Islamischer Staat Zurück aus dem Dschihad

© Felix Decombat
Rudolf S. ist einer von fast 1.000 Deutschen, die sich dem Islamischen Staat in Syrien und im Irak angeschlossen haben. Jetzt ist er wieder hier. Wie soll die Gesellschaft mit IS-Rückkehrern wie ihm umgehen? Von
ZEITmagazin Nr. 38/2018

Am 3. November 2016 verurteilt das Oberlandesgericht Düsseldorf den 26 Jahre alten Rudolf S. wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten. Nach der Urteilsverkündung fragt ihn sein Anwalt Klaus Rüther, ob er ihm etwas ins Gefängnis mitbringen soll. Ja, sagt Rudolf S.: das neue Album von Metallica, Hardwired ... to Self-Destruct. Das würde ihn freuen.

Justizvollzugsanstalt Schwerte, 14 Monate später, ein Wintermorgen im Januar 2018. Im Besucherraum 1 steht ein Tisch mit vier Stühlen, das Fenster ist so weit oben, dass es keinen Blick auf die umliegenden Wälder gestattet. Rudolf S. sitzt zurückgelehnt auf seinem Stuhl, ein glatt rasierter, junger Mann mit kurzen braunen Haaren und grünbraunen Augen. Er trägt Jeans und blaues T-Shirt, einen JVA-Gürtel mit Plastikschließe, er lächelt, wirkt offen und sehr gesund. So wie man sich vielleicht einen Gewinner von "Jugend trainiert für Olympia" vorstellen würde. Einmal, als die Luft im Raum stickig wird, steht Rudolf S. auf und versucht das Fenster zu öffnen. Als habe er für einen Moment vergessen, dass er im Gefängnis sitzt. Er grinst verlegen. Es ist der erste von drei Besuchen des ZEITmagazins in Schwerte. Der erste von drei Versuchen, herauszufinden, wie die Zukunft von Rudolf S. aussehen könnte.

Diese Geschichte beschäftigt sich mit der Frage, ob Dschihad-Veteranen nach ihrer Rückkehr aus dem Nahen Osten wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden können. Oder ob sie eine Gefahr darstellen – möglicherweise solange sie leben. Es wird um die Schwierigkeit gehen, das einzuschätzen. Und um die Menschen, die befinden sollen, ob ein Rückkehrer geläutert ist oder immer noch ein Risiko für die Allgemeinheit darstellt: Verfassungsschützer, Wissenschaftler, Mitarbeiter von Deradikalisierungsinitiativen.

Am I Savage? heißt einer der Songs auf dem Metallica-Album, das Rudolf S. sich gewünscht hat: "Bin ich barbarisch?" Die erste Strophe fängt so an: "Renn weg, die Vergangenheit wird dich beißen / Ganz egal, wo du dich aufhältst."

Die Vergangenheit, die Rudolf S. mit sich herumschleppt, sieht so aus: Im Herbst 2013, er ist 23 Jahre alt, reist er von Düsseldorf über die Türkei nach Syrien, schließt sich der Dschihadistengruppe "Soldaten Syriens" an, läuft aber bald mit anderen deutschen Freiwilligen zum IS über. Dort lernt er, wie man Sturmgewehre zusammenbaut, schiebt nachts Wache, betet und treibt Sport. An Kämpfen nimmt er nicht teil. Nach zehn Wochen kehrt er zurück ins Ruhrgebiet, doch lange hält er es dort nicht aus, schon sieben Monate später reist er erneut nach Syrien, wieder zum IS, diesmal bleibt er vier Wochen. Als die Rede darauf kommt, dass es bald Kampfeinsätze geben soll, kehrt er wieder nach Deutschland zurück. So erzählt er es, und das Gericht sah keinen Grund, seine Darstellung in Zweifel zu ziehen. "Immer wenn ich dort war, habe ich das Leben hier vermisst, und andersherum", versucht Rudolf S. dieses Hin und Her zu erklären. In Deutschland will er nicht leben, in Syrien nicht sterben. Zwei weitere Male wird Rudolf S. noch versuchen, zum IS zu gelangen: erst zusammen mit einer radikalen Muslimin, um im "Kalifat" ein neues Leben zu beginnen; dann, um seinen Bruder, der sich ebenfalls dem IS angeschlossen hat, aus dem Nahen Osten herauszuholen. Diese beiden Reisen enden vorzeitig in Bulgarien beziehungsweise in der Türkei. Einmal halten die Sicherheitsbehörden seine Begleiterin auf, beim zweiten Mal greifen ihn die Türken auf und schicken ihn zurück nach Deutschland, wo er direkt in U-Haft kommt.

Im Urteil heißt es über Rudolf S., er sei "fest entschlossen" gewesen, sich "an Kampfhandlungen gegen das Assad-Regime zu beteiligen". Aber dort steht auch: "Er suchte Anerkennung und das Gefühl der Verbundenheit in der Gruppe." Ein deutscher IS-Kämpfer sagte in einer Vernehmung über Rudolf S.: "Er war nur Fußvolk. So richtig begeistert war er (vom IS) nicht."

Rudolf S. sagt, er habe nie gesehen, wie jemand "abgeschlachtet" worden sei, nicht einmal, "wie ein Zivilist geschlagen wurde". Immerhin ahnt er: "Wäre ich länger geblieben, hätte ich vielleicht Sachen machen müssen, die ich nicht machen wollte."

Wenn man Rudolf S. fragt, warum er sich dem IS angeschlossen hat, antwortet er: Er habe "Sympathien" für die Gruppe empfunden und die Idee der Scharia gut gefunden. Auch habe er der syrischen Bevölkerung helfen wollen. Zudem habe ihm die "Mischung aus Sport und Islam" gefallen. Rudolf S. weiß, dass seine Motivation, seine Geschichte für Außenstehende schwer zu begreifen ist. Hilft es, wenn man weiß, dass er in der Schule gemobbt wurde? Dass er darunter litt, als sein Vater, ein Libanese, und seine Mutter, eine Polin, sich trennten? Dass die Trennung von seiner eigenen Frau und die dadurch verkomplizierte Beziehung zu seiner kleinen Tochter ihn weiter destabilisierten? Es hilft nicht wirklich. Es ist wie bei vielen Dschihad-Freiwilligen: Dass man viel über sie weiß, heißt nicht, dass man sie versteht.

Rudolf S. ist einer von mindestens 980 Männern und Frauen, die seit 2011 aus Deutschland ausgereist sind, um sich in Syrien und im Irak militanten Gruppen anzuschließen, meistens dem IS. Sie haben dort gekämpft, gefoltert und Kinder bekommen, Wachdienste versehen, Schmuggelware konfisziert und an Schulen unterrichtet, Propagandavideos gedreht oder Parks gefegt. Von Kriegsverbrechern bis Mitläufern ist alles dabei.

Das Ganze ist kein deutsches, sondern ein globales Phänomen: Etwa die Hälfte aller IS-Rekruten kamen aus dem Ausland, darunter 10.300 Bürger arabischer Staaten, 8700 Bürger Russlands und der Ex-Sowjetrepubliken und mindestens 5700 Westeuropäer. Mittlerweile dürften allein 1500 Bürger europäischer Staaten heimgekehrt sein. Viele sitzen, wie Rudolf S., im Gefängnis. Die ersten haben ihre Strafen abgesessen. Gegen andere liegen zu wenig Beweise vor, um sie anzuklagen.

Kann jemand, der beim IS war, in Deutschland jemals wieder Fuß fassen? © Felix Decombat

Vom deutschen Dschihad-Kontingent glauben die Sicherheitsbehörden, dass, grob geschätzt, ein Drittel ums Leben gekommen ist. Ein weiteres Drittel befindet sich noch im Irak oder in Syrien, entweder in den letzten verbliebenen IS-Nestern oder in Gefangenschaft. Und das letzte Drittel: ist wieder hier.

Die meisten Rückkehrer tauchen nicht überraschend in Deutschland auf. Manchmal geben befreundete Geheimdienste einen Hinweis. Oder die Flugbuchung fällt auf, weil der Name im System vermerkt ist. Sie können durch eine Telefonüberwachung Dritter auffliegen. Es kommt vor, dass Angehörige sich melden, wenn Sohn oder Tochter die Rückkehr ankündigen. Oder sie werden von Behörden in anderen Ländern aufgegriffen und zurückgeschickt, so wie Rudolf S. Trotzdem existiert kein durchdachtes Konzept, wie man mit Rückkehrern umgehen soll. "Wir improvisieren", sagt ein hochrangiger deutscher Verfassungsschützer. "Auf eine Checkliste können wir nicht warten."

Im Idealfall passiert Folgendes, wenn ein Rückkehrer auftaucht: Sicherheitsbehörden, zivilgesellschaftliche Beratungsstellen für Deradikalisierung und die Jugend- und Sozialämter der betroffenen Stadt oder Kommune setzen sich zusammen. Die Polizei nutzt einen komplexen Fragebogen, eine Art Matrix namens RADAR-iTE, um einzuschätzen, wie gefährlich dieser spezielle Rückkehrer potenziell ist. Verfassungsschützer ergänzen das mit Wissen aus ihren Quellen. Kann ein Rückkehrer inhaftiert werden, weil ein Haftbefehl besteht oder U-Haft gerechtfertigt werden kann, wird er aus dem Verkehr gezogen. Anderenfalls kann es sein, dass Polizei oder Verfassungsschutz den Ehemann observieren, während eine Beratungsstelle mit der Deradikalisierungsarbeit bei der Ehefrau beginnt und das Jugendamt parallel versucht, eine Kindeswohlgefährdung zu verhindern.

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