Emotionen im Sport: Lasst es raus!

Frauen sollen doch bitte nicht zu viele Emotionen zeigen, das galt auch im Tennis. Ausrasten und Schläger zertrümmern war Sache der Männer. Unsere Autorin spielte selbst und ist froh, dass es inzwischen genug weibliche Vorbilder gibt, die ihre Gefühle nicht mehr unterdrücken. Von
ZEITmagazin Nr. 40/2018

Serena Williams war sauer. Sie war wütend, nicht einverstanden, fassungslos. Und dann verlor sie vor drei Wochen das Finale der US Open gegen Naomi Osaka, aber der Ausgang der Partie spielte überhaupt keine Rolle. Was eine Rolle spielte, immer noch spielt, war die Frage, wie viel Emotionen, wie viel Leidenschaft, wie viel Rage und wie viel Wut sich Serena Williams eigentlich leisten kann. Wie viel sich eine Tennisspielerin leisten kann. Wie viel sich eine Frau leisten kann.

In der Pressekonferenz nach dem Finale ging es Williams selbst vor allem um die Ungerechtigkeit, dass ihre männlichen Kollegen weit öfter mit zertrümmerten Schlägern und Ausfälligkeiten gegenüber Schiedsrichtern davonkommen – während sie dafür bestraft wird. Die ehemalige Weltklassespielerin Billie Jean King (die 1973 gegen den Tennis-Chauvi Bobby Riggs ein "Kampf der Geschlechter"-Match bestritt) unterstützte Serena Williams mit einem Tweet, in dem sie schrieb: "Wenn eine Frau emotional ist, ist sie hysterisch und wird dafür bestraft. Wenn ein Mann das Gleiche tut, ist er direkt, und es gibt keine Konsequenzen. Danke, Serena Williams, dass du auf diese Doppelmoral hingewiesen hast. Wir brauchen mehr von diesen Stimmen."

Vielleicht hätte ich früher auch eine solche Stimme gebraucht. Als ich drei Jahre alt war, habe ich mit diesem Sport angefangen, den ich immer noch liebe – für die große Karriere hat es jedoch nicht gereicht, mit 13 hörte ich auf. Mangelnde Disziplin und Knieprobleme. Aber mir sind Erinnerungen geblieben, vor allem an die Momente, in denen ich nicht wusste, wohin mit all meiner Anspannung. Laut geflucht und den Schläger geworfen habe ich nie – im Gegensatz zu den Jungs auf dem Nebenplatz. Und auch geweint über eine Niederlage habe ich erst auf dem Nachhauseweg, wenn mich keiner mehr sehen konnte. Meine Emotionen behielt ich für mich – vielleicht auch deshalb, weil es für uns tennisspielende Mädchen keine Vorbilder gab. Wenn Frauen auf dem Platz tatsächlich mal mit Schlägern warfen oder rumschrien, dann wurden sie von den männlichen Kommentatoren als "hysterisch" oder "divenhaft" bezeichnet. Männer, die ein ähnliches Verhalten an den Tag legten, waren "echte Typen".

Bis 2008 wurden in meinem Tennisclub, dem Berliner LTTC Rot-Weiß, die German Open ausgetragen – und über die Jahre hinweg konnte ich all die Weltklassespielerinnen hautnah erleben: Martina Hingis, Monica Seles, Steffi Graf, Venus und Serena Williams, Justine Henin-Hardenne, Kim Clijsters, Arantxa Sánchez Vicario, Amélie Mauresmo, Anna Kurnikowa. Damals waren die Frauen für mich Sportlerinnen – und ich ahnte nichts vom "Männlichkeitsproblem", das Medien und Publikum bei Spielerinnen wie Mauresmo, Martina Navrátilová oder Serena Williams hatten und immer noch haben. Andererseits begründet der Trainer der sehr schmalen Agnieszka Radwańska das reduziertere Krafttraining so: "Es ist unsere Entscheidung, dass sie die schmalste Top-Ten-Spielerin bleibt, weil sie in erster Linie eine Frau ist und eine Frau sein möchte." Und bei Anna Kurnikowa ging es nie um Tennis – sie wurde mit ihrem Aussehen und ihren kurzen Outfits zu einer der bestbezahlten Spielerinnen, ohne je ein Turnier gewonnen zu haben. Dann gab es noch die "Emotionslose", die großartige Henin-Hardenne, die nicht nur gegen ihre Gegnerinnen spielte, sondern immer auch gegen das Publikum. Henin-Hardenne war kontrolliert, keine Sympathieträgerin und somit auf ihre Weise auch wieder nicht weiblich genug. Als sei Männlichkeit je eine Kategorie im Herrentennis gewesen. Und nicht zu vergessen die stöhnende Monica Seles, die dem Tennisjournalismus die Frage geschenkt hat: "Warum müssen Frauen solche 'Geräusche' von sich geben, und kann man dagegen Regeln aufstellen?" Im Internet gibt es spezielle Top-Ten-Listen, "Queens of Screams" – wer ist die Königin des Schreiens? Maria Scharapowa amtiert hier meistens auf Platz eins. Wenn man nach "Kings of Screams in tennis" sucht, gibt es einen Treffer: Ein Video zeigt einen schreienden Andy Murray. Beim Achterbahnfahren.

John McEnroe und Andre Agassi hatten Talent – aber das allein machte sie nicht so populär. Populär wurden sie, weil sich das Publikum mit ihnen ärgerte, freute, feierte, fluchte. Und Spieler wie McEnroe, Agassi oder Boris Becker halfen auch dabei, Tennis von seinem elitären Ruf zu befreien. Denn dieser Sport lebt von Leidenschaft, von Rage, von Wut. Auch bei den Frauen.

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