Die großen Fragen der Liebe Findet er sie zu ansteckend?

© Daniel Tischler/plainpicture
Wer nur mit dem Desinfektionsspray in die Welt geht, könnte in seiner Partnerin bald eine Keimschleuder sehen. Was macht die Angst vor Viren, wenn es zum Küssen kommt? Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 38/2018

Die Frage: Vincent und Anna sind seit ein paar Jahren zusammen. Seitdem sie Kinder haben, sind alle Familienmitglieder oft erkältet. Die Kinder bringen Erreger aus dem Kindergarten mit. Damit ist Vincents Angst, sich mit Krankheiten anzustecken, noch stärker geworden: Wenn er unterwegs ist, hat er immer ein Desinfektionsmittel für die Hände dabei. Anna findet das übertrieben. Sie meint, dass er sogar eher krank werde, wenn er so etwas benutze. Seine Angst vor Bakterien und Viren ist für sie ein Tick, der ihr auf die Nerven geht. Das sei doch alles neurotisch, denkt sie und sorgt sich, was da alles noch kommen könnte: Wird Vincent seine Ängste irgendwann auf sie richten? Küsst er sie nur deshalb so selten? Wird er sich bald vor Sex mit ihr ekeln?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Ängste gehorchen einem anderen Gesetz als die Vernunft. In der angstgeprägten Fantasie sind die seltenen Gefahren häufig, und die häufigen spielen keine Rolle. Vincent dramatisiert das Risiko einer Infektion – und Anna dramatisiert Vincents Verhalten. Wer ein Desinfektionsspray in der Tasche hat, ist vermutlich nicht seltener, aber auch nicht öfter erkältet. Vincent sollte bedenken, dass seine Angst vor Bakterien und Viren Frau und Kinder vermuten lässt, er sehe in ihnen Keimschleudern. Annas Sorge, er ekele sich vor Sex mit ihr, zeigt darüber hinaus, dass sie ähnlich wie Vincent Mühe hat, unter Stress unbekümmert zu bleiben. Die beiden sollten mehr Dinge tun, die ihnen Freude bereiten, statt über Viren in miese Stimmung zu geraten. Gegen den Kummer, zu selten geküsst zu werden, gibt es ein gutes Mittel: selber küssen!

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft" (oekom verlag).

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