Letzter Praktikumstag: Verkrümeln

Am letzten Arbeitstag bringen Praktikanten zum Abschied einen Kuchen mit ins Büro. Ein furchtbarer Brauch, findet die ZEITmagazin-Praktikantin Anna Mayr. Aber was soll man sonst mitbringen? Von
ZEITmagazin Nr. 40/2018

Etwa zwei Wochen vor der Entscheidung kommt die Panik. Panik vor einem Ritual, dessen Regeln ich selbst bestimmen muss. Einem Ritual, das mich entweder zum Gespött macht oder noch egaler werden lässt, als ich es eh schon bin. Es geht um eine Entscheidung, vor der jeden Monat Tausende Menschen in Deutschland stehen, in Werkstätten, Werbeagenturen und Magazin-Redaktionen, völlig allein: Soll ich am letzten Praktikumstag einen Kuchen mitbringen? Und wenn ja: welchen?

Als Praktikantin hat man sonst nie Entscheidungsgewalt. Die ersten zwei Wochen jedes Praktikums verbringt man ja tendenziell vor allem damit, zwecklos herumzusitzen, voller Angst, ein falsches Wort könnte alle Computersysteme zum Absturz bringen. Die Kuchen-Entscheidung am letzten Tag ist das erste Stück Verantwortungsübernahme. Der einzige Moment, in dem man selbst das soziale Steuerrad ergreift.

Im Schnitt machen Menschen in meinem Alter etwa zwei bis drei Praktika pro Leben. Bei mir sind es nun sechs. Was auch immer ich an meinem letzten Tag mitbringe – es ist sehr bedeutend. Eine Unterschrift unter die letzten drei Monate. Der letzte Schliff der ersten Stufe meiner Karriereleiter. Natürlich Schwachsinn, die Annahme, dass ein Snack noch etwas ändern könnte. Wow, Frau Mayr, diese Apfeltaschen sind so gut, wollen Sie nicht einen Arbeitsvertrag unterschreiben? Passiert nie.

Aber alle Internetforen, in denen es um den letzten Praktikumstag geht, empfehlen ausdrücklich, einen Kuchen zu backen. "Vor allem selbst gemachte Donauwelle kommt gut an", schreibt eine Frau auf chefkoch.de. Eine andere schlägt vor, in jedes einzelne Kuchenstück eins dieser bescheuerten bunten Fähnchen zu stecken und auf jedes Fähnchen in Schönschrift "Danke" zu schreiben. Mit Verlaub – das ist sehr albern. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe Kuchen. Wenn ich könnte, würde ich den ganzen Kuchen dieser Welt essen, jeden Tag, zum Frühstück, zum Mittag, zum Kaffee, zum Abendessen, Kuchen, Kuchen, Kuchen. Aber diesmal will ich mich dieser backformgewordenen Höflichkeitsfloskel lieber verweigern. Denn der Praktikumsabschlusskuchen, das weiß ich aus Erfahrung, birgt einige Probleme:

1. Backen. Kann ich nicht. Es gibt ja Leute, die sind fähig, ihre Persönlichkeit und Kompetenz in Teigform zu gießen. "Auf Wiedersehen, danke für die Zeit", sagen diese Praktikanten an ihrem letzten Tag, und dann: "Nimm doch ein Stück Kirschtiramisu-Baisertarte, die ist wie ich: raffiniert und ansehnlich!" Die Kollegen nicken daraufhin anerkennend, bevor sie während des Verdauens wieder vergessen, dass es den Kuchen oder den Praktikanten je gegeben hat. Vielleicht ist es sogar mein Glück, dass ich nicht einmal Backmischungen beherrsche – so mache ich mich wenigstens nicht mit überkandidelten Kreationen zum Affen.

2. Der Transport von zu Hause ins Büro. Ich würde mit einem Blech Kuchen durch die Berliner S-Bahnen rennen. Fremde Menschen würden erst mich angucken, dann den Kuchen, und dann würden sie "Mjam-mjam-mjam" sagen. Der Kuchen würde mich outen, denn wer einen richtigen Job verlässt, der feiert einen richtigen Ausstand, mit Sekt und Schnittchen. Kuchen backen nur Praktikanten. Der Kuchen wäre also ein Symbol, er würde schreien: Seht her, es ist Monatsende, mein Praktikum ist vorbei, und ab morgen ist da nichts, nicht mal eine Idee, ich brauche dringend Geld, helfen Sie mir.

3. Die Präsentation: Gibt es im Büro überhaupt Teller? Muss ich Servietten mitbringen? Kuchengabeln? Und wo stelle ich das Teil hin: In die Küche? In mein eigenes Büro? In den Flur? In den Konferenzraum? Büros sind ja sowieso soziale Minenfelder. Da sind überall verborgene Konflikte und angestaute Genervtheiten, in die man nicht geraten will.

4. Die Kollegen. Essen ist so unheimlich individuell geworden. Selbst auf Kindergeburtstagen muss es inzwischen vegane Alternativen geben. "Danke, aber ich mache gerade einen zuckerfreien Monat." – "Danke, aber ich bin auf Diät." – "Danke, aber ich esse aus religiösen Gründen nur Steinfrüchte." Komplett größenwahnsinnig, etwas backen zu wollen, das 20 Leuten gleichzeitig schmeckt.

5. Die Gespräche, die der Kuchen herausfordert. Im schlimmsten Fall sagen die Kollegen: "Das ist wirklich das Beste, was du in der Zeit hier abgeliefert hast!" Im allerschlimmsten Fall fragen sie: "Und, was machst du jetzt danach?"

6. Der Anlass an sich. Wofür soll ich denn dankbar sein? Drei Monate lang habe ich für einen Brutto-Stundenlohn von etwa drei Euro gearbeitet. Und ich glaube, einige Menschen haben immer noch keine Ahnung, wie ich heiße. Das kann ich ihnen nicht einmal übel nehmen – denn am nächsten Montag sitzt auf meinem Stuhl jemand anderes, und dann hätten sie sich meinen Namen völlig umsonst gemerkt.

Wir Menschen haben das Bedürfnis nach Abschlüssen. Nach Ritualen. Vor allem meine Generation ist ganz abschiedsversessen. Wir feiern Abi-Bälle, Kurz-vor-dem-Abflug-ins-Auslandsjahr-Partys, Uni-Zeugnis-Überreichungs-Feste. Früher hatte man so was nicht, da ging das Leben voran, und niemand musste darauf anstoßen. Trotzdem: Einfach zuckerglasurlos gehen, das käme mir komisch vor. Dabei ist der Zucker das Problem an der Sache. Kuchen ist süß und nett. Niedlich, irgendwie. Und Niedlichkeit verhält sich zu Kompetenz wie Schnee zu Autoradios – kein Gegensatz, aber auch nirgends miteinander verbunden. Wer mit süßen Niedlichkeiten Abschied nimmt, der sagt nicht: "Gebt mir einen Job", sondern eher: "Streichelt meinen Kopf!" Dafür habe ich bereits Leute. Dafür brauche ich keine Kollegen. Aber wenn ich meine berufliche Eignung und Reife in einen Snack transformieren müsste – was käme dabei heraus?

Die Antwort ist so simpel wie erschreckend. Gin Tonic. Gin Tonic ist ein Getränk, das sich ernst nimmt. Ein bisschen bitter, aber erfrischend. Erwachsen, aber nicht altbacken. Macht manchmal unvernünftig, aber man kann Rohkost und Käsewürfel dazu essen, die vernünftigsten Snacks der Welt. Außerdem würde niemand beim Gin Tonic fragen, was ich denn jetzt danach mache. Es wäre völlig klar, dass meine nahe Zukunftsplanung aus Bett und Ibuprofen besteht.

Ob unsere Praktikantin, 24, uns zum Abschied Gin Tonics mixt oder doch einen Kuchen backt, sehen Sie ab Freitag, 28. September, ihrem letzten Arbeitstag, auf den Social-Media-Seiten des ZEITmagazins.

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