Unsterblichkeit: Der Mann, der ewig leben will

Der Bioingenieur Aubrey de Grey aus dem Silicon Valley setzt alles daran, den Tod abzuschaffen. Wie weit ist er? Von
ZEITmagazin Nr. 37/2018

Aubrey de Grey, 53 Jahre alt, schlank, Sweatshirt, Zopf, sitzt an einem windigen Herbstabend in einem Kopenhagener Hotelrestaurant und trinkt Tiger Beer. Mit seinem struppigen Bart, der weit über die Brust reicht, wirkt er wie ein Eremit, der eben seine Höhle verlassen hat.

De Grey ist überpünktlich zum vereinbarten Interview erschienen, er ist blass und sieht angegriffen aus. Die vergangene Nacht über ist er geflogen, von San Francisco aus, wo jetzt der Morgen anbricht, nach Dänemark, wo der Tag zu Ende geht. Jetlag? De Grey schüttelt den Kopf. "Jetlag ist kein Thema mehr für mich", sagt er. Sein Englisch ist very British, die Aussprache vernuschelt. "Für mich existieren keine Tage mehr. Es gibt Zeiten, in denen ich in der Luft bin, und Zeiten, in denen ich auf dem Boden bin." Als könne man sich ohne Weiteres ein Zeitgefühl antrainieren, das unabhängig von den Bedürfnissen des Körpers ist. Als sei der Körper eine Maschine, die sich kontrollieren lässt.

De Grey ist Wissenschaftler, ein Informatiker mit einem Faible für Biologie, und er fliegt rastlos um die Welt. Er hat sich ein großes Ziel gesetzt: den Weg in die alterslose Gesellschaft zu ebnen. Er sagt, Medizin und digitale Technologie machten es möglich, die gesunde Lebensspanne des Menschen Stück für Stück zu verlängern – womöglich bis hin zur Unendlichkeit. Der erste Mensch, der tausend Jahre alt wird, behauptet er, sei bereits auf der Welt.

Als brillant, aber durchgeknallt bezeichneten viele de Grey, als er um die Jahrtausendwende von Unsterblichkeit zu reden begann. Seither erklärt er diesen Menschheitstraum hartnäckig für etwas, das sich verwirklichen lässt. Der Verfallsprozess des Menschen könne aufgehalten werden, so seine These, wenn man nur rechtzeitig interveniere – indem man beispielsweise Organe austausche, bevor sie erkrankten. Er vergleicht dieses Vorgehen mit der Wartung eines Oldtimers, der nicht auseinanderfalle, wenn man regelmäßig den Rost beseitige. De Greys Ansatz gleicht dem eines Ingenieurs: Um den Alterungsprozess zu bekämpfen, müsse man ihn nicht notwendigerweise wissenschaftlich durchdringen. Auch Automechaniker hätten keine Ahnung von den physikalischen Gesetzen der Wärmeausdehnung eines Motors und könnten ihn trotzdem reparieren.

Dass sich menschliches Altern verzögern lässt, wenn man die körpereigenen Reparaturmechanismen unterstützt oder verschlissene Teile ersetzt, klingt logisch. Allein – es fehlen die notwendigen Methoden. Um diese zu entwickeln, betreibt de Grey Auftragsforschung über eine von ihm gegründete Stiftung, die SENS Foundation in Mountain View, Kalifornien. SENS steht für Strategies for Engineered Negligible Senescence, übersetzt etwa Strategien zur wirksamen Bekämpfung des Alterns. De Grey verfolgt als Theoretiker den Stand der internationalen Forschung, schreibt Bücher und Überblicksartikel, gibt eine Zeitschrift heraus und lobt Preise als Forschungsanreize aus.

Genom-Entschlüsselung und Digitalisierung haben die Medizin in den letzten Jahren so verändert, dass sich die Spanne der vitalen Jahre eines Menschen womöglich weiter ausdehnen lässt als von vielen angenommen. Eine neue Art von Medizin nimmt Form an, die viel präventiver vorgeht als bislang und Behandlungsmöglichkeiten bietet, die maßgeschneidert sind. Vor allem in Kalifornien hat sich eine Longevity-Bewegung herausgebildet, die fieberhaft an der Lebensverlängerung forscht. Als Vorreiter dieser Bewegung ist de Grey mit seinen kontroversen Thesen auf internationalen Konferenzen ein gefragter Redner. Beharrlich verteidigt er seine Vision einer Welt voll biologisch altersloser Menschen vor Wissenschaftlern, die ihn für unseriös halten, weil er scheinbar Unmögliches verspricht. Er lässt sich filmen, feiern und verspotten – aber niemals rückt er von seiner These ab.

Gut fünfzehn Jahre ist de Grey auf diesem Gebiet aktiv, und er hat es in der Zeit vom obskuren Außenseiter zum Mitglied der amerikanischen Gesellschaft für Gerontologie geschafft, die hauptsächlich konventionelle Altersforscher vereint. Doch noch hat er nicht bewiesen, dass der Alterungsprozess ein Problem ist, das man lösen kann. Unter Medizinern gilt de Grey auch wegen seiner großen Klappe als dubios. Seine Gegner fürchten, er beschädige mit seinen plakativen Aussagen die Ernsthaftigkeit ihrer Disziplin. Zudem unterschätze er als Theoretiker die Komplexität des menschlichen Organismus: Je größer ein Eingriff, desto größer die Chance, dass in der Folge etwas Unerwartetes geschieht. Gestaltet man etwa das genetische Programm einer Zelle gezielt um – eins der Lieblingsfelder von Bio-Ingenieuren wie de Grey –, so birgt diese Neuprogrammierung immer auch die Gefahr der Entstehung einer Tumorzelle. De Greys Modell der präventiven Reparatur ist jedoch bislang auch nicht widerlegt worden. Kaum einer behauptet, es sei grundsätzlich unmöglich.

De Greys Kritiker sagen, sein Ziel sei unrealistisch, weil mit einem Lebensalter von 120 Jahren eine kritische Grenze erreicht sei. Zwar ist die durchschnittliche Lebenserwartung des Menschen seit Beginn des 20. Jahrhunderts durch Fortschritte in der Medizin um 30 Jahre gestiegen – auf 83 Jahre bei Frauen und 78 Jahre bei Männern. Mit jedem Tag steigt sie ein bisschen weiter. In den vergangenen Jahrzehnten ist zudem das maximal von Menschen zu erreichende Lebensalter auf weit mehr als hundert Jahre gewachsen. Aber seit 1997 Jeanne Calment im Alter von 122 Jahren gestorben ist, ist niemand noch älter als die Französin geworden. Um nachweisen zu können, dass es weiter linear nach oben geht, müsste es heute deutlich mehr 120-Jährige geben. Allenfalls eine Erhöhung des durchschnittlichen Lebensalters auf 95 Jahre gilt unter Medizinern momentan als realistisches Ziel.

Andererseits sind de Greys Reparaturmechanismen auf niedrigem Niveau bereits Realität: Neue Nieren und künstliche Gelenke gehören zum Standardprogramm der Krankenhäuser. Zudem werden ausgereifte Zellen so umprogrammiert, dass sie wieder die Eigenschaften einer Stammzelle besitzen – und ein anderer Zelltyp daraus entstehen kann. So lässt sich beispielsweise eine Hautzelle in eine Muskelzelle verwandeln, was noch vor 15 Jahren undenkbar schien.

Auch wird längst mit digitaler Technik in die Nerventätigkeit eingegriffen – in Form sogenannter Cochlea-Implantate gegen Schwerhörigkeit zum Beispiel. Gewebezucht in der Petrischale gehört zu den großen Hoffnungsfeldern der Medizin: Knorpel, Knochen, Luftröhren und sogar eine funktionstüchtige Blase sind in verschiedenen Labors bereits erfolgreich gezüchtet worden. Auch an große, lebenswichtige Organe wagen sich Wissenschaftler: Im Fachbereich Tissue Engineering der Medizinischen Hochschule Hannover arbeitet man unter anderem daran, aus menschlichem Herzmuskelgewebe ein neues Herz zu gewinnen. De Greys Vision eines Ersatzteillagers für menschliche Organe erscheint also gar nicht so abwegig.

Das Gespräch mit dem übermüdeten de Grey im Kopenhagener Restaurant wird mehrmals durch einen starken Hustenanfall unterbrochen, er verflucht seine Erkältung und entschuldigt sich dann höflich. Glaubt er tatsächlich, der erste Mensch, der tausend Jahre alt werde, sei bereits auf der Welt? Oder war das eine Provokation – strategisch hinausposaunt in die Welt, um sich Gehör zu verschaffen? "Ich sage nichts, um zu provozieren. Ich sage einfach die Wahrheit, und viele Menschen empfinden das als Provokation." Er schüttelt entrüstet den Kopf.

"Mal angenommen, wir haben in zwanzig Jahren den Durchbruch geschafft, dann kann sich ein heute Dreißigjähriger mit fünfzig biologisch immer auf dem Stand eines Fünfzigjährigen halten." De Greys Hoffnung ist die Beschleunigung der Forschung, die "Longevity Escape Velocity". Mit jeder erfolgreichen Verjüngungstherapie werde Zeit erkauft, in der an weiteren Therapien gearbeitet wird, mit denen wiederum neue Zeit erkauft wird – bis schließlich die Forschung so ausgereift ist, dass der Alterungsprozess aufgehalten werden kann.

Was wäre, wenn man de Greys Blickwinkel einnimmt und Sterblichkeit nicht als unausweichliches menschliches Schicksal begreift, sondern als überwindbare Agglomeration von Alterskrankheiten wie Arthritis, Krebs, Alzheimer? Immer mal wieder verschieben sich in Wissenschaft und Gesellschaft grundlegende Sichtweisen: Homosexualität wurde ursprünglich als Krankheit behandelt, die man heilen kann. Suchtverhalten wurde lange nur als Willensschwäche betrachtet, während man jetzt auch biochemische Komponenten erkennt. Auch bei Depressionen werden neuerdings chronische Entzündungen als Ursache in den Blick genommen. Was als krank gilt und was als normal, ist auch ein gesellschaftliches Konstrukt. Ist es also womöglich an der Zeit, sich an den – befremdenden – Gedanken zu gewöhnen, dass die Lebensspanne verhandelbar ist und der Mensch demnächst viel länger lebt?

Aubrey de Grey jedenfalls hält den Glauben an die Unüberwindbarkeit des Todes für überholt: Die Menschen hätten es sich bequem gemacht in der Annahme, der Alterungsprozess sei unabänderlich. Man rede ihn sich aus Gewohnheit schön. "Die Entmystifizierung des Alterns kostet mich einen Großteil meiner Zeit", sagt er. Jede seiner Antworten hat fast den Umfang eines Lehrbuches, ist aber deutlich unterhaltsamer.

De Grey verwendet Stilmittel wie Ironie und Übertreibung – so, wenn er erzählt, was ihn dazu gebracht hat, sein Leben der Altersforschung zu verschreiben: "Ich habe Altern schon immer für das größte Problem der Menschheit gehalten, und es wäre mir nicht im Traum eingefallen, dass man das anders sehen kann. Als ich dann mit Ende zwanzig begriff, dass andere die Sterblichkeit des Menschen für normal halten und sie einfach hinnehmen, war das ein Schock. Es ist doch verrückt, damit seinen Frieden zu machen, man muss etwas dagegen tun! Und was tun die Menschen? Sie verklären das Alter als 'goldene Jahre'". De Grey streicht angesichts von so viel Dummheit kopfschüttelnd den langen Bart glatt.

Vor seinem Erweckungserlebnis mit Ende zwanzig hatte de Grey bereits in Cambridge ein Informatik-Studium abgeschlossen und arbeitete eine Zeit lang als Programmierer, nebenher beschäftigte er sich mit künstlicher Intelligenz. 1990 lernte er seine spätere Frau Adelaide Carpenter kennen, eine Biologie-Professorin, die Genforschung betreibt. Über Carpenter – eine, wie er sagt, fantastische Lehrerin – fand er Zugang zur Biologie. Dass ausgerechnet seine (inzwischen von ihm geschiedene) Frau als Biologin keinen besonderen Ehrgeiz gezeigt habe, das Altern zu bekämpfen, spornte ihn zusätzlich an. Im Selbststudium häufte er ungeheures Wissen an. 1999 veröffentlichte de Grey ein Buch zur Rolle freier Radikale im Alterungsprozess und erhielt einen Doktortitel in Biologie. Heute sagt er: "Ich bin mehr Technologe als Naturwissenschaftler. Jemand, der die Natur lieber manipulieren als verstehen will."

Seine mit Technikwissen unterfütterte Forschung führte de Grey fast zwangsläufig ins Silicon Valley, das von der Idee besessen ist, ein Mittel gegen den Tod zu finden. 2009 hat er im nordkalifornischen Mountain View seine SENS-Stiftung gegründet. Deren Website macht klar, dass für de Grey der Tod kein metaphysisches Problem ist, sondern ein technisches. Als könne Altern mit Geld und Forscherglück in absehbarer Zeit total aus der Mode kommen. Als ließe sich der menschliche Organismus neu programmieren.

Über die Stiftung vergibt de Grey Forschungsaufträge, um Wege zu finden, die körpereigenen Abwehr- und Reparaturkräfte leistungsfähiger zu machen – etwa über eine bessere Stammzellenerneuerung. Auch in stiftungseigenen Labors wird geforscht. Unter anderem will de Grey ein Medikament entwickeln, das schädliche Eiweißreste in den Zellen aufspaltet und abtransportiert – vergleichbar etwa mit dem Enzym Laktase, das als Tablette bei Laktose-Intoleranz hilft, Milch zu verdauen. Was theoretisch machbar klingt, ist in der Praxis extrem kompliziert. Ob das, was de Grey vorhat, jemals funktionieren wird, ist ungewiss.

Man kann sich seine Stiftung jedoch als einen Ort vorstellen, an dem Altersforschung schneller und aggressiver vorangetrieben wird als in klassischen Forschungseinrichtungen. SENS finanziert sich über Spenden von Unternehmern, die zukünftige Geschäfte mit Alterstherapien wittern. Der deutsch-amerikanische PayPal-Milliardär Peter Thiel und der russisch-kanadische Bitcoin-Millionär Vitalik Buterin haben große Summen überwiesen. De Grey selbst hat der Stiftung nach dem Tod seiner Mutter, einer Künstlerin, 2001 den Großteil seines Erbes vermacht: zehn Millionen Euro aus dem Verkauf des Familienbesitzes in Südengland. Seinen Vater hat de Grey nie kennengelernt. Er wird einsilbig, wenn man ihn nach seiner Herkunft befragt.

Schwerreiche Männer wie Thiel und Buterin wollen sich mit de Greys Hilfe den Traum vom ewigen Leben erfüllen. Sie möchten sich selbst Unsterblichkeit kaufen. Früher haben Unternehmer um die längere Jacht oder die blondere Frau konkurriert. Heute wird darum gewetteifert, wer länger lebt. Als sei das beste Leben jenes, das am längsten dauert. Und natürlich wollen sie Kapital daraus schlagen.

Begleitet man de Grey am Tag nach dem Interview im Restaurant in Kopenhagen, bekommt man den Eindruck, dass der Zeitpunkt vielleicht gar nicht mehr so weit entfernt ist, an welchem dem Menschen ein Körper-Upgrade zur Verfügung steht. De Grey ist auf Einladung der Singularity University Denmark in der Stadt, einem Ableger der Singularity University im Silicon Valley, die der für Google tätige Technik-Pionier Ray Kurzweil gegründet hat. Kurzweil und seine Mitstreiter behaupten, die großen Menschheitsprobleme mit digitaler Technik lösen zu können, sie arbeiten auf eine Zeit hin, in der Computer intelligenter sind als der Mensch. Ausgehend von der unter Wissenschaftlern umstrittenen Annahme, dass Technologie sich nicht linear, sondern exponentiell in einer Art Kettenreaktion weiterentwickelt, benennt Singularität den Moment, in dem der Fortschritt, sobald er ein bestimmtes Level erreicht hat, einen unvorstellbaren Sprung macht. Kurzweil sagt diesen Moment für das Jahr 2045 voraus. Auf einen Schlag wäre möglich, was bislang nur in Science-Fiction-Romanen existiert. Dann könnten intelligente Programme noch intelligentere Programme schreiben, ein Computer und ein menschliches Gehirn wären nicht mehr zu unterscheiden. Der digitale Urknall.

In Kopenhagen findet in diesen Herbsttagen der Singularity Summit statt – ein Gipfeltreffen der Technikgläubigen, auf dem Unternehmer und Investoren aus der Tech-Branche auf einer großen Bühne Stimmung machen für eine Zeit, in der Computer alles können, was auch Menschen können – nur besser. Schauplatz ist die Königliche Oper, ein hochmodernes Gebäude auf einer Insel mitten in der Stadt. Noch bevor man drinnen seinen Mantel abgibt, begegnet einem draußen die Zukunft in Form von selbstfahrenden Autos. Wer mag, kann eine Runde im autonomen Viersitzer drehen, bevor er sich beim Kongressempfang zur Registrierung anstellt.

Ein Ticket für die zweitägige Veranstaltung kostet 2000 Euro. Das auf tausend Plätze begrenzte Kontingent sei längst ausverkauft, heißt es im Veranstaltungsbüro. Viele Mitarbeiter aus europäischen Tech-Start-ups sind gekommen. Auch ein paar klassische Branchen sind vertreten – der Angestellte eines Logistikunternehmens aus der Schifffahrt etwa, ein kräftiger Mann um die vierzig. Sein Chef hat ihm das Ticket spendiert, damit er auf ein paar innovative Ideen kommt. "Meine Firma ist sehr analog. Ein bisschen Artificial Intelligence würde uns wahrscheinlich guttun", sagt er und schaut sich hilfesuchend um.

Der Konferenzbeginn ist so pompös inszeniert wie eine Show im Berliner Revuetheater Friedrichstadtpalast: laute, sphärische Musik, dann auf einer violetten Großleinwand Videobotschaften aus dem Silicon Valley von Ray Kurzweil und Peter Diamandis, einem ehemaligen Luftfahrtingenieur. Diamandis hat mit Craig Venter, dem Pionier der Genanalyse, die Firma Human Longevity gegründet, die mithilfe von Genomik, Informatik und Stammzelltherapie an der Verlängerung der gesunden Lebensspanne arbeitet.

Eine zierliche Frau mit Kleopatra-Haarschnitt und einem asymmetrisch geschnittenen Outfit in schrillen Pinktönen moderiert die Veranstaltung. Es ist Laila Pawlak, Gründerin der dänischen Singularity-Universität. Während ihrer Begrüßungrede fordert sie die Zuhörer auf, etwas sehr Undänisches zu tun: Kontakt zu den Sitznachbarn aufzunehmen und ihnen die Hand zu geben. Was als Auftakt zum Netzwerken und Wissenstransfer gedacht ist – Hauptzweck des Summits –, erinnert an das "Friede sei mit dir" einer katholischen Messe. Technologie sei Religionsersatz, heißt es ja, und in diesem Moment hat man tatsächlich den Eindruck einer eingeschworenen Gemeinschaft.

Pawlaks Energie ist raumgreifend. Das Ziel technischer Singularität beschwörend, ruft sie immer wieder "Lasst uns exponentiell sein!" und begrüßt jeden neuen Redner auf der Bühne, indem sie ihn wie eine Basketball-Spielerin abklatscht. All das wirkt arg gekünstelt, und plötzlich ahnt man, warum Aubrey de Grey seinen langen Bart als Markenzeichen pflegt: Er steht für Natürlichkeit in einem hochartifiziellen Kontext.

In der von Pawlak aufgepeitschten Stimmung stürmt de Grey auf die Bühne. Das Publikum begrüßt ihn jubelnd, viele sind vor allem seinetwegen gekommen. Sie wollen hören, dass sich möglicherweise etwas gegen das Altwerden machen lässt, egal wie vage und theoretisch das auch sei. De Grey trägt einen braunen Cord-Blazer, auf seiner Brust baumelt an einem Band die Klarsichttasche mit seinem Namen, die ihn als Redner ausweist – und ihm die Ausstrahlung eines unbegleiteten Minderjährigen auf einem Langstreckenflug verleiht. Einen Moment lang blinzelt er ins Scheinwerferlicht, ruft "Toller Ort, Leute!", und beginnt seinen Vortrag mit den Worten: "Was ihr von mir hören werdet, ist kein Wischiwaschi über Anti-Aging-Produkte, auf die sich ein gigantischer Industriezweig gründet, obwohl sie nicht funktionieren." Mit Hyaluronsäurespritzen und Vitaminpillen, mit Intervallfasten, calorie restriction oder was sonst gerade als Verjüngungsstrategie im Gespräch ist, gibt er sich nicht ab. Während er in langen Schritten die Bühne abschreitet, stellt er seine Roadmap zum ewigen Leben vor. Wirft einen Chart über die "7 Kategorien von Verschleiß" an die Leinwand – also über all die Alterserscheinungen, die es im menschlichen Organismus zu beheben gelte. "Die gute Nachricht ist: Die Gründe für Verschleiß sind immer dieselben, sie haben sich seit Jahrzehnten nicht verändert. Das erleichtert es, Lösungen zu finden." Die Abfallprodukte des Stoffwechsels im Körper vergleicht er mit Hausmüll: "Wenn ihr eine Woche lang den Müll nicht rausbringt, habt ihr ein Problem, stimmt’s?" Als er seinen Vortrag beendet hat, klatscht und johlt das Publikum so begeistert wie bei keinem anderen Redner. De Grey hat den Saal mit der Unverfrorenheit eines guten Showmasters erobert.

Andere Referenten berichten auf der Konferenz von Kontaktlinsen, die über eine App den Glukose-Level von Diabetikern ablesen, und von Implantaten, die automatisch Medikamente abgeben. Von Neurotrackern ist die Rede – einem Verfahren, das durch Niedrigwellen die natürlichen körpereigenen Fähigkeiten durch die Stimulierung der Nervenzellen unterstützt. Man lernt Drohnen kennen, die Blutproben in Rekordzeit transportieren, und Bakterienzüchtungen, welche die Qualität von verschmutzten Gewässern verbessern. Eine wissenschaftlich-technologische Erfolgsgeschichte jagt an diesem Tag die nächste, und mit jeder weiteren erscheint de Greys Zitat vom Tausendjährigen weniger verrückt.

Ein paar Wochen zuvor ist das anders gewesen. Da referiert de Grey in Deutschland auf einem internationalen Symposium der Universität Halle zur Altersforschung. "Modulating Ageing: From Molecular Biology to Clinical Perspectives" heißt die Konferenz, auf der Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen zwei Tage lang ihre Forschungsergebnisse vorstellen und diskutieren. Wird von der digitalen Community in Kopenhagen die Zukunft in großzügigen, kühnen Strichen gezeichnet, verdient man sich in Halle ausschließlich über wissenschaftliche Nachweisbarkeit Respekt. Hier im analogen Medizin-Establishment wird Kompetenz mit der Anzahl wissenschaftlicher Publikationen gleichgesetzt. Hier gilt de Grey bestenfalls als Theoretiker, der steile Thesen vertritt. Schwer zu sagen, was mehr Mut erfordert: ihn einzuladen – oder der Einladung zu folgen.

In der wissenschaftlichen Community zu bestehen hat größere Bedeutung für de Grey als der Applaus in Kopenhagen. Denn um Investoren für seine Forschung zu interessieren, muss diese in klinischen Studien abgesichert sein. Zudem geht es de Grey bei einer Veranstaltung wie dieser auch um den Nachwuchs. Er will Studenten begeistern. Die seien in ihrem Denken noch weniger festgelegt, sagt er.

Neue Mitstreiter sucht er auch über soziale Netzwerke: Auf Twitter bezeichnet er sich als "Speerspitze" einer weltweiten Bewegung, und auf seinem Facebook-Titelbild prangen leuchtend orange die Worte "reimagine aging" – eine Aufforderung, das Altern neu zu denken. Wie populär das ist, zeigt etwa der Film Sollen wir das Altern für immer beenden ? auf dem YouTube- Kanal Kurzgesagt – In a Nutshell, der Bildungsvideos zu Wissenschaftsthemen allgemein verständlich aufbereitet und von ARD und ZDF finanziert wird. Seit der sechsminütige Animationsfilm vor einem Dreivierteljahr auf Deutsch ins Netz gestellt worden ist, wurde er mehr als vier Millionen Mal aufgerufen. Why die?, die englische Fassung des Animationsfilms, ist eindeutig von de Grey inspiriert: Einer der Protagonisten trägt den gleichen langen Bart.

Die erste Vortrags-Session in Halle beginnt pünktlich um acht Uhr, de Grey kommt etwas später direkt vom Flughafen und schleicht sich, eine Segeltuch-Tasche in der Hand, in den Hörsaal. Seine zum Zopf gebundenen Haare sind verstrubbelt – er ist über Nacht aus den USA angereist. Über die Sitzlehne hinweg schwingt er sich in die hinterste Reihe, verstaut die Reisetasche unter der Bank und klappt seinen Laptop auf. Fast alle im Hörsaal tragen Blazer oder Kostüme, de Grey trägt Sweatshirt und Jeans. Doch nicht nur äußerlich prallen Welten aufeinander. Zu den Ergebnissen, die an diesem Tag in Halle präsentiert werden, gehört unter anderem der laborgestützte Nachweis, dass mehrere Tassen Kaffee täglich bei alten Leuten das Risiko einer kardiovaskulären Erkrankung reduzieren. Vor diesem Hintergrund wirkt de Grey so exotisch wie ein Hightech-Programmierer im Kegelclub.

Gemeinsam mit einer Medizinhistorikerin, einem neunzigjährigen Pathologieprofessor aus Washington und einem britischen Philosophen erörtert de Grey im Hörsaal ethische Probleme. Je länger man de Grey begleitet, desto mehr treten ethische Fragen in den Vordergrund: So mächtig sind die Möglichkeiten von Medizintechnik und synthetischer Biologie geworden, dass die Entwicklung irgendwann nur noch durch die Forschung einschränkende Gesetze aufzuhalten ist. Die Frage ist: Wo soll man die Grenze ziehen?

Bevor er dran ist, macht de Grey einen Power-Nap. Sein Kopf liegt regungslos auf der Holzbank in der letzten Reihe, während es am Rednerpult um Zellmobilität, epigenetischen Stress und Fibroblasten geht. Als er aufwacht, schüttelt er sich wie eine Katze und holt sich einen Kaffee. Nachdem er sich als Redner vorgestellt hat – "Ich bin ein Biogerontologe aus Mountain View, Kalifornien" –, hetzt er fünf Minuten lang durch seine Vision einer alterslosen Welt. Behauptet, die Menopause bei Frauen sei "so reversibel wie alles andere auch". Sagt: "Wenn wir Malaria bekämpfen, sollten wir auch das Altern bekämpfen." Jeder Satz ist eine Provokation für das Wissenschafts-Establishment – aber die Gesichter im Publikum sind ausdruckslos, niemand lacht oder stöhnt. Die Wissenschaftsgemeinde lauscht de Grey so aufmerksam wie die Singularity-Jünger in Kopenhagen.

So überrascht es nicht, dass in der Diskussion kein Natur-, sondern ein Geisteswissenschaftler als heftigster Kritiker de Greys auftritt: Ian Ground, Philosoph an der Universität Hertfordshire, reibt sich auf dem Podium an dem Gedanken, das Alter abschaffen zu wollen. Wenn man dieses Ziel verfolge, definiere man automatisch die späten Lebensjahre als sinnlos, sagt er. Man reduziere sie allein auf den körperlichen Verfall und entwerte Qualitäten wie Lebenserfahrung und Altersweisheit. Und mehr noch: Wenn man in den natürlichen Evolutionsprozess eingreifen und eine Generation als die letzte Generation alter Bauart verewigen würde – wer soll entscheiden, ob sie das wirklich wert ist? "Are we really the best generation ever? Are we worth to be preserved?" Grounds Frage liegt bleischwer im Raum, sie bleibt unbeantwortet. Was das Leben einem zu bieten hat, sei nicht ans Alter gebunden, argumentiert der Philosoph. "Altes Leben ist nicht nutzlos", ruft er in den Hörsaal und schaut den eigenen Worten wie ratlos hinterher.

Eine andere Frage kontert de Grey mühelos, denn sie wird ihm oft gestellt: Wer sorgt dafür, dass nicht nur reiche Menschen von den neuen Therapien profitieren? Würde am Ende nicht eine kleine Elite den Planeten beherrschen? "Im Gesundheitswesen werden jeden Tag astronomische Summen für alte kranke Menschen ausgegeben. Viele Krebstherapien sind unfassbar teuer. Wir versuchen mit unserer Medizin ja längst, das Leben zu verlängern. Wir machen es einfach nur sehr ineffizient", poltert de Grey. Die Therapien, an denen er forscht, würden anfangs vielleicht teuer sein, dann aber sehr schnell bezahlbar werden – so wie auch die Preise von Mobiltelefonen sehr schnell gesunken sind. "Nicht der Gedanke, die Natur zu manipulieren, ist unmoralisch, sondern der Gedanke, einer alternden Gesellschaft neue Therapien vorzuenthalten."

Der Mann, der Aubrey de Grey eingeladen hat, um die Diskussion in Halle aufzumischen, heißt Andreas Simm und sagt: "Aubrey bringt uns dazu, eingefahrene Wege zu verlassen und neue zu gehen. Davor habe ich viel Respekt." Simm, Anfang fünfzig, ist Professor für Herzchirurgie und Direktor des Interdisziplinären Zentrums für Alternsforschung an der Universität Halle. Die Mitteldeutsche Zeitung hat ihm den Spitznamen "Methusalem-Professor" verliehen, weil er keine Möglichkeit auslässt, um auf die Dringlichkeit des Themas Altern hinzuweisen: Spätestens in 20 Jahren, wenn 35 Prozent der Deutschen älter als sechzig Jahre alt sind und die Babyboomer-Generation mit ihren Altersgebrechen die medizinischen Kapazitäten sprengen, würden die westlichen Gesundheitssysteme kollabieren. Mit jedem Tag, der vergeht, werde es dringlicher, die gesunde Lebensspanne zu verlängern. Auch der Mediziner Simm arbeitet daran – sein Fahrplan ist jedoch viel bescheidener als der von de Grey: Wenn man mit 90 noch geistig und körperlich fit sei, dann sei es okay, mit 95 zu sterben, sagt er.

De Greys Ziel der sprunghaften Lebensverlängerung auf viele Hundert Jahre hält Simm für illusorisch: "In unmittelbarer Zukunft wird das nicht gelingen. Wir werden immer näher an die maximale Lebenserwartung heranrücken, aber diese nicht überschreiten." Ob das irgendwann gelingt, schließt er nicht aus: "Ich halte es nicht für unmöglich."

Statt zum Galadinner fährt Aubrey de Grey nach der Diskussion zum Flughafen Leipzig. Von dort geht es weiter nach London, wo er vor einer Lebensversicherungsgesellschaft sprechen wird. Solche Einladungen bekommt er häufig, denn die Frage, wie sich Altern unter veränderten Bedingungen finanzieren lässt, treibt globale Konzerne um. Swiss Life etwa, der größte Schweizer Lebensversicherungskonzern, hat unlängst eine Studie über "Digital Ageing. Unterwegs in die alterslose Gesellschaft" erstellen und darin eine detaillierte Skizze des "Ageless Ager", des alterslos Alternden, anfertigen lassen. Verglichen mit dem Silicon Valley steckt die Longevity-Bewegung in Europa noch in den Anfängen. Nur in Russland wird die Langlebigkeitsforschung ähnlich intensiv betrieben wie in Kalifornien. Ein bisschen erinnert das an den Wettstreit der Systeme im Kalten Krieg: Ging es damals darum, den ersten Mann auf den Mond zu schicken, will man heute als Erster ein wirksames Mittel zur Lebensverlängerung auf den Markt bringen.

Aber auch in Deutschland arbeitet man daran, Kapital daraus zu schlagen, dass die Digitalisierung in absehbarer Zeit zu einem Upgrade des Menschen führen könnte. Wie Trüffelschweine suchen potenzielle Gründer auf wissenschaftlichen Konferenzen nach Projekten, in die es sich zu investieren lohnt. Eine von ihnen ist Alexandra Bause, 33, Miteigentümerin von Apollo Ventures, einer Early-Stage-Investment-Firma aus Hamburg. "Die Forschung ist in Deutschland unglaublich stark, aber es fehlt der Anreiz, das Wissen zu kommerzialisieren. Wir wollen das Wissen aus den Laboren holen", sagt sie. Unternehmergeist ist bei den meisten deutschen Akademikern verpönt – anders als in den USA, wo Wissenschaftler finanziell weniger abgesichert sind und engere Verbindungen zum Markt pflegen, weil sie ihre Stellen teilweise selbst finanzieren müssen.

Bause schätzt, dass es in fünfzehn Jahren eine durchschnittliche Lebenserwartung von hundert Jahren geben wird. Weitere 25 Jahre würde es dauern, Medikamente zu entwickeln, die den Alterungsprozess nachhaltig hinauszögern. Bis es so weit ist, hält sich Bause mit Autophagie fit: Sie nimmt Nahrung nur zwischen 11 und 19 Uhr auf. Diese Form von Intervallfasten fördert angeblich die zelleigene Müllabfuhr: Geschädigte Proteine würden abgebaut und wiederverwertet. Der Japaner Yoshinori Ohsumi hat diese Mechanismen analysiert und ist für seine Arbeit vor zwei Jahren mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden.

Fragt man Aubrey de Grey, mit welchen Maßnahmen er sein eigenes Verfallsdatum hinauszögert, greift er am Restauranttisch in Kopenhagen demonstrativ zur Bierflasche und sagt: "Ich ernähre mich vernünftig, das ist alles." Wenn er ein paar Tage frei habe, ziehe er sich in sein abgelegenes Haus in Nordkalifornien zurück, wo er mit seiner Freundin lebt, setze sich draußen in den Hot Tub und schaue in die Sterne. Aubrey de Grey lädt seine Batterien in den Bergen auf. Anders gesagt: Der Mann, der den Tod austricksen will, sucht den Frieden der Natur.

Hinter der Geschichte

ZEITmagazin-Redakteurin Ilka Piepgras hat sich intensiv mit dem Tod beschäftigt, bevor sie sich dem Thema Unsterblichkeit widmete – sie schrieb ein Buch über ihre Erfahrungen als Sterbegleiterin, das voriges Jahr erschien: "Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr". Bei den Recherchen stieß sie auf de Grey – und wollte seine Thesen nicht glauben. Nach Gesprächen mit ihm und anderen Wissenschaftlern hält sie es nun für möglich, dass seine Vision auf das Leben ihrer Kinder enormen Einfluss haben wird.

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