Uwe Dziuballa "Von außen sieht es so aus, als wäre Chemnitz gerade im Krieg. Aber wir leben hier ganz normal"

© Christoph Voy
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 38/2018

Ich habe mich früher in Belgrad zu Hause gefühlt, danach in Köln und Tel Aviv. Chemnitz ist klein dagegen. Inzwischen mag ich das. Eine Stadt kann zehn Theater haben – ich schaffe es sowieso nicht, mehr als eins zu besuchen. Meine Familie ist hier, meine Freunde sind hier, und in meinem Schalom, dem einzigen koscheren Restaurant der Stadt, trifft sich die ganze Welt. Früher habe ich mit meinem Bruder jüdische Kulturveranstaltungen organisiert – irgendwann mussten wir aber auch Geld verdienen. Deswegen haben wir gemeinsam dieses Restaurant eröffnet.

Von außen sieht es aus, als wäre Chemnitz gerade im Krieg. Aber so ist es nicht. Wir leben hier ganz normal. Am 3. September ist zum Beispiel für meine Frau und mich ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen: Wir haben uns endlich mal wieder Zeit für uns genommen und waren gemeinsam im Alexanders. Das ist neben meinem eins von vier Restaurants in Chemnitz, die eine Michelin-Empfehlung haben. Und es liegt nur einen Kilometer entfernt vom Platz an der Johanniskirche, wo gleichzeitig das #Wirsindmehr-Konzert stattfand. Diesen Abend im Alexanders hatten wir seit sechs Wochen geplant. Hätten wir nicht die Reservierung gehabt, wären wir für ein paar Lieder dort geblieben.

Nach dem Tod von Daniel H. hat eine Gruppe von zehn Leuten ihre Reservierung im Schalom abgesagt. Sie schrieben eine Mail, um Mitternacht, dass sie wegen der aktuellen Situation nicht kommen. Vielleicht hatten sie Angst, in etwas hineinzugeraten. Ich dachte mir, dass man doch jetzt erst recht ins Schalom gehen müsste.

Das, was in den letzten Wochen in Chemnitz passiert ist, hätte auch woanders passieren können. Natürlich hat sich die Aggression angekündigt, etwa bei Fußballspielen der dritten und vierten Liga, wo es immer wieder Beschimpfungen gibt, die nichts mit Fußball zu tun haben. Vor meinem Restaurant lagen früher manchmal Schweineköpfe, Hakenkreuze wurden an die Scheiben gesprüht. 2012 sind wir vom Bahnhof an den Rand der Innenstadt gezogen, seitdem klebten zweimal Eier an der Fassade.

Am 27. August, dem Tag, an dem zum ersten Mal Neonazis durch die Stadt zogen, habe ich gehört, wie es klirrte. Ich bin nach draußen gelaufen, zehn Vermummte haben mich mit Steinen und Flaschen beworfen. "Saujude, verschwinde aus Deutschland." Wenn ich mit Kippa durch die Stadt gehe, höre ich solche Beschimpfungen häufiger. Aber eine Eskalation in dieser Größenordnung hätte ich Chemnitz nicht zugetraut. Zwischen den Rechtsextremen bei der Kundgebung standen Menschen auf der Straße, die mich sonst freundlich grüßen. Wahrscheinlich waren die selbst erschrocken darüber, auf welcher Seite sie auf einmal waren. Ich habe dafür kein Verständnis.

Meine Enkeltochter ist sechs Jahre alt, sie ist gerade in die Schule gekommen. Vielleicht klingt das abgedroschen – aber ich träume davon, dass sie in einer Welt aufwächst, in der Menschen sich gegenseitig mit Empathie begegnen. Friedlich.

Das Gespräch wurde am 4. September 2018 geführt.

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