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Erinnerungsstücke Ode an all die Dinge des Lebens

ZEITmagazin Nr. 41/2018
Viele Wohnungen sind so rein, dass man darin operieren könnte. Wo haben diese Menschen nur ihren ganzen Kram? Von

Scheinbar leben wir in Zeiten des Ausmistens – im Internet gibt es allerlei Rat dazu: "Unnötiger Ballast: Warum du dein Leben entrümpeln solltest, und wie es dir in Rekordzeit gelingt." Oder: "Das Leben entrümpeln und frei durchatmen." Und auch: "Das Leben entrümpeln, die Seele befreien." Ich frage mich immer wieder, wovon genau man sich da eigentlich befreien soll. Was ist es, das einen so belastet und nicht mehr frei atmen lässt?

Ich liebe Dinge. Ich sammle Dinge. Ich habe dabei nicht das Gefühl, nicht atmen zu können oder eingeschränkt zu sein. Ich fühle mich bereichert. Und eine Belastung war es nur einmal, als ich einen Brocken Lava vom Ätna mit nach Hause schleppte. Eben weil er mir so gefiel.

Mit dem Sammeln fing ich schon als Kind an. Ich war einmal mit meinem Großvater in einem Steinbruch in Mittelfranken unterwegs, ich war gerade erst in die Schule gekommen. Mein Großvater erzählte mir, dass dort, wo wir gerade spazieren gingen, vor vielen Millionen Jahren einmal Meer gewesen sei, und noch heute seien die Schalen von Muscheln und Schnecken hier in den Steinen gefangen. Er zog ein Hämmerchen aus der Tasche und klopfte auf einen der Kalksteine. Nach einigen Versuchen kam tatsächlich ein keilförmiges Fossil zum Vorschein. Ein Überbleibsel eines Urzeit-Tintenfisches. Ich war völlig umgehauen von der Vorstellung, dass vor einer Zeit, so weit entfernt, dass ich mir sie nicht vorstellen konnte, ein kleiner Tintenfisch starb und dann Millionen Jahre darauf gewartet hatte, von meinem Opa herausgeklopft zu werden.

Ich fragte, ob dieser Stein sehr wertvoll sei. Mein Großvater meinte: "Für dich ist er unermesslich wertvoll. Die anderen können seinen Wert nicht sehen, das ist das Gute daran." Ich klopfte an diesem Tag viele Steine auf, und für einen Tag war ich der reichste Junge der Welt. Ich schleppte eine ganze Kiste mit Steinen nach Hause. Natürlich waren meine Eltern kein bisschen begeistert. Aber mein Opa hatte natürlich recht gehabt, denn tatsächlich konnte nur ich den Wert der Dinge erkennen.

Warum nehmen wir Dinge mit? Es ist uns angeboren. Fast alle Kinder sammeln Sachen. Psychologen erklären es so, dass Kinder anfangen zu sammeln, um sich einen Reim auf die Welt zu machen. Sie ordnen die Umwelt, die ihnen zunächst chaotisch erscheint. Sie bringen Dinge zusammen, die für sie zueinander gehören. Damit schaffen sie sich einen eigenen Bereich, der ihnen beherrschbar erscheint. Im Alter von sechs Jahren haben 70 Prozent der Kinder eine Sammlung.

Indem wir Dinge mitnehmen, indem wir sie horten, machen wir für uns selbst das Leben begreifbar. In meinem Regal steht etwa ein Engel meines Urgroßvaters aus Ton, eine mechanische Kamera, die ich als Jugendlicher geschenkt bekommen habe, und eine alte Tischuhr, die ich auf einem Flohmarkt in Warschau gekauft habe. Und etliches mehr. Nichts davon kann ich gebrauchen, nichts davon ist sinnvoll. Aber jedes Stück ist ein Anknüpfungspunkt, ein Punkt, von dem aus ich durch mein Leben und durch die Welt reisen kann.

Man kann Dinge ansammeln oder sie systematisch sammeln. Beides ist sehr verwandt. In seiner Rede über das Sammeln schreibt Walter Benjamin: "Man hat nur einen Sammler zu beobachten, wie er die Gegenstände seiner Vitrine handhabt. Kaum hält er sie in den Händen, so scheint er inspiriert durch sie hindurch, in ihre Ferne zu schauen. Soviel von der magischen Seite des Sammlers (...)." Sammler sind Wertschätzer. Sie können in Dingen etwas sehen, das anderen Menschen verschlossen bleibt, sie sehen Geschichten. Sie geben den Sachen einen Wert, von dem andere nichts ahnen. Ein Sammelsurium, aufgeladen mit positiver Energie. Es ist reine Magie.

In allzu geordneten Wohnungen fühle ich mich eher unwohl. Also Räumlichkeiten mit ausgeklügeltem Farbkonzept, mit verschiedenen Designerstühlen, mit einer Sukkulente auf dem Fensterbrett, mit ganz viel Licht und ganz viel Raum und ganz viel Luft und ganz wenig Zeugs, das in der Wohnung herumliegt. Ich denke in solchen Wohnungen immer, dass die Dinge fehlen, die das Leben ausmachen. Solche Räume sind wie Hotelzimmer, in denen die Oberflächen rein sind wie Operationstische, sodass dort nichts von den Menschen kleben bleiben kann. Etwa ein seltsames Figürchen auf dem Fensterbrett. Oder vielleicht Geschirr, das man von den Großeltern geschenkt bekommen hat. Von mir aus Urlaubsmitbringsel. Wenn ich davon keine Anzeichen finde, frage ich mich: Haben diese Leute keine Eltern? Keine Freunde? Gibt es denn keinen Gegenstand, mit dem diese Menschen so viele positive Gefühle verbinden, dass sie ihn in die Wohnung stellen würden, obwohl er nicht zur Farbe des Teppichs passt? Deshalb sind solche Wohnungen ungemütlich. Nicht etwa, weil das Sofa nicht weich genug wäre, sondern weil der Raum den Eindruck macht, als würden seine Bewohner in ihm gar nicht leben. Als würde er ihnen keinen emotionalen Schutz bieten, sondern sie ausliefern. Als lebte man in einem Showroom.

Ich glaube, die allermeisten Menschen wollen Erinnerungen festhalten. Auch jene, die sich rühmen, keine Bücher mehr zu haben, weil sie ja "alles digital" hätten. Es ist genauso, wie wenn man jeden Abend mit Freunden, jedes Essen, jedes Konzert der Lieblingsband mit dem Smartphone festhält. Ein Foto im Smartphonespeicher ist für mich aber nicht dasselbe wie ein Erinnerungsstück. Durch ein Foto bleibt alles gleich. Mit einem Gegenstand hingegen verändern sich die Dinge. Einen Gegenstand kann man nicht teilen, er ist nur an einem Ort zu einer Zeit. Und man muss sich von diesem Zeitpunkt an mit ihm auseinandersetzen. Er verdrängt Platz, Luft, man muss ihm Raum schaffen, er verändert sich. Er altert, wie man selbst altert, er geht kaputt, wie man selbst kaputt geht. Man muss sich irgendwann von ihm trennen. Das sind Eigenschaften, die nur Dinge haben können. Es ist etwas anderes, das Regal voller Bücher zu haben, als eine große Kindle-Bibliothek auf dem iPad. Es ist etwas anderes, eine Schallplattensammlung zu haben, als die Festplatte voller Songs. Nur etwas, das gepflegt werden muss, das eine Präsenz hat, das Raum im Leben einnimmt, kann auch eine Bedeutung haben.

Welche Kraft das entfalten kann, erlebt man in jeder Wohnung, die so vollgesogen ist mit dem Charakter ihres Besitzers, dass es ganz egal ist, ob er anwesend ist oder nicht. Die Geschichten, die seine Dinge erzählen, machen ihn präsent, manchmal sogar über den Tod hinaus. In New York gibt es das Apartment der Künstlerin Louise Bourgeois. Sie starb im Jahr 2010, seitdem wurde es nicht angetastet. Denn mit all den aufeinandergestapelten Büchern und aneinandergereihten Schlaftablettenpackungen sind die Räume selbst ein Kunstwerk geworden. Solch eine Wohnung, die mit dem Geist eines Menschen imprägniert ist, ist kaum aufzulösen.

Neulich hat mich mein Vater angerufen, er wolle jetzt den Keller ausmisten. Auch die ganzen Kisten aus meiner Kindheit mit all dem "Geröll" und "Zeug" darin. Ich bat ihn, auf eine Kiste mit keilförmigen Fossilien zu achten. Sie sei ungemein wertvoll.

Kommentare

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Es ist wohltuend, einmal eine augleichend wirkende Gegenmeinung zu dem ganzen "Minimalismus-Lifestyle-Trend" zu lesen.
Ich beschäftige mich seit etwa 3 Jahren damit. Ich bin inzwischen der Meinung, dass der Schlüssel zum Wohlbefinden nicht im Entfernen aller Gegenstände, sondern im Ordnen und ästhetisch Präsentieren liegt. Auch die Art der Gegenstände ist von entscheidender Bedeutung. Die natürliche Ästhetik von Naturmaterialien (Steine, Holz, Pflanzen...)ist wohltuend für die Seele. Auch liebevoll selbst Hergestelltes ist einzigartig und trägt Emotionen. Liebevoll arrangiert, bereichern diese Gegenstände und beschweren das Leben nicht.
Ganz im Gegenzug dazu sehe ich jedoch lieblos, profitorientiert hergestellte Massenware aus billigsten, künstlichen Materialien unter denen wir zu ersticken drohen. Aber auch teure Gegenstände, die eine kalte, abweisende, unnatürliche Ausstrahlung haben (Materialien wie Stahl und Beton z.B.) haben einfach keine "Seele".
Es darf auch ruhig schräg und unperfekt sein. In der Natur gibt es schließlich nichts absolut Symmetrisches oder Gerades.
Und natürlich muss man seine Sammlungen liebevoll pflegen, dann hat man Freude daran und nicht das Gefühl, man müsse unbedingt "Ballast" los werden.