© Camille Vivier

Héloïse Letissier Femme totale

Unter dem Namen Christine and the Queens wurde sie ein Popstar – und in ihrer Heimat Frankreich blickt man statt auf Brigitte Bardot oder Catherine Deneuve jetzt auf Héloïse Letissier, die sich einer eindeutigen Geschlechtszuordnung entzieht. Von
ZEITmagazin Nr. 39/2018

Klein und schmal steht sie auf einem riesigen Parkplatz in Saint-Omer, einer Stadt im Norden Frankreichs. Hinter ihr ragt eine Konzerthalle in den Himmel. Dort probt sie für die nächste Tour, ihr zweites Album soll Ende September erscheinen. Ihre kurzen Haare haben eine undefinierbare Farbe, die Sonne scheint ihr grell ins Gesicht, und sie wirkt, als würde sie am liebsten zurück ins Dunkel der Halle verschwinden. Héloïse Letissier, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Christine and the Queens, sieht aus wie ein schmächtiger, schüchterner Junge. Fast unscheinbar. Nichts deutet auf das Drama hin, das sie auf der Bühne und in ihrem Privatleben entfachen kann.

Das ist einer der vielen Widersprüche des neuen französischen Popstars, dessen erstes Album Chaleur Humaine sich vor vier Jahren mehr als eine Million Mal verkaufte. Letissier schaute vom Cover des Time-Magazins unter der Überschrift: "Next Generation Leaders", Vanity Fair kürte sie zur einflussreichsten Französin der Welt. Sie sang mit Elton John, Madonna bewunderte und befummelte sie auf der Bühne, und Paul McCartney nannte sie eine seiner liebsten Sängerinnen.

Damals hatte Héloïse Letissier noch lange Haare, sie trug meist einen Anzug und sang über ihren Lebensschmerz, auch darüber, wie es wäre, ein Mann zu sein, damals bemerkten das allerdings nur wenige. Und sie tanzte dabei, ja, man kann es nur als irgendwie außergewöhnlich beschreiben. Nicht ganz von dieser Welt. Ihre Arme und Hände flatterten scheinbar linkisch, aber anmutig durch die Luft, ihre Füße bewegten sich dazu wie die von Michael Jackson. Ihre Bewegungen erschienen unvollkommen und meisterhaft zugleich. Wer ihr zuschaute, war peinlich berührt, angezogen und abgestoßen, alles auf einmal. Ihre existenzielle Energie, ihr Mut zum Anderssein, zum Nichtperfekten fielen auf in einer Zeit der glatt bearbeiteten Instagrambilder, auf denen sich niemand zeigt, sondern alle nur ausstellen. Bei Letissiers Auftritten und Videos hatte man hingegen das Gefühl, einer fast schon intimen Offenbarung beizuwohnen. Eine Frau, die ihr Innerstes nach außen kehrt und dabei Popsongs singt, intellektuelle Popsongs.

Heute ist Héloïse Letissier 30 und sagt, die Erfindung ihres Bühnencharakters Christine sei für sie eine "Überlebenstaktik" gewesen. Ein Weg, um sich endlich zeigen zu können, um Dinge zu machen und auszudrücken, die sie in ihrem Leben unter ihrem bürgerlichen Namen nie gewagt hätte.

"Ich habe das Gesicht eines jungen Skateboarders, der gerade in die Stadt hineinrast und ein Bier zwischen seinen Fingerspitzen hält", schreibt Héloïse Letissier in einem Selbstporträt für das französische Magazin Egoïste. Und sie hat recht. Ihr Gesicht hat sich in den vergangenen Jahren verändert, zu Beginn wirkte sie wie eine feingliedrige Elfe, ihre Züge erschienen weicher, zart mit Make-up verfeinert. Nun sind ihre Haare kurz, sie trägt lange, offene Hemden über dem BH, in ihren Videos mimt sie den Halbstarken und provoziert die anderen Tänzer. Ihr Gesicht erscheint kantiger, maskuliner. Sie nennt sich nur noch Chris. Eine Weiterentwicklung ihres Bühnencharakters, sagt sie. Vielleicht nenne sie sich eines Tages nur noch C, ähnlich wie Prince, der irgendwann nur noch The Symbol war.

Schon die Verkürzung ihres Namens ist ein Statement, sie traut sich jetzt, ihre Ambivalenz noch stärker zu offenbaren. Ein Zwischenwesen, zwischen Mann und Frau. Früher waren Brigitte Bardot und Catherine Deneuve die Französinnen der Stunde. Jetzt ist es Chris, die sich einer eindeutigen Geschlechterzuordnung entzieht und sich als "pansexuell" bezeichnet, was so viel heißt wie: dass sie sich in Menschen verliebt, unabhängig von deren Geschlecht. Am Ende ihres selbst verfassten Porträts preist sie "Frauen mit einem Schwert, Frauen mit Appetit, Frauen mit Rachegelüsten. Verdammte Hexen." Solche Worte sind von einer Bardot oder einer Deneuve schwer vorstellbar. Héloïse Letissier, Christine, Chris, ist auch ein Sinnbild für eine veränderte Zeit, ein verändertes Lebensgefühl, ein verändertes Frauenbild. Sie ist der Star dieses Augenblicks. Gegenwärtiger geht es kaum.

Später steht sie in Trainingshosen in den Katakomben der Konzerthalle in Saint-Omer und sucht zusammen mit ihrer Managerin und dem Team ein Bild von den Proben aus, das sie in die sozialen Netzwerke stellen können. Sie entschuldigt sich, dass sie französisch sprechen. Ihr Englisch ist fast perfekt, sie singt in beiden Sprachen.

Hinter der Bühne zieht sich eine Papierbahn über eine ganze Wand, darauf ist der Ablauf der gesamten Show aufgezeichnet. Die Wand ist in drei Teile geteilt, Erde, Meer und Luft, verschiedenfarbige Post-its zeigen Musik- und Tanzeinlagen an, und selbst wann Letissier etwas zum Publikum sagen wird, ist notiert. Die Zeit der Improvisation, des Unperfekten ist vorüber. Diese Show, mit der Letissier im Oktober auch in die Berliner Columbiahalle kommen wird, ist durchinszeniert und choreografiert wie ein Theaterstück. Etwa 50 Menschen arbeiten daran. Letissiers Managerin steht vor der Wand und sagt, in den sieben Jahren, in denen sie Letissier betreut habe, sei es stets nur in eine Richtung gegangen – aufwärts. Letissier sei heute der größte Star des französischen Plattenlabels. Der neue kürzere Name Chris sei auch ein Ausdruck von Effizienz. Der alte längere Name Christine and the Queens lasse sich nur schwer auf Tickets, Poster und Werbetafeln drucken. Héloïse Letissier emanzipiere sich nun von ihrer eigenen Bühnenkreation, streife den Anzug ab und wirke jetzt stärker. Die Managerin meidet das Wort männlicher. Sie sagt "muskulöser".

In dem vorab veröffentlichten Clip zu Girlfriend tanzt Letissier und singt: "Don’t feel like your girlfriend. But lover." Sie ist keine Freundin, sondern ein/e Lieberhaber/in. Je nach Betrachtung. Ihr Video 5 Dollar ist einer Szene aus dem amerikanischen Film American Gigolo nachempfunden, in der sich Richard Gere, ein männlicher Callboy, ankleidet und Anzüge auswählt, um zu verführen. Letissier wählt in ihrem Video auch Kleidung aus, allerdings hängen in ihrem Schrank Bondage-Lederklamotten, als bereite sie sich auf ein Sado-Maso-Rendezvous vor. Darüber streift sie einen Anzug und verlässt mit einem Lederkoffer das Zimmer. Letissier erzählt, dass sie wegen des Videos von einer Journalistin angegriffen wurde. Die wertete es als eine Verherrlichung von Prostitution. Dabei ist es ein großes Spiel, eine feine, durchaus selbstironische Inszenierung. Letissier wollte Theaterregisseurin werden, sie studierte an einer der renommiertesten Hochschulen Frankreichs; dass sie ihr Studium nicht beenden durfte, weil sie sich nicht an die Regeln hielt, bleibt ein Trauma. Sie inszeniert jetzt auch aus Rache perfekt.

Später an diesem Tag steht sie auf der Bühne der Konzerthalle, wie in ihren Videos trägt sie eine offene Bluse, ab und zu zieht sie die Ärmel über ihre Schultern, zeigt so ihre Muskeln. Sie witzelt mit den Tänzern, kickt sie mit ihrem Po an, hüpft über die Bühne wie ein Flummi, unbegrenzte Energie, singt vor sich hin, unterhält alle, versucht, ein gutes Gefühl zu geben. Mit einem Tänzer probt sie schließlich ihr Lied Doesn’t matter, einen Krisensong, den sie einmal spät in der Nacht geschrieben hat und in dem sie auch über ihre Selbstmordgedanken singt: "Cause the suicidal thoughts are still in my head." Letissier und ihr Tanzpartner prallen aufeinander, fallen sich in die Arme, fliehen wieder auseinander. Es wirkt wie eine Schlacht, aber derart furios getanzt, dass die anderen Tänzer, die sich vor der Bühne versammelt haben, am Ende applaudieren. Später wird sich herausstellen, Letissiers Tanzpartner ist nur der Ersatzmann für einen anderen Tänzer, der kurz zuvor überraschend abgereist ist. Aber dieses Drama bleibt noch geheim.

Die Probe geht weiter, Letissier singt über Flüchtlinge, Liebe, Schmerz, ungestilltes Verlangen, Depressionen und klingt dabei wie eine Mischung aus Madonna und Michael Jackson, den Idolen ihrer Kindheit und Jugend. Auf der Bühne wirkt sie größer als in Wirklichkeit, als sei sie gewachsen, selbstbewusst, unangreifbar. In den Probenpausen schleicht sie wie ein winziger Geist durch die Flure der Halle, als sei sie auf der Flucht. Wer sie auf der Bühne sieht, versteht, dass "Chris" für Letissier tatsächlich eine Befreiung ist.

Letissiers großes Vorbild ist Madonna, die auch oft im Anzug zu sehen war – weil sie sage, was sie wolle, und es immer bekomme. © Camille Vivier

Ein paar Wochen nach den Proben steht Héloïse Letissier in einem Pariser Bistro, sie hält eine große Papiertüte in der Hand und trägt eine weite, etwas unförmige Jeansjacke, in der ihr Körper verschwindet. Wie soll man sie ansprechen? Ihre Eltern und alte Freunde nennen sie nach wie vor Héloïse, alle anderen Chris. Also Chris.

Die Geschichte, wie sie dazu wurde, klingt ein wenig nach einem modernen Märchen. Letissier wuchs in Nantes auf, ihr Vater ist Englischprofessor, die Mutter Lehrerin, ein intellektueller Haushalt. Als Kind verknallte sich Letissier in Michael Jackson, die Inkarnation der Ambivalenz, nicht Mann, nicht Frau, nicht schwarz, nicht weiß. "Eine Kreatur", wie Letissier sagt. Sie fühlte sich stets angezogen von Zwischenwesen. "Ich habe schon in der Schule sehr früh bemerkt, wenn ich jemanden interessant fand, war das immer mit Widersprüchen verbunden. Ich wusste, ich bin kein Junge, aber ich verhielt mich auch nicht wie ein Mädchen." Mit zwölf schrieb sie einem Jungen einen Liebesbrief, darin notierte sie: "Ich liebe Dich, wie nur ein Mann Dich lieben kann." Letissier lacht laut auf und spielt am Bistrotisch die Reaktion des Jungen nach. "Was zur Hölle ...?" Die anderen hielten sie, wenn nicht für verrückt, dann zumindest für sehr seltsam. Einen Freak. Wenn Letissier diese Zeit der Pubertät beschreibt, fallen sehr oft Wörter wie "grausam", "monströs" und "Gewalt". Man ahnt, die Narben sind noch nicht ganz verheilt, vielleicht können sie das nie sein. Ihre Eltern unterstützten sie, gaben ihr sehr früh Werke von Judith Butler zu lesen, der amerikanischen Philosophin, für die das Geschlecht nur ein Konstrukt darstellt. Letissier zog sich mit ihren Büchern zurück. Ihre Jugend – nicht unglücklich, aber einsam. Und sie tanzte erst klassisches Ballett, später modern. "Wenn ich tanze, zeige ich mein Gesicht", sagt sie heute. Sie war eine sehr gute Schülerin, sie kann sich sehr gut ausdrücken – poetisch und sprachmächtig. Sie redet über Gemälde von Francisco de Goya genauso wie über Didier Eribon, den französischen Soziologen und Schriftsteller, der in seinem Buch Rückkehr nach Reims über seine Herkunft aus der Arbeiterklasse und die noch immer existierenden Klassenunterschiede als eine Ursache für den Aufstieg des Rechtspopulismus in Frankreich schreibt. Letissier hat es sehr genau gelesen. Ihre Eltern gehören zur ersten Generation, die sich aus dem Arbeitermilieu ihrer Vorfahren emporgearbeitet hat – durch Bildung. Sie selbst besuchte eine Eliteschule. "Manche Menschen in Frankreich lehnen mich jetzt ab, weil sie denken, ich sei privilegiert. Aber ich komme nicht aus einer wohlhabenden Familie."

Zugleich ist die Schule auch die Ursache für ihre bisher größte Niederlage. In Lyon wollte sie Theaterregie studieren, zusammen mit zwei Männern. "Das war das erste Mal, dass ich echten Sexismus erlebt habe", sagt sie. Die drei sollten jeder ein Stück inszenieren. Letissier sagt, den beiden Männern seien Mittel und Unterstützung angeboten worden, um ihre Aufführungen zu produzieren. Nur Letissier nicht. Ihre damaligen Professoren hätten gesagt, sie sei noch nicht so weit. Genauer erklärten sie es nicht. Also brachte Letissier ihr Stück heimlich ohne Hilfe auf die Bühne. Das kam heraus, und sie flog von der Schule. Später, als sie anfing, Musik zu machen, und bekannter wurde, besuchten ihre ehemaligen Professoren einen ihrer Auftritte und sagten nachher zu ihr: "Schau, du kannst dich bei uns bedanken." Darauf hatte Letissier keine Erwiderung. Noch heute bebt sie vor Wut, wenn sie diese Geschichte erzählt.

Kommentare

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++ Besonders eine Szene ist Letissier im Gedächtnis geblieben, in der Madonna verlangt, alle ihre Tänzer sollten sie zum Abschied auf den Mund küssen. Und die gehorchen. "Madonna sagt, was sie will, und sie bekommt es immer", sagt Héloïse Letissier. ++

Leider übergriffig.
Wieso sollte man das bewundern?
Man stelle sich mal vor, ein weißer Sänger würde verlangen, dass alle seine Tänzerinnen ihn auf den Mund küssen! Das ginge aber ganz schnell zu #metoo, und zwar zurecht.

Was die lyrics betrifft, da bemüht sich Letissier, doch die Musik selbst ist seicht, jedenfalls nichts Innovatives. Es dreht sich alles um‘s Ich, und zusehends mehr, ob auffindbar oder nicht.