José Mourinho Über Hegel im Fußball

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 38/2018

José Mourinho, Trainer des englischen Rekordmeisters Manchester United, hat dieser Tage bewiesen, warum seine von keiner falschen Bescheidenheit getrübte Selbsteinschätzung, unter den Trainern dieser Welt "the special one" zu sein, nicht falsch ist.

Nachdem er mit seiner Mannschaft schlecht in die Saison gestartet war, fragte ihn ein Journalist sinngemäß, ob er denn immer noch ein ganz Großer sei, wenn er diesmal nicht Meister würde. Mourinho antwortete ("natürlich") und fragte zurück, ob der Journalist den Philosophen Hegel gelesen habe, von dem er den Satz kenne: "Die Wahrheit findet sich immer im Ganzen."

Wir kennen den Satz nur so: "Das Wahre ist das Ganze." Aber das wissen wir auch erst nach Rücksprache mit dem Videoschiedsrichter. Wahr, und zwar ganz, ist: Ein angeschlagener Trainer, der seinen Kritiker mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu überzeugen versucht, handelt origineller als einer, der versucht, ihn mit Thilo Kehrer zu überzeugen. Jogi Löw fiel Hegel wahrscheinlich nur deshalb nicht ein, weil der, anders als Kehrer, nicht gerade von Schalke 04 zu Paris Saint-Germain gewechselt war.

Um die deutschen Trainer auf das geistige Niveau von Mourinho zu heben, seien hier einige Hegel-Zitate empfohlen, die demnächst Eindruck schinden könnten. Sollte der Trainer von Schalke, Domenico Tedesco, gefragt werden, ob ein Platz am Tabellenende das Leistungsvermögen seiner Truppe widerspiegelt, wäre "Aber das Reale ist schlechthin eine Identität des Allgemeinen und Besonderen" eine mögliche Replik. Lucien Favre vom BVB könnte einen weiteren Verzicht auf Mario Götze wie folgt begründen: "Die Person muss sich eine äußere Sphäre ihrer Freiheit geben, um als Idee zu sein" – und alle Kritiker würden schweigen.

"Eigensinn ist die Parodie des Charakters", das könnte eine Fußballfloskel werden, gerade für Reporter. Schwieriger, zumindest ohne abzulesen, aber toll, wenn es um Ballbesitzfußball geht: "Das Schöne ist wesentlich das Geistige, das sich sinnlich äußert, sich im sinnlichen Dasein darstellt."

Mourinho muss dann natürlich auch nachlegen: "So ist der Begriff die Wahrheit der Substanz." Damit könnte er leicht begründen, warum the special one immer noch the special one ist.

Kommentare

59 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Kann mich jemand aufklären, was Hegel mit dem Zitat "Aber das Reale ist schlechthin eine Identität des Allgemeinen und Besonderen" eigentlich sagen will?

Ist nicht das Allgemeine das Gegenteil des Besonderen, sodass beide Begriffe alles umfassen und Hegel eigentlich nur sagt, dass das Reale eine Identität (von allem) ist... es kommt mir so vor, als würde er versuchen einfache Zusammenhänge zu verkomplizieren oder steckt da noch mehr dahinter?