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Rudolph Moshammer Der Münchner im Himmel

Warum der ganz und gar außergewöhnliche Modemacher Rudolph Moshammer jetzt wiederentdeckt wird. Von

Eine Trauerfeier, wie sie die Münchner seit dem Tod von Franz Josef Strauß 1988 nicht erlebt hatten. Andacht in der Allerheiligen-Hofkirche, die zur Residenz der Münchner Könige gehört. Vor der Kirche wurde auf einer Großleinwand die Feier übertragen, hier hatten sich Obdachlose versammelt, mit ihren Aldi-Taschen und großen bemalten Pappen: "Danke, Mosi!"

Auf der Straße säumten 15.000 Menschen die Strecke von der Kirche zum Ostfriedhof. Viele weinten, als der Mahagoni-Sarg, geschmückt mit weißen Lilien, Rosen und Nelken, im verglasten Mercedes an ihnen im Schritttempo vorbeifuhr. Vor Moshammers Boutique Carnaval de Venise hielt der Trauerkorso. "Das hätte der Mosi so gewollt", sagt eine Passantin einem Reporter der Welt, "der ist ja auch immer stehen geblieben und hat den Leuten auf der Straße die Hand gegeben." Auf dem Friedhof warteten weitere 3000 Trauernde und begleiteten den Sarg zum Mausoleum, das Rudolph Moshammer 1988 für 50 Jahre gepachtet hatte und in dem Mutter Else beigesetzt worden war. Auf dem Sterbebildchen ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry: "Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Derselbe Spruch wie für Mama Else.

400 Ehrengäste waren geladen – es kamen 330. Zu den Freunden von Moshammer gehört zu haben war nach diesem Ende, dem Mord 2005, nicht mehr schmückend. Schickeria und Schmuddel gehören eben nicht zusammen. Nur einige wenige integre Künstler wie Senta Berger, die Grünwalder Nachbarin, Ottfried Fischer, Petra Schürmann, die Jacob Sisters waren da.

Moshammer verkörperte in den Achtzigern, Neunzigern und den ersten fünf Nullerjahren München – so wie der Regisseur Helmut Dietl und der Feinköstler Gerd Käfer. Moshammers Zeit war die Glanzzeit der Münchner Schickeria, die alles hatte, was den anderen Schickerias in der Republik, wenn es sie denn überhaupt gab, fehlte: eine barocke Lust am Luxus, den Protz mit der Pracht, eine (durchaus auch ironische) Freude an der Selbstinszenierung. "Rudolph wollte protzen, das hat er nicht verheimlicht; nie", sagt Senta Berger, die schräg gegenüber von Moshammers einstigem Domizil wohnt, "zum Teil war es sicher Genugtuung für ihn, zum Teil hatte er wirklich diese kindliche Freude am Herzeigen". Barbara Vinken, Literaturwissenschaftlerin an der Ludwig-Maximilians-Universität und einer großen Öffentlichkeit bekannt geworden durch ihr Buch Angezogen. Das Geheimnis der Mode, bestätigt: "München hat das theatralisch Exaltierte. Das ist eine Eigenart der aristokratischen Hofgesellschaft. Sich nicht ins Private zurückziehen, sondern auf der Bühne glänzen. Immer eine, wenn möglich, gute Figur machen. Dafür war Moshammer prädestiniert. Er war der Höfling par excellence."

Just diese Mischung – königlicher Hof und Hoftheater – prägte das Stadtbild und die Menschen. Selbst den Armen und Bescheidenen gefiel dieser Prunk, gefiel die Gefallsucht der Reichen und Schönen. Der Grund? Die Umarmungen und Vereinnahmungen gelten in München, so Senta Berger, die "ein durchaus vertrauensvolles Verhältnis" zu Moshammer pflegte, "immer den Buben und Mädeln aus der Vorstadt: Beckenbauer! Einer von uns! Aus Giesing. Der Moshammer, der Vorstadtbub, der’s in die Maximilianstraße geschafft hat." Oft klingelten Menschen an ihrer Tür, weil sie sich Moshammer nicht in einem eher bescheidenen Reihenhaus der Siebzigerjahre vorstellen konnten und deshalb bei der berühmten Schauspielerin vorbeischauten, die in einem großen, alten Haus wohnt, vis-à-vis. "Sie wollten Führungen durch sein Reich haben. Das Reihenhaus schien ihnen für ihre Neugierde nicht angemessen."

Rudolph Moshammer © action press

Diese besondere bajuwarische Melange gibt es nicht mehr – die Maximilianstraße gleicht der Pariser Faubourg St-Honoré oder der römischen Via Condotti. "Die Maximilianstraße ist heute so fad, man kann es gar nicht sagen ...", graust es Senta Berger. München sei vielleicht "mittlerweile zu durchrationalisiert", gibt Barbara Vinken zu bedenken. In München gab es eben Typen, wo es andernorts nur Allerwelts-Beaus und -Belles gab. Heute ähnelt München vielen europäischen Städten; der Charakter der Stadt verschwindet. Wahrscheinlich ist es die nostalgische Sehnsucht nach den bayerischen Originalen, die Filmemacher und Fernsehjournalisten dazu treibt, Mosi und seine Mutter Else vor dem Vergessen zu retten. Am 17. September zeigt der Bayerische Rundfunk eine Dokumentation über ihn in der Reihe Lebenslinien, und am 19. September ist der Spielfilm Der große Rudolph um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen. Vielleicht wollen sie gar den wenigen verrückten Münchnern, die es womöglich noch gibt, Mut machen, sich als Münchner zu outen. Als unangepasste, spleenige Angeber, die sich nicht schämen, das Leben zu genießen; sich trauen, öffentlich zu inszenieren, was sie haben und wer sie sind. "Es gibt heute so viel Talmi", antwortet Senta Berger auf die Frage, ob es einen oder gar mehrere Moshammers in München noch einmal geben könnte, "so viel Talmi, dass man den ganz speziellen Talmi, in dem Moshammer sich wohlgefühlt, den er geschaffen hat, gar nicht mehr vermisst." Auch Barbara Vinken ist sich sicher, dass Moshammer, der die "Sehnsucht nach den glänzenden Hofgesellschaften, deren Nachbild er auferstehen lassen wollte", der "etwas von Ludwig II." verkörpert habe, auch etwas von dessen Verlorenheit, "anderswo als in München nicht gut vorstellbar" sei. Geld, Glamour und Getue gehören sich nicht mehr, sind politisch ganz unkorrekt, selbst im barock-katholischen München. Also erinnern wir uns in München an die Vergangenheit – und sind von der Gegenwart enttäuscht. Nirgendwo ein Mensch, wie Mosi einer war! Tempi passati! Der Bayer im Himmel und nicht mehr in der Stadt.

Es gibt in München offensichtlich ein Bedürfnis, sich auf alte Zeiten zu besinnen. Man erkennt das nicht nur an den Filmen über Moshammer, sondern auch daran, wie junge Bayern sich zu Bands wie den Landlergschwistern oder LaBrassBanda zusammentun. An den Boazn, die angesagt sind, ja vielleicht sogar an den Namen, die die Münchner ihren Kindern geben, Ludwig etwa. Nur scheinbar handelt es sich bei dieser Rückbesinnung um bloße Nostalgie – es geht in Wahrheit um etwas sehr Aktuelles: die eigene Identität und die der Stadt. Denn nur wer seine Geschichte kennt, weiß, wer er im Gegensatz zu den anderen ist.

Zum Kanon großer Münchner gehörte Moshammer bislang freilich nie. Zu peinlich war er vielleicht, zu schrullig, um ihn auf den großen Sockel zu heben. Doch taugt er nicht auch gerade ob seiner Fehler und Peinlichkeiten zum modernen Denkmal? Je glatter und durchinszenierter die Zeiten sind, in denen wir leben, desto lohnenswerter ist der Blick zurück auf einen Menschen wie ihn – einen mit Licht und mit Schatten. In Zeiten, in denen München verwechselbarer wird, wächst die Sehnsucht nach dem Unverwechselbaren.

Rudolph Moshammer war ein Mirakel. Ein Wundermann. Nicht so gespenstisch wie der Doktor Mirakel in Jacques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen, aber genauso geheimnisvoll. Gewiss hätten die Römer zur Kaiserzeit ihn als ein miraculum der Sonderklasse beschrieben, erfüllte er doch alle Voraussetzungen für diese Ehrenbezeichnung. Er war in der Jugend hübsch, später eher feist; er war zeitlebens außergewöhnlich und unterhaltsam; Senta Berger nannte ihn "einen ganz bezaubernden Menschen". Zudem hatte er etwas geleistet, was selbst seine ärgsten Neider und Kritiker ihm nicht abstreiten konnten: Rudolph Moshammer hatte sich zu einem besonderen Geschöpf gestaltet. Ehrgeizig, fleißig und eitel, schaffte er eine Karriere vom armen Wicht zum reichen Weltmann, wobei die Welt eine kleine war – München, Bayern und die überregionale Yellow Press. Er inszenierte sich, kreierte den deutschen Dandy, der nicht mit englischem Understatement punktete, sondern mit bayerischem Größenwahn. Das Mia-san-mia-Selbstbewusstsein steigerte er egozentrisch zu einem "Schaut her: Ich bin’s". Stieg er aus einem seiner Rolls Royce, dann applaudierten die Menschen und schrien "Mosi! Mosi!". Er hatte es sich sehr früh in den Kopf gesetzt, berühmt zu werden – zumindest in München und Umgebung: "Ich wollte über Nacht bekannt werden." Er unterließ nichts, um an dieses Ziel zu gelangen. Nicht die kleinen und die größeren Lügen; nicht die aberwitzigsten Verkleidungen, nicht die lächerlichsten Auftritte.

Moshammer 1991 mit seiner Mutter Else, in den Sechzigern mit weißer Pelzjacke, in den Achtzigern in seiner Boutique mit Arnold Schwarzenegger und 1996 mit Daisy © Hug/INTERFOTO

Fangen wir mit den Schummeleien an. Sein Alter verriet er nicht; und wenn er eine Zahl nannte, war sie falsch. Als er starb, war er vermutlich im Rentenalter. Seine drei Lieblingssätze, in allen Magazinen wiederholt: "Ich hab kein Alter; ich bin zeitlos"; "Ich fühle mich irrsinnig jung"; "Ich will nicht alt werden; jedenfalls nicht optisch." Über seine Herkunft sprach er ebenso gern und ebenso schwiemelig, wobei das Ende seines Vaters entweder eine Leberzirrhose war oder ein Suizid. Egal. In jedem Fall nahmen Mutter und Sohn den Tod des Peinigers – "Er wollte die Familie auslöschen!" – froh zur Kenntnis, wenngleich der Sohn für die väterlichen Schulden aufkommen musste: "Ich habe die Schulden meines Vaters bezahlt; als er tot war, haben wir in unserer Euphorie vergessen, das Erbe abzulehnen." Sicher ist, dass der Vater Alkoholiker war, dass der Sohn ihn gehasst hat und dass sein Halt schon als Kind seine Mutter war, die ihm bis zu ihrem Tod, 1993, alles bedeutete: Mutter, Kümmerin, einzige Begleiterin, Freundin und Freund – zusammengenäht, bis der Tod sie schied.

Selten nur sah man Rudolph Moshammer in Herrenbegleitung – und dies erst nach der Mutter Beerdigung. Er reiste mit Silvio Belli. Ich erlebte beide nach einer Aufführung der Salzburger Festspiele im Schlosshotel Fuschl. Erst am Abend, als beide Herren, nach dem Hinweis des Sommeliers, der Rotwein habe viel Tannin, jubelten "Tannin, mögen wir doch! Oder?" Dann am Morgen danach, als Rudolph Moshammer den Kellner nicht um Croissants oder Brötchen, womöglich gar um Semmeln bat, nein: Der Münchner im Luxushimmel bestellte "Viennoiserien – bitte auch für Herrn Belli". Die Entbehrungen der Kindheit kompensierte er im Alter, also in der ewigen Jugend, mit der Freude an Luxus, auch mit einem Bad aus Onyx: "Mama und ich, wir haben in Todesangst und Hunger gelebt und nur dank unserer Lebensfreude und Disziplin überlebt. Diese Jahre haben uns zusammengeschweißt." Mama Else und Sohn Rudolph waren wirklich wie ein siamesisches Paar. Die beiden einte derselbe ausgeprägte und öffentlich stilisierte Spleen für auffallende Kleidung, auffallenden Schmuck, auffallende Haartrachten und Haarfarben – sie königsblau, er pechschwarz, wobei auch hier nicht wirklich geklärt werden sollte, ob diese Frisur ein Coiffeur gezaubert hatte oder ein Perückenmacher, oder ob Strähnen gar verpflanzt worden waren. Egal. Moshammer war stolz auf diesen rabenschwarzen Haubentaucherlook: "Ich hatte immer schöne Haare, mit siebzehn sah ich aus wie Nofretete." Wenn einfältige Journalisten ihm eine Falle stellen wollten und ihn einen "seltsamen Paradiesvogel" nannten, konterte er, Paradiesvögel seien etwas Schönes, etwas das die Menschen bräuchten.

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