Gerti Guhl "Die Schoppenstube war unser großes Wohnzimmer für alle"

Die ehemalige Wirtin der legendären Fraunhofer Schoppenstube erzählt, wie sie ohne ihr Lokal weiterlebt. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung

ZEITmagazin München: Frau Guhl, Sie und Ihr Mann führten über 40 Jahre lang in München das legendäre Nachtlokal Fraunhofer Schoppenstube. Waren Sie schon immer ein Nachtvogel?

Gerti Guhl: Ja, immer schon und auch heute noch. Mein Leben ist total umgedreht, nachts bin ich wach, um sechs in der Früh schlafe ich ein, und gegen Mittag stehe ich auf.

ZEITmagazin München: Sie sind 1947 geboren. Wie sind Sie aufgewachsen?

Guhl: Unter ärmlichen Verhältnissen. Meine Eltern haben mich mit zehn Jahren aus dem Hort genommen, weil der Geld gekostet hat. Von da an habe ich immer nur gearbeitet. Mit 14 schickten sie mich in ein kleines Hotel, das Wachau in Großhadern, wo mich die Serviermeisterin und der Küchenchef als Lernmädchen aufnahmen. Ich habe jeden Tag 16, 17 Stunden gearbeitet, auch am Wochenende. Von dem Taschengeld, das ich bekam, haben sie einen Teil behalten. Nach meiner Ausbildung sollte mir das als Startgeld ausbezahlt werden. Doch sie wollten ihr Versprechen dann nicht einhalten.

ZEITmagazin München: Sie haben das hart verdiente Geld nie erhalten?

Guhl: Doch, denn zum Glück hatte ich damals schon meinen Mann Werner kennengelernt. Er hat die Musik in der Wachau gemacht. Wenn er gesungen hat, war das für mich das Highlight des Tages. Ich war erst 17 und er schon 28. Werner hat sich für mich eingesetzt. Er ist mit mir zu einem Rechtsanwalt gegangen, und so habe ich wenigstens den Lohn bekommen, der mir zustand. Er wurde dann aus der Wachau rausgeschmissen und hat woanders einen Job als Musiker bekommen. Er musste bis vier Uhr früh spielen. Ich wollte deshalb auch einen Job haben, bei dem ich nachts arbeiten kann. Ihm zuliebe habe ich mit 25 Jahren die Schoppenstube als Wirtin übernommen.

ZEITmagazin München: Warum waren Sie mit der Schoppenstube so erfolgreich?

Guhl: Ich habe erlebt, wie rücksichtslos und unkorrekt die Menschen, einschließlich meiner Eltern und meiner Lehrherren, waren. Ich habe deshalb immer versucht, korrekt zu sein. Ich habe alle gleich behandelt und respektiert. Wenn wir am Dienstag Ruhetag hatten, haben sich die Gäste gar das Leben genommen, weil keiner da war, der sich nachts ihren Kummer angehört hat. Die Schoppenstube war unser großes Wohnzimmer für alle, ob arm oder reich.

ZEITmagazin München: Ihr Mann wurde Jahre später schwer krank und ist 2007 verstorben. Wie war es für Sie, die Schoppenstube allein weiterzuführen?

Guhl: Es war eine schwierige Zeit, ich musste die Schoppenstube führen, während ich mich um meinen Mann gekümmert habe. Er war über elf Monate schwer krank, nach seinem Tod wollte ich wieder weitermachen, aber es ging nicht. Es war plötzlich keine Musik mehr da. Während seiner Krankheit habe ich keinen anderen Musiker hereingelassen, weil ich Angst hatte, meinem Mann vor den Kopf zu stoßen. Nach seinem Tod meinten einige Stammgäste: Gerti, bei dir ist nichts mehr los. Die waren ganz schön kess. Ich habe ihnen gesagt, dass ich in Trauer bin, doch die Gäste wollten feiern und sagten mir, dass bei mir schon wieder was los wäre, wenn ich nur wieder Musik zulassen würde. Ich stellte also ein Akkordeon, eine Gitarre und eine Hammondorgel bereit. Jede Nacht wurde live gespielt. Das war für mich die große Rettung.

ZEITmagazin München: Wie gelang es Ihnen, diese schwierige Zeit körperlich und mental durchzustehen?

Guhl: Ich habe eine Yogalehrerin kennengelernt. Sie hat mich psychisch aufgebaut und immer wieder darin gestärkt, dass ich auf mich selbst Rücksicht nehmen muss und nicht alles in mich reinfressen soll und mich nicht mit der Krankheit und dem Tod von Werner quäle. Seitdem mache ich jede Woche Yoga. Ich war mein ganzes Leben für andere da und habe jetzt erst gelernt, Menschen auch mal Nein zu sagen.

ZEITmagazin München: Die Schoppenstube musste 2013 schließen, weil die Hausbesitzer die Immobilie luxussanieren wollten. Wie ist das Leben ohne Ihr Wohnzimmer?

Guhl: Die Gäste und die Freunde fehlen mir sehr. Ich habe so viele liebe, interessante Menschen kennengelernt, die Schauspieler und Musiker. Manche kamen als Studenten und sind später als Ärzte wiedergekommen. Als wir aufgeben mussten, waren wir alle sehr traurig. Die ganze Einrichtung haben wir versteigert und einem Kinderhospiz gespendet. Ich habe das Beste daraus gemacht, und wenn ich mein Handy anschaue, sind da viele Menschen von früher eingespeichert. Sie schreiben mir immer wieder und fragen zum Beispiel, wann wir das nächste Schoppenstubentreffen machen.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und wohnt in München. Er schätzt den dichten Kultur-Kalender und die Biergärten der Stadt. Er traf Guhl in der Augustiner Gaststätte am Viktualienmarkt.

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