Vitaly Malkin: Im Überfluss

Der russische Multimillionär Vitaly Malkin kann sich kaufen, was immer er will – und macht das auch. Er will der Welt aber einmal mehr hinterlassen als nur Geld. Ein seltener Einblick in das Leben eines Superreichen. Von
ZEITmagazin Nr. 40/2018

Einmal, gegen Ende unserer gemeinsamen Reise schon, in Monaco, will Vitaly Malkin mir in seiner Wohnung plötzlich die sogenannte Icaros-Maschine vorführen. Es handelt sich um ein massives, weiß lackiertes Fitness-Gerät, Malkins Diener muss das Ding im Heimkino aufbauen, der Herr demonstriert dann selbst, wie es funktioniert. Er balanciert bäuchlings auf dieser Maschine, einer Art wackeligen Plattform auf einem Gestell, und setzt sich eine 3-D-Brille auf die Augen. Es beginnt vor seinen Augen dann offenbar eine Simulation, Malkin steuert darin ein Fluggerät, indem er auf der Plattform vorsichtig sein Gewicht verlagert. Neigt er sich nach links, macht der Flieger eine Linkskurve, neigt er sich nach hinten, steigt er auf, und so weiter.

Die Sache scheint mordsanstrengend zu sein. Schon nach wenigen Sekunden auf seiner grotesken Maschine ächzt und flucht Malkin zwischen zusammengebissenen Zähnen auf Russisch. Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn, bald zittert der ganze Körper. Er keucht. Neben ihm steht sein Diener und betrachtet die Szene mit unverhohlener Bewunderung.

So ist das also. Da stehe ich in dieser immensen, vergoldeten Glitzer-Wohnung, hoch über den Dächern von Monaco und mit Blick auf das blaue Mittelmeer. Vor mir knechtet sich der Protagonist meiner Geschichte auf einer 9.000 Euro teuren, seltsamen Foltermaschine, ohne dass ich genau verstehe, warum, aber wahrscheinlich, um mir ein Vergnügen zu bereiten.

Vitaly Malkin, 66 Jahre alt, ist ein sehr, sehr reicher Herr aus Russland. Ganz früher einmal war er Physiker, dann brach die Sowjetunion zusammen, da wurde er Bankier und verdiente in wenigen Jahren Hunderte von Dollarmillionen. Später, 2004, ernannte man Malkin zum Senator der Republik Burjatien, fast zehn Jahre blieb er das, bevor er 2013 Privatmann und endlich, vor Kurzem, Buchautor wurde. Malkins erstes Buch heißt Gefährliche Illusionen, ist gleichzeitig in fünf Sprachen erschienen und eine Kampfschrift gegen Religion. Der Autor wünscht sich, dass über das Buch gesprochen und berichtet wird, deshalb erklärt er sich dazu bereit, dass ich ihn für ein paar Tage in seiner Welt besuchen darf – in einem Leben und einem sozialen Umfeld, das normalerweise hinter hohen Zäunen, jenseits der Vorstellung der weniger betuchten Menschheit stattfindet. Unterwegs mit und nah dran also an einem philosophierenden russischen Superreichen in Moskau und Monaco, schauen, wie so ein Mensch lebt und tickt, Einblick in einen anderen Kosmos, das ist die Abmachung.

Landung am frühen Abend am Moskauer Flughafen Scheremetjewo. In der belanglosen Ankunftshalle kurzes Warten auf Robert Eberhardt, Malkins deutschen Verleger, der ein bisschen später landet und auf der gesamten Reise dabei sein wird. Eberhardt, ein Thüringer, erscheint mit Hornbrille, Blazer und heller Hose, ordentlich, adrett, ein sehr ehrgeiziger, noch ganz junger Mann, keine 30. Sein Wolff-Verlag publiziert eher Kulturgeschichtliches für Liebhaber. Malkin ist ein Ausnahmeautor, für die Veröffentlichung seines Buches hat der Verleger Geld vom Autor bekommen, nicht umgekehrt.

Wir werden abgeholt, da steht ein breitschultriger, kurz geschorener Kerl mit wenig Mimik, Typ Ex-Militär, und hält ein Schild in der Hand: "Robert Ederhardt". Unser Fahrer. Auf dem 60-sekündigen Weg zwischen Flughalle und Parkhaus schafft er es, eine ganze Zigarette runterzurauchen.

In einem schwarzen Ford geht es nun zum Landhaus von Herrn Malkin. Die Fahrt durch das Peripherie-Moskau dauert ewig, vier- bis fünfspurig schleppt sich der Verkehr über die Autobahn. Der Himmel ist groß und grau, draußen ziehen riesige Hochhaussiedlungen vorbei und fantastisch glitzernde Malls, dazwischen bemerkenswert viele Autohäuser.

Irgendwann doch die Ausfahrt, plötzlich sind wir in der Natur, der Fahrer drückt aufs Gas, wir rauschen durch hübsche Birkenwälder und über neblige Wiesen, auf denen riesige, gespenstisch weiße Blumen wachsen. Endlich vor uns eine Schranke mit Wärterhäuschen, ein schläfriger Typ in Flecktarn lässt uns durch, wir fahren nun durch eine gepflegte Parkwelt mit grünem Rasen, schwarzem Asphalt und Häuserdächern hinter gestutzten Hecken. Es handelt sich um eine Gated Community, in der, wie wir später erfahren, hauptsächlich sehr hohe Beamte und verdientes Personal der Ära Jelzin leben.

Wir gelangen an ein Tor, getragen von zwei Obelisken aus Basalt, das Tor öffnet sich, vor uns, auf einem sanft sich aufschwingenden Hügel liegend, ein großes Herrenhaus des 19. Jahrhunderts mit Blick über Teich und Wälder. Am Eingangsportal wartet zwischen ein paar Dienern bereits der Hausherr, Vitaly Malkin. Ein eher kleiner Mann, Halbglatze, in Poloshirt und Khakis, sein Englisch mit schwerem russischem Akzent. Handschlag, er mustert mich kurz, dann, gleich als Erstes, kleine Führung über die Latifundie. Malkin redet, wir folgen, er weist auf eine Messingplakette hin, auf der zu lesen steht, dass Lenin dieses Haus besuchte und seine Witwe darin lebte. Es geht außen über eine sehr große, schöne Veranda in ein neu gebautes Pool-Haus, der Pool still und unbewegt. Malkin ist, erfahren wir, bloß Mieter hier, sein Eigenheim nebenan wird derzeit renoviert. Gerne, sagt Malkin, hätte er uns dort die Tennishalle gezeigt, 16 Meter hoch sei die Decke, eine Anlage, in der Profimatches gespielt werden könnten. Er selbst spiele allerdings kein Tennis.

Das Mietshaus sieht von innen so aus wie alle Häuser, die ich von Malkin noch sehen werde, glitzernd, glänzend, spiegelnd, poliert; golden, silbern, marmorn, pastellig; ausladend, barock. Es liegt Spielzeug für Erwachsene herum, ein Segway, eine Drohne, zu sehen ist auch ein aus Monaco mit angereistes, teures Tier, eine haarlose Pharaonenkatze. Malkin zeigt uns das Untergeschoss, ab und an begegnet man einer Dienstkraft, ansonsten wirkt das Haus leblos. Vor der geschwungenen Treppe ins Obergeschoss allerdings stapeln sich kleine und große Sportschuhe, Nike, Gucci und Balenciaga, hier machen wir halt. Das obere Stockwerk ist das Reich der jungen Freundin von Malkin und der drei gemeinsamen Kinder im Alter von eins, zwei und fünf. Dieser Teil wird nicht gezeigt.

Es gibt Abendessen. Im Speisezimmer setzt sich Malkin an den Kopf des riesigen Esstisches, die Köchin fährt auf, dem Verleger und mir wird ein Dinner gereicht von kaltem, eingelegtem Aal in verschiedenen Ausführungen, dazu Salat, Schwarzbrot, Obst, eine Käseplatte, dies sind die Vorspeisen. Malkin selbst rührt wenig an, rät aber eifrig zum Kosten von diesem und jenem. Es folgen Fasan, Apfelstrudel, Kaffee und Konfekt. Zu trinken gibt es Wasser und einen schweren Saint-Émilion.

Vorsichtige erste Unterhaltung über Moskau, Vergangenheit und Gegenwart, Malkin redet allein, wie ein Senator, gewohnt, dass die Leute zuhören. Die Stadt, erklärt er, sei in den Neunzigerjahren, als er ein großer Mann wurde und der Systemwandel stattfand, viel wilder gewesen, um drei Uhr morgens habe man eine Harley-Davidson kaufen können, wenn einem der Sinn danach gestanden habe, und ein paar der besten Restaurants hätten 24 Stunden am Tag aufgehabt, sieben Tage die Woche, Foie Gras und Schampus zum Katerfrühstück. Er selbst habe leider nicht viel mitgekriegt von dem Exzess und der Feierei, er habe ja immer nur geschuftet, nach der Arbeit habe er bei den Partys mal zehn Minuten hereingeschaut in Anzug und Schlips, dann, sagt er, sei er immer nach Hause, ins Bett.

Wir wohnen in Malkins eigenem Haus, in dem, das nebenan liegt und gerade renoviert wird, es sind eigentlich mehrere Häuser, seltsame, glatte Kästen wie aus Lego, durch ein Netzwerk unterirdischer Tunnel verbunden, damit man im Winter nicht immer die Jacke anziehen muss auf dem Weg von A nach B. Im Trakt, in dem wir wohnen, finden gerade keine Bauarbeiten statt. Zwei Haushälterinnen in schwarzem Kleid und weißer Schürze führen uns durch polierte Flure auf unsere Zimmer, frisch geschnittenes Obst steht auf den Tischen, staubige Bildbände in den Regalen, scheußliche, billige Kunst hängt an den Wänden. Das Haus ist riesig und tot.

Wir werden zum Frühstück abgeholt in einem anderen Auto, einem Lexus-SUV, und zu Malkin gefahren. An der Tür begegnen wir Nastya, Malkins Assistentin, mit der er an dem Buch gearbeitet hat. Nastya ist keine 30, verheiratet mit einem Spitzenkoch, hat in Paris Philosophie studiert an einer Grande École. Sie bringt uns ins Pool-Haus, Malkin zieht dort gerade seine Bahnen, wir dürfen zuschauen, bevor er dampfend dem Becken entsteigt, die Schwimmbrille ablegt, Handschlag, dann verschwindet er im Bademantel, um wenig später in einem grellweißen Lacoste-Trainingsanzug wieder am Frühstückstisch zu erscheinen. Es gibt Blinis, Porridge, Brot, Pfannkuchen, Obst, Kompott, Aufschnitt.

Am Tisch sitzen außer Eberhardt, Nastya und mir heute noch zwei weitere junge Frauen. Eine, die in diesem Artikel nicht namentlich erwähnt werden mag, sie ist aber genau wie Nastya eine in Paris studierende russische Spitzenakademikerin und ebenfalls angestellt als Assistentin für Malkins Schreibarbeit. Außerdem zugegen: die russische Verlegerin aus St. Petersburg. Man will die bevorstehende Veröffentlichung der russischen Ausgabe von Gefährliche Illusionen besprechen. Malkin will mit den Frauen die bisherigen Rezensionen in Zeitungen und Internet diskutieren und verstehen, was am Buch noch verbesserungswürdig ist, bevor er es in seiner Heimat in die Läden bringt.

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