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Secondhandkleidung Ist das noch tragbar?

Der Künstler Jojo Gronostay kauft auf einem Markt in Accra, der Hauptstadt Ghanas, gebrauchte Kleidung ein, die in westlichen Ländern gespendet wurde. Dann inszeniert er sie im Stil eines jungen Modelabels – und zeigt damit den Irrsinn unserer Wegwerfgesellschaft. Von
ZEITmagazin Nr. 39/2018

Hunderte verblichene Sonnenschirme stehen dicht nebeneinander auf dem Kantamanto-Markt in Ghanas Hauptstadt Accra, unter jedem liegt ein Haufen Kleidungsstücke: T-Shirts, Hosen, Gürtel, jede Menge andere Textilien sowie zusammengebundene Schuhpaare und Sportschlappen werden hier für kleines Geld verkauft. Mehrmals pro Woche treffen neue Ballen ein, in denen Secondhandklamotten und Kleiderspenden aus reichen westlichen Ländern für den Transport zusammengepresst worden sind. Bend-down boutique nennen Einheimische den Markt. Weil man sich bücken muss, um in den Haufen passende Kleidung herauszuwühlen.

Der Kunststudent Jojo Gronostay – 30 Jahre alt, Halbghanaer und im Abschlussjahr an der École des Beaux-Arts in Paris – hat den Kantamanto-Markt im Frühjahr mehrere Wochen lang nach Kleidung abgegrast, die ihn an den Mode-Trend "Normcore" erinnert: Alltägliche Unisex-Stücke wie Hoodies oder T-Shirts, auch Anzüge und Berufsuniformen von Postboten oder Soldaten. Gronostay hat zum Beispiel ein rotes T-Shirt mit dem Aufdruck "Change starts here" gekauft, einen Princeton-Hoodie und eine kugelsichere Weste. Die Ghanaer seien Meister des Recyclings, sagt er, kaputte Autos und Elektroartikel würden immer wieder repariert. Als in den Siebzigerjahren die ersten Secondhandstücke in Ghana eintrafen, war die Verwunderung groß, dass jemand einwandfreie Kleidung einfach wegwirft. Die Einheimischen vermuteten, dass die Spenden von Verstorbenen stammten, und sprachen von "dead white men’s clothes", also von der Kleidung toter Weißer.

Auf dem Markt hat Gronostay über hundert Kleidungsstücke zusammengesucht, nach Berlin gebracht, reinigen lassen und mit dem Label "Dead White Mens Clothes" versehen, kurz DWMC. Mal ist das Label auf den Taschenaufschlag einer Anzugjacke gestickt, mal prangt es in großen Lettern direkt über dem Slogan eines T-Shirts oder auf dem Rücken einer Jacke.

Nun hängen Gronostays Fundstücke aus Afrika ordentlich aufgereiht bei der Marketing-Agentur Amsterdam Berlin in der deutschen Hauptstadt. An einer Kleiderstange vor kühlen, weißen Wänden präsentiert, wirken sie mit ihrem pompösen Label erstaunlich edel. Am 30. September wird die Kollektion in Paris gezeigt, danach kann man die Teile online kaufen. Für Preise von 150 Euro an aufwärts.

Was auf den ersten Blick zynisch wirkt, ist ein Kunstprojekt. Die insgesamt 118 Stücke sind durchnummeriert und vom Künstler unterschrieben, als wäre jedes von ihnen ein Fine-Art-Print. Die Einnahmen sollen zurück nach Ghana gehen. Gemeinsam mit Moritz Grub, dem Kreativchef von Amsterdam Berlin, mit dem er das Projekt realisiert, will Gronostay junge Designer unterstützen, etwa durch ein Stipendium.

Ursprünglich suchte Gronostay auf dem Kantamanto-Markt nach chinesischen Kopien westlicher Markenprodukte – und fand unter anderem ein Paar Schuhe, das sowohl mit einem gefälschten Gucci- als auch mit einem gefälschten Balenciaga-Label bedruckt war, also gleich zwei heiß begehrten Logos. Mit der Macht von Logos spielt auch DWMC: Der Moment, in dem das Label etwa auf den Princeton-Hoodie gedruckt wird, verändert das Kleidungsstück fundamental. Jetzt ist es Teil einer limitierten Serie, die allein durch ihre begrenzte Verfügbarkeit Begehrlichkeit wecken soll – und durch die Art der Vermarktung. Um die Entstehungsgeschichte der Kollektion erzählen zu können und die nötigen Informationen mitzuliefern, wird sie ausschließlich online verkauft. Der Kreativchef Grub sagt, er setze die Preise bewusst hoch an, um den Hype zu fördern: Ein Hoodie kostet zwischen 300 und 400 Euro, ein T-Shirt zwischen 150 und 250 Euro, ein Anzug um die 1.000 Euro, eine Jacke bis zu 1.500 Euro. Auf die Frage nach den ursprünglichen Preisen in Accra antworten die Initiatoren ausweichend:

"Sehr wenig", sagt Gronostay.

"Fast gar nichts", sagt Grub.

Natürlich ist es eine Provokation, scheinbar wertlose Kleidung zu astronomischen Preisen dort zu verkaufen, wo sie einst weggeworfen wurde. "Ohne moralische Bedenken ein Kleidungsstück kaufen zu können ist heute eine Form von Luxus", sagt Moritz Grub. Wie beim Essen gibt es auch in der Mode ein Bemühen um vermeintlich richtiges moralisches Handeln. Konsumenten informieren sich über Herkunft und Produktionsweise, Produzenten legen Wert auf Nachhaltigkeit. Der Designer Demna Gvasalia hat unlängst mit seinem Label Vetements die Absurdität der eigenen Branche vorgeführt, indem er von Logo und Farben des Paketdienstes DHL inspirierte T-Shirts weltweit zu teuren Verkaufsschlagern gemacht hat. Gronostay geht einen Schritt weiter: Während der Designer die DHL-Uniform nur zitiert, verwertet der Künstler das Original.

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