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Laurie Penny "Ich kam mir vor wie eine Verrückte"

Die Feministin Laurie Penny wurde im Internet bedroht und schrieb darüber. Die Reaktionen der Leser überraschten sie. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 40/2018

ZEITmagazin: Ms. Penny, Sie schreiben, dass Frauen im Internet mundtot gemacht werden sollen. Wie kamen Sie dazu, solche Themen aufzugreifen?

Laurie Penny: Meine Eltern waren Staatsanwälte, deshalb habe ich schon als Kind einen starken Sinn für Gerechtigkeit entwickelt. Ich habe sehr früh angefangen zu lesen – vielleicht mit drei Jahren – und wusste schon als Mädchen, dass ich Sachen schreiben wollte, die die Menschen bewegen.

ZEITmagazin: Mit drei Jahren? Sie müssen ein sehr kluges Kind gewesen sein.

Penny: Ich war ein komisches Kind. Ein Nerd, der mit sozialen Situationen nur schwer umgehen konnte. In der Schule wurde ich gehänselt. Wenn ich heute im Internet von Trollen beschimpft werde, fühle ich mich in die Situation von damals zurückversetzt. Vielleicht ist das der Grund, warum ich vor allem mit anderen Nerds rumhänge. Ich gehe zu Science-Fiction-Konferenzen, um nette, schüchterne Leute zu treffen, die auch ein bisschen von der Welt geschädigt sind.

ZEITmagazin: Sie waren 23, als Ihr Blog für den renommierten Orwell-Preis nominiert wurde. War das der Moment, in dem die Angriffe gegen Sie immer heftiger wurden?

Penny: Je wichtiger der Netzfeminismus wurde, desto gehässiger waren die Reaktionen. Manche Menschen entwickelten einen Spaß daran, andere im Netz fertigzumachen. Ich gehörte zu denen, die zur Zielscheibe wurden. Wenn ich andere Bloggerinnen traf, fragten wir uns, wie es den Trollen denn so gehe. Es gibt da draußen Leute, die nicht wollen, dass Frauen, Homosexuelle, Transsexuelle oder queere Menschen ihre Geschichten in der Öffentlichkeit erzählen.

ZEITmagazin: Warum?

Penny: Schauen Sie sich #MeToo an. Das ist eine sehr mächtige Bewegung geworden, die darauf basiert, dass Frauen die Wahrheit aussprechen. Es gibt eine kulturelle Architektur, die sie davon abhalten soll. Es ist bedrohlich, was herauskommt, wenn Frauen sich zusammentun und ihre Erfahrungen vergleichen.

ZEITmagazin: Sie wurden nicht nur beschimpft, sondern haben auch Morddrohungen erhalten. Mit 24 haben Sie deshalb bei einer Suizid-Hotline angerufen.

Penny: Am anderen Ende nahm eine liebenswürdige alte Dame ab. Ich erklärte ihr, dass mir fremde Leute sagten, ich müsse sterben, falls ich nicht aufhöre zu schreiben. Sie dachte, ich würde Stimmen hören. Ich erklärte ihr: Nein, nein, das passiert wirklich!

ZEITmagazin: Stimmt es, dass Sie sogar eine Bombendrohung bekommen haben?

Penny: Es ist sechs Jahre her, da erhielt ich eine Twitter-Nachricht, in der stand: "Wir sprengen dein Haus in die Luft." Dazu ein Datum und eine Uhrzeit. Ich habe mich zwei Tage bei meinem Ex-Freund versteckt und habe versucht, meine Nachbarn zu warnen. Ich kam mir vor wie eine Verrückte.

ZEITmagazin: Haben Sie die Polizei gerufen?

Penny: Die Polizei hat ein bisschen ermittelt, konnte aber nichts tun, weil die Absender anonym waren. Sie benutzten Tor, um ihre Identität zu verschleiern.

ZEITmagazin: Was macht es mit einem, so heftige Dinge zu erleben?

Penny: Inzwischen überlege ich mir gut, ob ich mich zu einem kontroversen Thema äußere. Über Antisemitismus in der britischen Labour-Partei habe ich zum Beispiel nicht geschrieben und werde es auch nicht tun. Außerdem habe ich an mir festgestellt, dass ich sehr misstrauisch bin und Beziehungen oft abbreche.

ZEITmagazin: Was passiert, wenn Sie Kritikern im echten Leben begegnen?

Penny: Viele Leute sagen überrascht: Ich dachte, ich würde dich hassen, aber du bist echt nett! Was sie wirklich meinen, ist, dass ich zierlich und klein bin. Manche sagen ganz direkt: Im Internet wirkst du größer.

ZEITmagazin: Es gibt auch viele Leute, die Sie für Ihren Aktivismus bewundern.

Penny: Ja, es ist schön, ab und zu daran erinnert zu werden. Letztendlich ist das der Grund, warum ich trotz allem weitermache. Gleichzeitig ist es auch etwas verwirrend, dass die einen mir den Tod wünschen und die anderen mich für die beste Person auf diesem Planeten halten. Ich verbringe deswegen immer mehr Zeit mit meinen beiden Schwestern und engen Freunden. Die behandeln mich als Person und nicht als Symbol.

ZEITmagazin: Kürzlich haben Sie einen Essay über Ihre Erfahrungen mit Hass im Internet veröffentlicht. Hat sich danach jemand bei Ihnen entschuldigt?

Penny: Einige Leute schrieben mir: Ich war vor ein paar Jahren ein Arsch zu dir, tut mir leid! Viele andere berichteten mir von ihren eigenen Erfahrungen. Ich war überrascht, wer sich damit alles identifizieren konnte. Danach habe ich mich besser gefühlt.

Das Gespräch führte Khuê Phạm. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold und Christine Meffert zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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