Zeitumstellung Ticktack

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Bald soll es keine Zeitumstellung mehr geben. Was damit verschwinden wird: Uhren, die das halbe Jahr lang falsch gehen, weil man nie die Muße hatte, sie zu stellen. Ein Nachruf Von
ZEITmagazin Nr. 38/2018

Der Zeitumstellung haben es einige meiner Uhren zu verdanken, dass sie die Hälfte des Jahres richtig gehen und die andere Hälfte des Jahres falsch. Betroffen sind insbesondere die Backofenuhr und die Tachometeruhr im Auto. Es wäre in all den Jahren mit Zeitumstellung, der die EU-Kommission bald ein Ende bereiten will, zwar möglich gewesen, diese Uhren im Herbst und im Frühjahr umzustellen, doch es gab Gründe, dass dies unterblieben ist. Faulheit und mangelndes Fachwissen gehören zu den wichtigsten, sind aber vielleicht nicht die einzigen.

Zwar verspüre ich, wenn statt der einen Zeit wieder die andere gilt und die Backofen- oder Tachometeruhr über Nacht plötzlich wieder richtig geht, einen Moment der Erleichterung, einen stillen Triumph: Siehste, manchmal muss man nur lange genug gar nichts tun, und alles wendet sich zum Guten! Aber eigentlich habe ich auch im Halbjahr davor nicht unter der falschen Uhrzeit gelitten. An Verspätungen oder Verfrühungen ihretwegen kann ich mich nicht entsinnen. Spätestens ein paar Tage nach der Umstellung weiß man ja, dass die Uhr falsch geht. Man kann die falsche Uhrzeit ohnehin leichter ignorieren als die korrekt angezeigte Zeit auf anderen Uhren, so wie man Gespräche in der Straßenbahn besser ignorieren kann, wenn sie in fremden Sprachen stattfinden.

Und insbesondere die Backofenuhr möchte ich gerne ignorieren. Warum belästigt einen so ein Backofen, den man höchstens zweimal pro Woche benutzt, überhaupt immerfort mit der Uhrzeit? Fast ist es, als nutze er seine gut sichtbare Position in der Küche aus. Halten sich Backöfen insgeheim für die Kirchtürme der Wohnung?

Ich bilde mir ein, dass von der falschen Anzeige der Uhrzeit, etwa im Auto, eine gewisse Lässigkeit ausgeht. Wenn ein Beifahrer während der Fahrt zum Bahnhof nervös auf die Uhr schielt, kann man ihn beruhigen: "Ist noch die alte Zeit ..." In einer Welt, in der einem das Navigationsgerät die Ankunft am Ziel bis auf die Minute richtig vorausberechnet, ist die falsche Zeit unterm Tacho ein kleiner Protest gegen Terminzwang und Pünktlichkeitsfetischismus. Die vernachlässigte Uhr ist ein Statussymbol der Faulen. "Ich fahre vielleicht mit Umweltplakette und parke ganz im Sinne der Gesetzgebung, aber tief in mir drin schlummert ein Revoluzzer", das will ich die Tachometeruhr über mich sagen lassen. So ähnlich, wie früher manche nur deshalb keine Armbanduhr trugen, um zu beweisen, dass sie Freigeister seien. (Ein Statement, das heute unbemerkt bliebe, weil ohnehin viele statt einer Armbanduhr die Handyuhr benutzen.)

Die Uhr mit der falschen Zeit verschwände wahrscheinlich auch ohne Einwirken der EU-Kommission. Smarte Autos und smarte Backöfen, die das Internet nutzen, um Stunden und Minuten stets richtig anzuzeigen, sie hätten dem Schlendrian sowieso ein Ende bereitet. Unabhängige Uhren, die auch mal falsch gehen, sind schon heute ein Luxus der Vergangenheit.

Besonders eigenwillig war die Uhr eines Backofens, den ich vor Jahren besaß, ein Modell aus den Achtzigerjahren, hergestellt noch von der AEG. Diese Uhr zeigte die Zeit auf schwarzen Metallplättchen an. Aus irgendeinem Grund konnte man die Uhr nicht zurück-, sondern nur vorstellen. Man löste einen Knopf, dann klappten die Ziffern langsam um. Wollte man die Uhr eine Stunde zurückstellen, musste man sie 23 Stunden vorstellen. Entweder harrte man eine halbe Stunde vor dem Backofen aus, während die Minuten durchliefen, oder man nahm sich vor, pünktlich zurück zu sein. Es war schwieriger, als ein Schokoladenbiskuit zur richtigen Zeit aus dem Ofen zu nehmen.

Ich vermute, es war diese Uhr, die mich geprägt hat. Seither denke ich: Das Umstellen ist ein Husarenstück, dem ich nicht gewachsen bin.

Wenn die Zeit bald nicht mehr umgestellt wird, könnte ich alternativ ganzjährig Winterreifen fahren. Ich fürchte jedoch, dafür bin ich nicht Revoluzzer genug.

Kommentare

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Hier gibt es ebenfalls Uhren, die ein Eigenleben führen und einfach auf Winterzeit weiterlaufen, zum Glück gibt es keine Umstellungspflicht. Wenn man es einmal raus hat, lässt sich die richtige Zeit ganz leicht errechnen.
Dennoch bin ich unseren Herrschern unendlich dankbar, dass sie auf das Ergebnis der nicht repräsentativen EU Abstimmung Rücksicht nehmen und das Resultat bei weiteren Entscheidung berücksichtigen werden. Danke!