Die großen Fragen der Liebe Soll sie ihm im Beruf den Vortritt lassen?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 39/2018

Die Frage: Ingrid und Andreas haben sich gegen Ende des Chemiestudiums kennengelernt, als sie beide für ihre Promotion forschten. Ingrid hatte gerade eine chaotische Affäre hinter sich, mit Andreas hofft sie nun zur Ruhe zu kommen. Er bewundert sie sehr und möchte sie unbedingt heiraten. Beide beginnen dann in einem Pharmaunternehmen zu arbeiten. Nach drei Jahren ist Ingrid schwanger. Sie schlägt vor, dass nach der Entbindung beide Teilzeit arbeiten und sich abwechselnd um das Baby kümmern. Andreas hat neben seiner Arbeit mit Freunden ein Start-up gegründet und will jetzt vollen Einsatz bringen. "Ich tue es doch für die Familie", sagt er. "Kleine Kinder gehören zur Mutter." Ingrids Promotionsnote war besser als die von Andreas. Soll sie wirklich ihre Karriere bremsen?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Ich werde dich auf Händen tragen, heißt es unter Verliebten. Und niemand fragt: Wie weit? Und kannst du auch das Gepäck mitnehmen? Ingrid hätte vielleicht schon vor ihrer Schwangerschaft klären sollen, was Andreas mit "unserer Familie" meint. Aber besser spät als gar nicht. Im Interesse der gemeinsamen Zukunft muss sie darauf bestehen, dass beide Eltern daran arbeiten, Familie und Beruf zu verbinden, und auch ihren Arbeitgeber überzeugen. Was Andreas da in schöner Unbefangenheit verzapft, ist eine Zumutung: Ingrid soll sich um seinen beruflichen Erfolg kümmern und ihm den Rücken frei halten, während er keinen Gedanken an ihre Karriere verschwendet. Auf lange Sicht tut sich aber auch er einen Gefallen, wenn er mehr Kontakt zum Kind aufbaut – und eine gesunde Distanz zu übertriebenem Erfolgsdruck entwickelt.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft" (oekom verlag).

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Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Meines Erachtens ist die Note vollkommen unerheblich.

Egal ob Mann oder Frau - Kinder sind ein gemeinsames Unterfangen. Keiner hat mehr oder weniger Recht darauf arbeiten gehen zu dürfen/müssen. Wenn sie gerne arbeiten möchte (wie es scheint), dann reicht allein dieser Wunsch dafür, dass nach einer Lösung gesucht wird, die beide zufrieden stellt. Es war sicher auch nicht ihr alleiniger Wunsch Kinder zu bekommen. Wenn er etwas für die Familie tun will, dann bitte auch für alle in der Familie, d.h. auch für sie. Sonst existiert diese Familie ziemlich schnell nicht mehr.

Unabhängig davon scheint es mir sehr irrational sich in einer Familie allein auf eine "Start-up" Position als Alleinverdiener zu verlassen. Das kann gut gehen, ist aber in vielen Fällen ein großes Risiko. Das heißt rein aus rationaler Sicht, halte ich ein Modell bspw. 50-75% (Start-up), 50-75% (konservativer Job beim Pharmakonzern) und ggf. eine 25-50% Betreuung durch Großeltern oder Kita für sicherer.

Wenn sie den Wunsch hat zu arbeiten (was ich sehr gut nachvollziehen kann), dann sollte sie in jedem Fall auf dieses Recht pochen. Da kann sich der Mann nicht auf Phrasen ausruhen wie "kleine Kinder gehören zur Mutter" - auch die Mutter ist ein Individuum mit Wünschen und Zielen, die durch Kinder auf einmal alle egal geworden sind. Diese Art zu argumentieren ist eine gemeine Art ihr Schuldgefühle zu machen: Sie habe sich ja "gegen" die Kinderbetreuung entschieden, wenn sie arbeitet. Nein, er hat das genauso.