Konzentration "Ja, was, äh, hä?"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 39/2018

Ich erinnere mich an einen Urlaub in Italien. Vor etlichen Jahren. Wir waren in einem Haus an einem See in Latium, wir lebten von Büffelmozzarella, Pasta und Tomaten. Nur Greta nicht. Greta lebte von Brot mit Frischkäse. Und zwar Frischkäse einer Marke, wie man sie überall auf der Welt im Supermarktregal findet. Das Frühstück war für sie gleich der Höhepunkt des Tages. Greta war etwas unwirsch, bis endlich der Frischkäse auf ihrer Schnitte war. Was dann folgte, war eine Meditation. Ich hatte es nicht für möglich gehalten, dass man sich so sehr auf ein geschmiertes Brot konzentrieren kann. Ich habe nie mehr einen zufriedeneren Menschen gesehen als meine Tochter mit jenen Frischkäsebroten. Ich fragte mich: Warum kann man das Leben nicht einfach auf dieser Stufe einfrieren? Warum muss es immer weiter- und weitergehen, wenn doch nur immer mehr Bedürfnisse hinzukommen, die es einem schwerer und schwerer machen, zufrieden zu sein? Und irgendwann beißt man dann in ein Frischkäsebrot, und es schmeckt einfach nur noch nach Käse.

Wenn Greta sich auf etwas konzentriert, dann schließt sie sich mit diesem Gegenstand in einer eigenen Welt ein. Sie reagiert nicht, wenn ich sie anspreche, ich muss sie schon schütteln, um auf mich aufmerksam zu machen. Derzeit liest sie einen 500-Seiten-Wälzer von Ursula Poznanski über einen Jungen, der einen Motorradunfall hatte. So richtig erzählt sie es mir nicht, weil jede Nachfrage meinerseits nur wie ein lästiges Eindringen in ihre Welt ist: "Ja, was, äh, hä?", sagt sie dann und senkt schon wieder ihre Stirn ins Buch. Ein bisschen bin ich neidisch darauf. Mein Kind hat eine Ruhe, die ich mein ganzes Leben nicht gehabt habe. Wenn ich mich als Kind auf etwas konzentrieren wollte, fingen die Dinge an zu tanzen, und ein entnervendes Kribbeln machte sich in mir breit. Auch wenn ich versuchte, ganz konzentriert zu lesen, etwas ganz, ganz konzentriert abzumalen – es gelang mir nicht. Meine gesamte Schulzeit habe ich auf kippeligen Stühlen verbracht.

Seitdem ist es eher schlimmer geworden. Mein Glück ist nur, dass die übrige Welt auch unaufmerksamer geworden ist. Ich höre oft von der schwindenden Aufmerksamkeitsspanne unserer Generation. Angeblich können wir uns nur noch acht Sekunden auf einen Gegenstand konzentrieren. Goldfische sollen immerhin neun Sekunden schaffen. Das mit den Goldfischen fällt mir schwer zu glauben, jedenfalls solange Goldfische noch keine Smartphones bedienen können.

Ich habe gelesen, dass amerikanische Universitäten überlegen, ihre Lehrpläne zu revidieren, weil die Studenten es einfach nicht mehr schafften, die vorgegebene Literatur zu lesen. Zu zerstreut seien sie. Manche erklären das auch als Fortschritt. Angeblich erkennt unser Gehirn durch das Multimediatraining heute viel schneller als früher, wenn etwas nicht interessant ist. Das Langweilige wird aussortiert, und dann suchen wir nach etwas Neuem, das unsere Aufmerksamkeit fesselt. Für etwa acht Sekunden.

Ich hoffe, dass es noch lange dauert, bis Gretas Gehirn im Goldfischmodus ist. Neulich habe ich ihr Buchstudium mit der Frage unterbrochen, ob ich ihr ein Frischkäsebrot schmieren solle. "Nein danke, lieber Nutella", sagte sie. Das fand ich ein bisschen schade.

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