Hostels I love Munich

In der Senefelderstraße am Hauptbahnhof stehen lauter Hostels: Eine Welt, die kaum ein Münchner kennt Von

Eigentlich müsste Tudor einpacken, aber jetzt räumt er seinen ganzen Rucksack wieder aus: das weiße T-Shirt, das er nun schon zwei Wochen als Handtuch benutzt, seitdem er sein richtiges Handtuch verloren hat; den Bierkrug, den er im Englischen Garten geklaut hat. Er sucht das einzige Paar saubere Socken, das irgendwo in seinem Reisegepäck sein müsste. Es ist sein letzter Tag in München, morgen geht der Flug nach Montreal. Nach Hause. Er ist hier, weil die Flüge aus Kanada günstig waren. Und weil er München einfach "so German" findet. Deutsch, das sind rote Dächer und Gründerzeithäuser. München, sagt Tudor, sei die deutscheste Stadt überhaupt. Zwei Monate lang ist er durch Europa gereist, am 27. Juni ist er losgeflogen, seitdem hat er etwa 3000 Euro ausgegeben, für Hostelbetten, Drogen und Döner.

Eine Nacht im Zehn-Bett-Schlafsaal im Jaeger’s Hostel in der Senefelderstraße kostet 27 Euro – genau so viel wie das 24-Stunden-Ticket im Parkhaus nebenan. Niemand bleibt für länger in der Senefelderstraße, in der drei Hostels nebeneinander stehen, drei Hotels, ein Reisebüro, ein internationaler Supermarkt und zwei Kioske, die internationale SIM-Karten verkaufen. Die Senefelderstraße, die vom Hauptbahnhof nach Süden führt, ist ein großer Kurzzeitparkplatz, für Autos einerseits, aber hauptsächlich für Menschen. Die Backpacker in den Hostels, die Gäste in den Hotels, und die Leute, die auf der Straße stehen und einander in fremden Sprachen etwas zurufen, Persisch, Arabisch, Englisch – sie alle versuchen miteinander auszukommen, für einen Nachmittag oder ein paar Nächte.

Tudor hat die Socken nicht gefunden, es bleibt unklar, ob es sie wirklich gibt. "Ist ja egal, juckt hier keinen", sagt er und zieht sich gelbe Turnschuhe an. In Hostelzimmern juckt tatsächlich niemanden irgendetwas. Die Stockbetten sind aus Metall, die Matratzen dünn, an den Wänden kleben Flecken – es könnte Blut sein oder Ketchup. Sylvia aus Hongkong juckt das genauso wenig wie Lisa aus Kiew, Valeria aus Russland, Hanna aus Irland oder Jason aus Missouri, Tudors Bettnachbarn.

Es gibt eine Wirtschaftstheorie, die besagt, dass sich Firmen, die das Gleiche verkaufen, nahe beieinander ansiedeln sollten. Auf der Fraunhoferstraße gibt es drei Antiquitätenläden, um Rosental und Oberanger drei Trachtenläden – und auf der Senefelderstraße eben drei Hostels. Das Jaeger’s ist etwas günstiger als die anderen, das Euro Youth hat die beste Bar, das Wombat’s sieht von innen am schicksten aus – vor allem in koreanischen Internetforen hat sich herumgesprochen, wie sauber es hier ist. "Es ist das McDonald’s der Hostels", sagt eine Frau aus Südkorea, die sich in Europa Ellie nennen lässt, ihren eigentlichen Namen könne hier keiner aussprechen. Das Wombat’s ist eine Kette, mit fünf Hostels in fünf europäischen Städten. "Egal wo du eincheckst, du kannst dich drauf verlassen, dass es okay ist", sagt Ellie. Gestern ist sie angereist, mit vier Freunden. Alle sitzen jetzt mit ihr in der Lobby und warten darauf, dass ihre Haare trocknen, in die sie rosafarbene Lockenwickler gedreht hat.

Samstagabend, in der Bar des Wombat’s, alle Cocktails kosten 5 Euro, der Rotwein 3 Euro – "can I have a Helles?", fragt Darran, "danke schön", 2,50 Euro. Darran ist 20 Jahre alt, seine dunkelbraunen Haare trägt er schulterlang. Darrans Eltern sind gerade in Garmisch, Familienurlaub, darauf hatte er keine Lust. Also ist er nach München gefahren, die nächstgrößere Stadt, Acht-Bett-Schlafsaal, fünf Nächte, die Bar wird er an keinem seiner Abende hier verlassen. "Ich habe vorhin einen Amerikaner gefragt, ob er heute noch ausgehen will", sagt Darran. "Der hat mich angeguckt, als hätte ich seine Mutter ermordet." Schließlich sind die Preise nirgends so gut wie in der Hostelbar. Darran hat eine Gruppe aus Irland kennengelernt, mit der er jetzt um einen Tisch sitzt und Lieder von Britney Spears singt. Sie hätten sich genauso gut in Dublin oder Cork kennenlernen können. Nur das Bier wäre dunkler gewesen.

Klar, ein bisschen was hat Darran von München gesehen. Er war in der Frauenkirche, die in den Hostelbars der Senefelderstraße als "The Cathedral" gehandelt wird, die auf dem Gratis-Stadtplan markiert ist, 15 Minuten zu Fuß von hier. Darran war beeindruckt von dem "giant fucking crucifix", das von der Decke hängt. Eigentlich hätte er eine "Free Walking Tour" machen wollen, die jeden Tag um 10.45 Uhr in der Lobby startet, ein Guide führt einmal über den Viktualienmarkt und den Odeonsplatz zum Englischen Garten und erwartet dafür nur eine Spende. Aber um zehn Uhr aufstehen, das war ihm dann doch zu früh. Überhaupt sind geführte Touren nicht besonders beliebt bei den Hostelgästen auf der Senefelderstraße. Für sie geht es beim Reisen ums Entdecken – nicht darum, Sehenswürdigkeiten abzuhaken. "Ich laufe einfach ein bisschen rum und gucke mir an, was ich auf dem Weg so sehe", sagt Darran.

Während Darran in Oops, I Did it Again einstimmt, stehen drei Koreanerinnen um einen Billardtisch. Sie spielen die koreanische Version des Spiels, bei der man nur vier Kugeln benutzt. Am Rand der Bar hat eine Familie auf einem großen Tisch ein Brettspiel aufgebaut: Auf den Spuren von Marco Polo. Bunte Steine und Karten liegen ordentlich nebeneinander. "Wir spielen das zu Hause auch immer", sagt einer der beiden Söhne. Und Darran sagt: "Reisen bedeutet eigentlich auch nur, sich woanders zu betrinken als zu Hause."

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