. De Greys Modell der präventiven Reparatur ist jedoch bislang auch nicht widerlegt worden. Kaum einer behauptet, es sei grundsätzlich unmöglich.

De Greys Kritiker sagen, sein Ziel sei unrealistisch, weil mit einem Lebensalter von 120 Jahren eine kritische Grenze erreicht sei. Zwar ist die durchschnittliche Lebenserwartung des Menschen seit Beginn des 20. Jahrhunderts durch Fortschritte in der Medizin um 30 Jahre gestiegen – auf 83 Jahre bei Frauen und 78 Jahre bei Männern. Mit jedem Tag steigt sie ein bisschen weiter. In den vergangenen Jahrzehnten ist zudem das maximal von Menschen zu erreichende Lebensalter auf weit mehr als hundert Jahre gewachsen. Aber seit 1997 Jeanne Calment im Alter von 122 Jahren gestorben ist, ist niemand noch älter als die Französin geworden. Um nachweisen zu können, dass es weiter linear nach oben geht, müsste es heute deutlich mehr 120-Jährige geben. Allenfalls eine Erhöhung des durchschnittlichen Lebensalters auf 95 Jahre gilt unter Medizinern momentan als realistisches Ziel.

Andererseits sind de Greys Reparaturmechanismen auf niedrigem Niveau bereits Realität: Neue Nieren und künstliche Gelenke gehören zum Standardprogramm der Krankenhäuser. Zudem werden ausgereifte Zellen so umprogrammiert, dass sie wieder die Eigenschaften einer Stammzelle besitzen – und ein anderer Zelltyp daraus entstehen kann. So lässt sich beispielsweise eine Hautzelle in eine Muskelzelle verwandeln, was noch vor 15 Jahren undenkbar schien.

Kommentare

202 Kommentare Seite 1 von 24 Kommentieren