Schuhe mit Kunstfell Der Fall der Felle

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 39/2018

Seit Phoebe Philo vor einigen Jahren für Céline Sandalen entwarf, in denen anstelle eines Fußbetts eine Art Flokati-Teppich eingearbeitet war, ist der mit Fell oder Kunstfell versehene Schuh in der Mode ein steter Wiedergänger. Nie war er so präsent wie in den aktuellen Kollektionen. Preen beispielsweise präsentiert Teddy-Schuhe in grellem Orange, Prabal Gurung und Jil Sander haben sie in gediegenem Weiß. In Ashley Williams Kollektion finden sich Schuhe, die wie Hausschlappen mit Fellbesatz aussehen. Michael Kors zeigt schwarze High Heels, die an Ponyhufe erinnern, und bei Dolce & Gabbana sind Puschel-Pumps in Mintgrün zu haben – einer Farbe, die an Hausfrauen aus den Fünfzigerjahren erinnert.

Schuh und Fell waren schon immer eng miteinander. Seit der Mensch Tieren das Fell abziehen lernte, wärmt er sich damit die Füße, gewissermaßen ist der Trend also 200.000 Jahre alt. Die Inuit stellten aufgrund der extremen Temperaturen im nördlichen Teil Kanadas Stiefel aus Robbenfell her. Die wurden als Kamik oder Mukluk bezeichnet, was übersetzt Stiefel bedeutet. Die weiten Wege seiner Kulturwanderung konnte der Mensch auf allen Kontinenten nur zurücklegen, weil er gefütterte Stiefel trug. Einziger Nachteil: Man musste auf kühle Temperaturen warten, um sie benutzen zu können.

Dank zeitgenössischer Verarbeitungstechniken und Materialien kann man heute bei jeder Witterung mit befellten Schuhen auf die Straße gehen – auch wenn in vielen Fällen aus Gründen der politischen Korrektheit gar kein echtes Fell mehr verarbeitet worden ist. Die neuen Fellschuhe inszenieren Pelz allerdings nicht kunstvoll, sondern mit einer gewissen Plumpheit. So als wollte man etwas Unharmonisches an den Füßen haben. Tatsächlich erinnern viele Kreationen an die Füße der bunten Monster aus der Sesamstraße. Manche zitieren auch flauschige Hüttenschuhe, wie sie etwa Doris Day in etlichen Hollywoodfilmen trug. Damals standen sie für den Gipfel der Gemütlichkeit.

Wer sich heute in Fellschuhen zeigt, signalisiert, dass er es gar nicht nötig hat, die Füße in unbequeme High Heels zu stecken – und dass er genügend Selbstbewusstsein besitzt, um in so gemütlichen Tretern durchs Leben zu schlurfen. Wobei natürlich klar ist, dass sich gerade die neuen Fellschuhe überhaupt nicht dazu eignen, darin irgendwohin zu gehen. Sie sind eigentlich für Menschen gedacht, deren Füße nur rote Teppiche berühren und nie die schmutzige Straße. Für Menschen, die sich chauffieren lassen und keinem Bus hinterherrennen müssen. Einstmals standen Fellschuhe dafür, dass man überallhin kam. Nun kommt man mit ihnen nirgends mehr hin.

Foto: Peter Langer / Haarig: Schuhe mit Kunstfell von Simone Rocha

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