Emily Atef "Ich kann unterschiedliche Regeln für Männer und Frauen nicht akzeptieren"

Emily Atef
© Per Zennström
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 39/2018

Ich bin in Berlin geboren, meine Mutter war Französin, mein Vater stammt aus dem Iran. Meine Eltern waren sehr freiheitsliebend. Mein Vater wanderte mit Anfang 20 aus, weil ihm im Iran alles zu klein und eng erschien. Meine Mutter verließ ihr kleines Dorf in Ostfrankreich aus demselben Grund. Ihre Freiheitsliebe hat mich und meine Träume sehr geprägt.

Seit meiner Jugend treibt mich das Thema Geschlechtergerechtigkeit um. Als ich Anfang 20 war, trafen wir meinen persischen Lieblingsonkel, einen feinen, sanften Mann. Er hatte eine Tochter in meinem Alter und suchte für sie, wie es im Iran Tradition ist, einen Mann aus. Das hat mich schockiert, auch deswegen, weil sie damit einverstanden war. Mein Cousin dagegen durfte seine Partnerin selbst wählen. Mein Vater sagte, er sei erstens zu faul, mir einen Mann zu suchen, und zweitens müsse ich ja mit dem Mann leben, also solle ich das schön selbst tun. In diesem Moment habe ich ihn so geliebt!

Ich kann es nicht akzeptieren, dass für Männer und Frauen unterschiedliche Regeln gelten sollen und dass viele Mädchen und Frauen so unfrei sind in ihren Entscheidungen. Diese Unfreiheit hat viele Gesichter. Mit Anfang 20 studierte ich in Paris. Wenn ich morgens mit zerzaustem Haar in Sportshorts zum Baguetteholen ging, konnte ich keine Straße überqueren, ohne dass mir nachgepfiffen wurde. Das hat mich so aggressiv gemacht! Ich ging zu dem Mann hin und fragte: "Was ist dein Problem?" Jedes Mal, ich konnte nicht anders. Meine französischen Freundinnen sagten, ich solle mich nicht aufregen. Aber ich konnte es nicht ertragen.

Später, als meine Mutter in Los Angeles auf der Palliativstation lag, las ich, dass in Kalifornien die männlichen Pflegekräfte für die gleiche Arbeit deutlich mehr Gehalt bekommen als ihre Kolleginnen. Dabei waren es die Pflegerinnen, die meiner Mutter spürbar mehr Geborgenheit, Wärme und Anteilnahme entgegenbrachten.

Mein Traum ist, dass meine heute achtjährige Tochter als 20-Jährige in einer Welt leben wird, in der sie frei ist, sich zu kleiden, wie sie möchte, und zu reisen, wohin sie will, allein und ohne Angst; dass sie in einer Gesellschaft leben wird, in der sie nicht nach ihrem Äußeren beurteilt wird, sondern nach ihrer Persönlichkeit, nach ihren Fähigkeiten und Talenten. Dass sie für ihre Leistungen im Beruf die gleiche Bezahlung bekommt wie ihre männlichen Kollegen. Ich träume davon, dass alle Frauen auf allen Kontinenten diese Freiheit haben. Welche Kräfte würde das freisetzen!

Ich weiß, dass dieser Traum leider noch utopisch und naiv ist. Aber ich glaube, dass durch die #MeToo- und #MeTwo-Debatten Veränderungen angestoßen wurden. Machtmissbrauch, der von beiden Geschlechtern ausgeübt werden kann, wird schwieriger, es entsteht ein Bewusstsein für die vielen Facetten, die die Abwertung von Menschen aufgrund von Äußerlichkeiten haben kann. Ich träume von einer Welt, in der jeder Mensch so leben kann, wie er möchte, solange er anderen nicht schadet.

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