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Chilly Gonzales "Man nannte mich Genie und Maestro"

Chilly Gonzales verlor sich im Erfolg als Rapper – bis er vor sieben Jahren eine Psychoanalyse begann. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 39/2018

ZEITmagazin: Mr. Gonzales, Sie sind Musiker, von Ihnen stammt der Satz: Entertainment ist Krieg. Wie lebt es sich im ständigen Kriegszustand?

Chilly Gonzales: Ich wuchs in einer jüdischen Familie in Kanada auf. Meine Großeltern waren aus Ungarn geflohen. Als Einwanderer waren wir stark unter Druck, uns in der neuen Welt zu beweisen. Und dieser Druck wurde für mich zu einer solchen Besessenheit, dass ich begann, das als eine militärische Mission zu betrachten. Bis vor einigen Jahren dachte ich noch, ich müsse mein Publikum dominieren und könne meine Botschaft nur sehr aggressiv vermitteln. Und mich durch Rap auszudrücken war Teil dieser militärischen Denkweise. Ich bin wirklich froh, dass das vorbei ist.

ZEITmagazin: Brachte Sie dieser Druck dazu, bereits als Dreijähriger Klavier zu spielen?

Gonzales: Mein Großvater wollte mir Respekt vor Größen wie Bach, Beethoven und Brahms beibringen. Das war für ihn ein Weg, mit der europäischen Kultur in Kontakt zu bleiben. Ich fühlte mich in meiner Familie unwohl. Aber sobald ich am Klavier saß, war ich sicher. Ich bekam Applaus dafür, dass ich mich am Klavier versteckte. Dadurch Schutz, Anerkennung und auch eine Möglichkeit der Kommunikation gefunden zu haben war natürlich unwiderstehlich.

ZEITmagazin: Ihr Großvater hat Sie also auch menschlich unterstützt?

Gonzales: Er hat mich in die Musik eingeführt und so mein Leben zum Besseren verändert. Aber er hat mir auch Angst gemacht. Es schien, als gebe es in ihm etwas Dunkles. Er war streng, und er war sehr eurozentrisch. Und auch ein kleiner Rassist, der sagte, es werde nie einen schwarzen Mozart geben. Und dann sah ich den schwarzen Mozart Prince. Mein Großvater war also eher ein negatives Vorbild, und ich wollte nie so dunkel werden wie er. Ich kann ihm das verzeihen, aber es stieß mich ab.

ZEITmagazin: Sie sagten einmal, Sie hätten den wahren Künstler in sich, Jason Beck, töten müssen, um die Kunstfigur Chilly Gonzales zu werden.

Gonzales: Das Zitat stammt aus einer Zeit, als ich dachte, dass ich ihn getötet hätte. Aber das stimmt nicht. Wenn ich allein bin, bin ich der Künstler Jason Beck – wenn ich vor Menschen stehe, der Entertainer Chilly Gonzales. Das erkannte ich 2013, als ich nach Köln zog. Eigentlich hätte ich es schon früher merken können. 2004 arbeitete ich als Produzent in Paris mit Jane Birkin. Es war wie am königlichen Hof. Ich musste sehr diplomatisch sein, das war extrem anstrengend. Im Aufnahmestudio war auch ein kleiner Raum mit einem Klavier. Da setzte ich mich rein und spielte, um den Stress abzubauen. So entstand Solo Piano I, das mir den Weg zeigte. Ich konnte die Veränderung spüren. Aber ich war so hungrig, dass ich die Lektion damals nicht wirklich verstand. Ich dachte nur: Großartig, mehr Erfolg! Wenn ich jetzt zurückblicke, sehe ich, dass das damals viel mehr war, es war meine Rettung.

ZEITmagazin: Sie schleppten viel Ballast mit sich. Wie haben Sie sich befreit?

Gonzales: Seit sieben Jahren mache ich eine Psychoanalyse. Mein Leben war so extrem, dass ich Hilfe brauchte. Irgendwann konnte ich nicht mehr schneller rennen als die Probleme. Aber darüber möchte ich nicht reden. Man muss nur die Texte meiner Rap-Songs lesen. Die sind ein durchgehender Schrei nach Hilfe. Ich komponierte die Musik für das Theaterstück The Shadow, nach dem Märchen von Hans Christian Andersen. Ein Professor schickt seinen Schatten vor, da er selbst zu viel Angst hat. Der Schatten geht, kehrt aber nie wieder zurück und lebt lieber in der Welt weiter. Und Chilly Gonzales ist mein Schatten. Das ganze Risiko, alle dynamischen Teile des Lebens, erlebt Chilly Gonzales für mich. Er ist die Rampensau. Vor einem Auftritt musst du dich vorbereiten, diszipliniert sein, aber sobald du auf die Bühne gehst, musst du alles über Bord werfen und ein fucking respektloses Tier sein.

ZEITmagazin: Sie sagten einmal: Ich bin ein musikalisches Genie. Haben Sie ein so großes Ego?

Gonzales: Ich lebte auf der Bühne eine Fantasie, und selbst wenn ich Seiten von mir zeigte, die nicht schmeichelhaft waren, jubelten alle. Es gefiel mir, Chilly Gonzales zu sein. Frauen bemerkten mich. Man nannte mich Genie und Maestro. Das war verführerischer Mist. Dann passierten Dinge, die mir wieder die Realität zeigten. Das war der Moment, in dem sich alles geändert hat. Ich zog nach Köln und baute mir ein privates Leben auf. Mein Fantasieleben auf der Bühne genieße ich immer noch sehr, aber es ist nicht mehr dieses alles verschlingende Feuer. Und wenn ich es brauche, kann ich es neu entfachen und das Arschloch Gonzo wieder rauslassen.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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