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Smartphone Mein telefonisches Leben

Das Handy macht das Arbeiten, Reisen und sogar den Kontakt mit der eigenen Familie leichter. Gleichzeitig lenkt es einen ganz schön ab. 15 Prominente haben für uns ihren Homescreen fotografiert. Sie erzählen, wofür sie ihr Handy brauchen – und warum sie sich auch immer wieder dazu zwingen, es für eine Weile wegzulegen. Protokoll:
ZEITmagazin Nr. 38/2018
Eva-Maria Lemke © privat

Eva-Maria Lemke

gesteht: "Ich bin ein Handy-Messie"

Apps sind unverzichtbar für mich! Die erste, die ich morgens öffne, ist die Wetter-App YR vom Norwegischen Meteorologischen Institut: Die ist angenehm spartanisch und zeigt das Wetter weltweit an. Dann begrüßt mich Twitter. Den Tag über höre ich meine Lieblingspodcasts und nutze alles, was mich von A nach Überall bringt: Ich kaufe mir S-Bahn-Tickets mit der Fahrinfo-App der BVG, bestelle mir ein E-Auto über CleverShuttle oder lasse mir von BikeCitizens die beste Fahrradroute anzeigen. Allerdings ist die Stimme dieser App grauslich – als würde einen ein schlecht gelaunter Cyborg durch die Stadt jagen.

Zu Hause gehört mein Handy mir nicht mehr: Sobald meine Tochter es sieht, will sie es haben. Da bin ich wohl an einer Stelle in der frühkindlichen Erziehung falsch abgebogen. Natürlich habe ich auch Apps eigens für sie installiert, zum Beispiel die App Petting Zoo von Christoph Niemann gleich auf der Startseite. Die interessiert sie aber leider nicht. Stattdessen macht sie lieber hundert Fotos von ihren Füßen oder schreibt Emoji- Nachrichten an Omi: jhgiaiL Iyl$&/&,&;&;8;@@?u zum Beispiel.

Ich muss leider sagen, dass ich mein Handy sehr schlecht behandle: Es klebt immer etwas Fernseh-Make-up auf dem Screen. Ich fürchte, ich bin ein Telefon-Messie. Aber Leute, die ihr Telefon ständig mit einem Mikrofasertuch abputzen, sind wahrscheinlich auch nur schwer zu ertragen.

Die Berliner Journalistin, 36, gehört seit Februar zum RBB- Moderationsteam der "Abendschau", ab Januar kommenden Jahres moderiert sie "Kontraste". Von 2015 bis Januar 2018 moderierte sie das Nachrichtenmagazin "heute+". 2014 wurde sie mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten ausgezeichnet.



Marina Weisband © privat

Marina Weisband

konnte sich ihr erstes Smartphone eigentlich gar nicht leisten

Als 2009 die Twitter-App auf den Markt kam, war das für mich ein Grund, mir ein Smartphone zu kaufen, obwohl ich es mir kaum leisten konnte. Von so etwas wie Twitter hatte ich schon lange geträumt! In meinem Blog habe ich damals häufig nur wenige Sätze gepostet. Ich wünschte mir eine Plattform, auf der ich genau das tun konnte: jederzeit und überall kurze, spontane Gedanken mit Menschen teilen, die sich dafür interessieren. Ich fotografiere auch gern mit dem Telefon, benutze also viel die Foto-App und verschiedene Bildbearbeitungsprogramme. Außerdem vertreibe ich mir die Zeit gern auf der Witze-Plattform 9GAG.

Vor einiger Zeit saß ich im Zug und beobachtete ein Pärchen, das schräg gegenüber von mir saß, eine wunderschöne Frau und jemand, den ich für ihren Freund hielt. Die beiden führten offenbar ein Streitgespräch. Meine Beobachtungen habe ich live getwittert. Ich beschrieb, wie ich mir ihre Beziehung vorstelle, die Rollenverteilung und so weiter. Plötzlich antwortete mir jemand auf Twitter: "Das ist gar nicht mein Freund!"

Es war tatsächlich die Frau gegenüber – die mir zufällig bei Twitter folgte und meinen Post gelesen hatte. Anscheinend hatte ich alles falsch eingeschätzt: Sie waren kein Paar, und gestritten haben sie sich auch nicht. Einige Zeit später habe ich sie tatsächlich noch einmal getroffen, bei einem Parteitag der Grünen. Wir haben über meine wilden Spekulationen über ihr Privatleben sehr gelacht!

Ich habe einen echten Enthusiasmus für alles Neue. Ich mag es, dass Erfindungen unsere Sprache und unsere sozialen Strukturen verändern. Zu meinen Lieblings-Apps gehört daher auch eine ganze Palette von Messengern, ich benutze eigentlich alle, die es gibt. Für bestimmte Personen oder in bestimmten Kontexten nehme ich unterschiedliche Messenger, manchmal sicher verschlüsselte wie Signal, manchmal aber auch geläufige wie WhatsApp oder den Facebook-Messenger. Ich habe Verwandte in der Ukraine, in Mexiko, in den USA und in Israel. Früher wären diese Familienmitglieder für mich verloren gewesen, jetzt können sie an meinem Leben teilhaben. Ich kann ihnen im Alltag schnell mal ein Foto meiner Tochter senden, die beim Essen gekleckert hat – eine Banalität, für die ich keinen Cent ausgeben würde, wenn ich dafür Porto bezahlen müsste. Auf diese Weise können sie mir im Alltag nahe sein. Ohne die Messenger-Dienste wäre das unmöglich.

Die Politikerin, Diplom-Psychologin und Autorin wurde 1987 in Kiew in der Ukraine geboren. Von 2011 bis 2012 war sie politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, seit 2014 leitet sie bei politik-digital e. V. ein Projekt zur politischen Bildung.



Alexa Hennig von Lange © privat

Alexa Hennig von Lange

hat noch nie eine App heruntergeladen

Ich nutze vor allem Apps, die von Anfang an auf meinem Handy waren, wie den Taschenrechner, den Wecker oder die Foto-App; die Wecker-App täglich, da ich keinen anderen Wecker besitze. Ich persönlich habe noch nie eine App heruntergeladen, ich weiß gar nicht, wo man die Dinger kaufen kann. Auch die praktische App Shazam, mit der ich herausfinden kann, wie das Lied heißt, das ich gerade zufällig irgendwo höre, hat jemand anders für mich installiert.

Wenn ich im Urlaub durch die englische Landschaft fahre, nutze ich vor allem die App des National Trust. Mit ihr lassen sich sehr gut versteckte Schlösser, Gärten und Herrenhäuser finden. Außerdem zeigt sie an, in welchem dieser altehrwürdigen Gebäude es auch noch ein Café gibt.

Intensive Gefühle hege ich gegenüber meinem Telefon nicht. Ich freue mich, dass ich damit telefonieren und Musik hören kann, dass da meine vielen schönen Fotos drauf sind, und die Sache mit den Textnachrichten ist auch gut. Der einzige Nachteil ist, dass mein Smartphone ständig auf den Boden fällt.

Die 45-jährige Autorin veröffentlichte 1997 ihren Debütroman "Relax", mit dem sie über Nacht zur Stimme ihrer Generation wurde. 2002 bekam sie den Deutschen Jugendliteraturpreis. Ihr aktuelles Buch "Kampfsterne" ist gerade bei DuMont erschienen.



Sascha Lobo © privat

Sascha Lobo

spielt noch immer "Pokémon Go"

Die Apps, die ich am häufigsten benutze, sind Pokémon Go, Twitter, Soundcloud, Nachrichten/iMessage, Gmail, Kalender, die Kamera-App und der Browser. Ich organisiere mein Leben beruflich wie privat weitestgehend via Smartphones (Apple und Android). Ich habe sogar meine Frau auf Twitter kennengelernt, wir tauschen am Tag etwa zweiundsechzigtausend Nachrichten aus. Zuletzt habe ich Lime installiert. Damit kann man Elektroroller mieten. Hört sich nach Kinderkram an, ist aber zweifellos die Zukunft urbaner Mobilität.

Meine liebste App ist Pokémon Go. Ja, immer noch, ja, ernsthaft, ja, mit voller Begeisterung (Level 39, Pokédex 371/374). Ich gehe jeden Morgen spazieren, in der Stadt ergibt das immer die gleichen fünf Wege. Die App ist dabei die ideale Motivation und Ablenkung – und dient zugleich der Erbauung.

Das Netz ist für mich eine Art Zuhause, und das Smartphone ist die derzeit handschmeichelndste Repräsentanz der digitalen Vernetzung. Ohne Schlüssel, Portemonnaie oder Hose aus dem Haus gehen, das kann mir passieren. Ohne Smartphone nicht.

Der Blogger und Autor, 43, schreibt seit 2011 eine wöchentliche Kolumne bei "Spiegel Online". Er hat mehrere Bücher über die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft verfasst und dreht ab und zu Filme für das ZDF.

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