DDR Helden der Arbeit

Sie waren die Spitzenmanager der DDR, Wirtschaftsbosse und hohe Beamte mit großer Macht. Sie leiteten Zementwerke und Maschinenfabriken, reisten im Auftrag des Staates um die Welt. Heute sind ihre Lebensleistungen vergessen. Deshalb treffen sie sich in einem Berliner Café, um einander von damals zu erzählen. Und eine Antwort zu finden auf die Frage: Haben wir alles verdorben?
ZEITmagazin Nr. 39/2018
Eckhard Netzmann, 79, war Generaldirektor eines Schwermaschinenkombinats. Man habe auch "Großes geleistet", sagt er. © Ina Schoenenburg

Eckhard Netzmann ist erst in ein paar Monaten dran mit seinem Vortrag, aber er hat schon jetzt schlaflose Nächte, dreht sich hin und her, überlegt, was er berichten soll. "Wenn Sie wüssten, wie viele Stunden ich schon wach gelegen habe", sagt er. "Aber bis jetzt ist noch nichts Substanzielles rausgekommen." Er zweifelt nicht nur daran, dass er etwas Gehaltvolles zu sagen hat, sondern auch daran, dass ihn jemand hören will.

Denn Netzmann, 79 Jahre alt, gelernter Werkzeugschlosser, heute Unternehmensberater, war einer der ganz Großen im Wirtschaftsleben der DDR: Generaldirektor des VEB Schwermaschinenkombinats Ernst Thälmann, dann des VEB Zementanlagen Dessau, schließlich stellvertretender Minister für Anlagenbau, Regierungsbevollmächtigter, Sonderbeauftragter. Zementwerke hat er gebaut, Dampfkessel, riesige Schwerindustrieanlagen aus der DDR in die ganze Welt exportiert. "Anlagenbau, das hat mit Maschinenbau nichts zu tun", sagt Netzmann, "Anlagenbau, das ist was ganz anderes, Systemtheorie, Kybernetik ist das, Systemtheorie und Kybernetik."

Dabei will er nicht bloß erzählen, sondern etwas sagen, aus dem man eine Lehre ziehen könnte, wenn er demnächst "in der Sibylle" spricht, einem Café an der Karl-Marx-Allee in Berlin, das die DDR überdauert hat. Einmal im Monat trägt hier einer aus einer Runde von ehemaligen DDR-Wirtschaftslenkern vor. Spitzenmanager würde man sie heute nennen, früher hießen sie Kombinatsdirektoren, Wirtschaftskapitäne, "Genossen Generaldirektoren" in den VEB, den volkseigenen Betrieben.

Aber, fragt sich Netzmann, "wer will denn noch was hören von uns? Was palavern wir denn überhaupt noch? Das Prinzip ist ja, die Leute wollen das gar nicht wissen, was wir wussten und was wir konnten, die wollen vergessen, einen Schlussstrich ziehen."

Netzmann weiß, dass viele jetzt denken: Aha, gewiss ein system- und linientreuer, gleichgeschalteter DDR-Funktionär, Scherge der SED-Diktatur, Zahnrädchen des Unrechtsstaates. Und nicht, wie er es sieht: ein höchst erfolgreicher Wirtschaftslenker. Der Betriebe mit 20.000 Arbeiterinnen und Arbeitern dazu brachte, im sozialistischen Ausland und zum Teil sogar auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu sein. Oder: ein DDR-Spitzenmanager, der von sich behaupten kann, zweimal fristlos entlassen worden zu sein. Weil er angeeckt sei, sagt er, einmal 1983, auf Regierungsdelegation in Venezuela, und dann noch einmal, weil er einem SED-Parteifunktionär im Betrieb gekündigt habe.

Was soll Netzmann erzählen? Was kann er überhaupt berichten? Er will ja nicht die DDR verteidigen, reinwaschen, sich in Nostalgie ergehen, sagt er. Sondern darstellen, wie man in der DDR, trotz der DDR und ihretwegen gearbeitet, wie man "mit Redlichkeit und Ehrlichkeit Großes geleistet" hat, im Anlagenbau jedenfalls. Netzmann weiß, dass er eigentlich etwas Unmögliches will: über die DDR sprechen, über die Wirtschaft und das Arbeiten in der DDR, als gehöre nicht alles und jedes auf die Müllhalde der Geschichte, als sei die DDR nicht zu Recht gescheitert und es nicht wert, sich weiter mit ihr zu befassen: leere Regale, Autos aus Pappe, Stasi-Diktatur, aus und vorbei.

Aber wenn das alles wäre, das Wahre und Ganze, dann kippte man auch Netzmanns Leben mit aus. Wie er mit 14 von der Schule ging, weil die Eltern das Lehrgeld brauchten, 65 Mark Ost für die Familienkasse. Wie er mit 16 gelernter Werkzeugschlosser wurde, mit 20 schon Ingenieur. Wie er als "kleiner Technologe" anfing, sich hocharbeitete, bis zum Chef eines Walzwerks, all das fiele dem Vergessen anheim: die 18-Stunden-Tage, das Managen eines Kombinats mit 25.000 Arbeiterinnen und Arbeitern, als Generaldirektorengehalt das Dreifache des Durchschnittslohns im Betrieb.

Eckhard Netzmann, der in den Neunzigerjahren Vorstand der Ostberliner Kraftwerks- und Anlagenbau AG mit zuletzt 1500 Angestellten war, arbeitet heute als Unternehmensberater für ostdeutsche Textil- und Zementfirmen. Er empfängt im "Alten Fritz", deutsche Küche in einem DDR-Hochhaus am Alexanderplatz, wo er die Speisekarte auswendig kennt und einen zu einer halben "Wurstparade" einlädt, weil er sie allein nicht mehr schafft. Netzmann weiß, dass das, was er erzählen könnte, nicht gehört werden wird, solange die Gewinner-Verlierer-Geschichte über die BRD und die DDR allen Raum einnimmt, immer noch, 28 Jahre nach dem Untergang der DDR. Dabei will er die nicht beiseiteschieben, er hat sie ja selbst am eigenen Leib erlebt. Aber gibt es daneben nicht Platz für andere, für seine Geschichten?

Es sind, hört man ihm zu, Geschichten vom Arbeiten in der DDR. Vom Wirtschaften unter den Bedingungen des Ein-Parteien-Staats. Vom Managen riesiger Betriebe nach Plan, nicht nach Maßgabe des Profits. Wo man die Arbeiter nicht mit Geld motivierte oder, indem man mit Stellenabbau drohte. Sondern mit Agitprop, dem Stolz auf den Betrieb, dem betriebseigenen Kulturhaus, der Bibliothek, den Tanzgruppen, der Poliklinik. Mit dem Sommerurlaub in Zingst, die ganze Familie zwei Wochen für 30 Mark Ost. Oder mit der betriebseigenen Handballmannschaft, wie in Dessau, beim VEB Zementanlagenbau: "Fragen Sie nicht", sagt Netzmann, "wie viele Schiedsrichter ich bestochen habe, um die Mannschaft in der ersten Liga zu halten."

Es habe, sagt Netzmann, ein Vertrauensverhältnis gegeben, das mit der DDR verloren gegangen sei: "Wenn in meinem Betrieb jemand Schwächen hatte, dann habe ich den Brigadier zu mir geholt und gesagt: Du weißt, dass der Meier dieses oder jenes Problem hat, jetzt kümmert euch mal um den Meier. Können Sie sich vorstellen, dass heute jemand in einem Betrieb sagt, ihr habt da einen Alkoholiker, macht was? Den schmeißen die heute doch einfach raus. Ich konnte ihn nicht rausschmeißen, und ich wollte ihn ja auch nicht rausschmeißen."

Die Generaldirektoren erzählen die Geschichte der Arbeit in der DDR aus der Sicht von Vorgesetzten, von Managern, Unternehmensführern. Offiziell gab es ja keine Arbeitnehmer und keine Arbeitgeber, weil der Begriff des Arbeitgebers "das wirkliche Verhältnis zwischen Arbeitern und Kapitalisten auf den Kopf" stelle, wie es in einem Dokument aus dem "Staatsbürgerkundeunterricht" von 1964 heißt: Die Arbeiter gäben ihre Arbeit, die Kapitalisten nähmen sie sich, nicht umgekehrt. Wie das Geben und Nehmen aber in der DDR genau ablief, blieb im offiziellen Begriffspaar "Werktätige" und "Betrieb" ungesagt.

Netzmann spricht heute von "Engineering-Kapazität" und "Managementqualität", aber er kleidet seine Kritik an der DDR immer noch in ein Lenin-Zitat: Über den Sieg der neuen Gesellschaftsordnung werde die Höhe der Arbeitsproduktivität entscheiden, habe Lenin gesagt – jene Produktivität, die man in der DDR eben nie ganz und irgendwann immer weniger erreichte. Weil "der Mann an der Drehmaschine" in der DDR zehn Prozent langsamer als ein Dreher bei Thyssenkrupp gearbeitet habe und die Angestellten 15 Prozent langsamer als im Westen, "die Schinderei war geringer, in vielen Bereichen". Und weil ein Betrieb allerhand mitfinanzieren musste, das mit dem Kerngeschäft gar nichts zu tun hatte: Bei ihm im Schwermaschinenkombinat Ernst Thälmann standen die Fußballer des 1. FC Magdeburg auf der Lohnliste, "die kannten den Betrieb gar nicht".

Für seinen Vortrag im Café Sibylle hat Netzmann bereits eine Einleitung gefunden, ein Zitat aus dem Film In Zeiten des abnehmenden Lichts, einer Familiengeschichte im Herbst der DDR. "In dem Film gibt es den Satz: 'Haben wir alles verdorben?' Das ist nachdenkenswert", sagt Netzmann, "den Satz würde ich auf mich beziehen. Da muss ich lange nachdenken und kann viele Antworten geben, aber mit Sicherheit keine einzige, kurze." Vielleicht liegt darin, dass viele Leute sich mit einer kurzen Antwort zufriedengeben, der Grund für das fortdauernde Nichtverstehen, das Nichtverstandenwerden zwischen Ost und West.

Kommentare

173 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren