Friseurbesuch Waschen, Schneiden, Stöhnen

© Illustration: Pavel Mishkin
ZEITmagazin Nr. 41/2018

Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu Friseurbesuchen. Einerseits gehe ich alle vier Wochen hin, weil ich mir sonst ungepflegt vorkomme. Andererseits – und ich mag da empfindlich sein – kommt mir die Stunde im Salon jedes Mal wie eine Aneinanderreihung peinlicher Momente vor. Neulich hat mich eine Situation regelrecht aus der Fassung gebracht. Der Friseur war dabei, mir die Haare zu shampoonieren, wie Eltern es mit Kleinkindern machen oder Hundebesitzer mit Golden Retrievern. Die Sache war: Er hörte damit gar nicht mehr auf. Er knetete und massierte mir minutenlang die Kopfhaut. Er wollte mir offenbar etwas Gutes tun. Es klingt idiotisch, aber ich dachte anfangs wirklich, dass er meine Begrüßung an der Tür und unseren Small Talk über die schöne Einrichtung des Salons als Flirt missinterpretiert haben könnte und seine Massage keine Standarddienstleistung, sondern echte, leidenschaftliche Zärtlichkeit war, quasi eine Vorstufe zum Knutschen.

Irgendwann wurde mir klar, dass ich gerade das durchlebte, was ich sonst auf Nachfrage stets abgelehnt hatte: eine Kopfmassage. Wer, bitte schön, genießt so etwas? Es geht ja schon damit los, dass völlig unklar ist, wie und wohin man als Adressat einer Kopfmassage schaut. Schließe ich die Augen, wirkt es womöglich so, als würde mir die Massage ein wenig zu sehr gefallen, als würde sie mir vielleicht sogar eine Art erotisches Vergnügen bereiten.

Lasse ich meine Augen hingegen offen, starre ich den Friseur an, und dann wirkt es komisch, wenn ich mich nicht dazu äußere, was er da gerade macht. Aber was, um Himmels willen, sollte ich schon sagen? "Ahhh, ohhh, ist das gut!"? Meine Lösung war, seine rechte Schulter anzustarren. Ich muss ausgesehen haben, wie ich mich auch fühlte: innerlich erstarrt.

Der Friseursalon ist für mich grundsätzlich ein heikler Ort, was vor allem daran liegt, dass ich kein großer Freund von Berührungen durch Fremde bin. Beim Friseur wird einem millimeternah um die Ohren geschnitten, sanft über die Schläfen gestrichen, das Nackenhaar rasiert. Für all die armen, einsamen Menschen, die höchstens mal in der U-Bahn versehentlich angerempelt werden, ist das schon ziemlich intim – und dann findet es noch im grellen Licht eines Salons mit seinen Schaufenstern zur Straße statt.

Die berüchtigte Geschwätzigkeit von Friseurinnen und Friseuren ist in Wahrheit ein Entgegenkommen: Uns verklemmten Kunden soll geholfen werden, klarzukommen. Die Fragen nach den Urlaubsplänen, der Stimmung im Büro oder dem Verhältnis zu den Schwiegereltern sollen von den körperlichen Grenzüberschreitungen ablenken. Und wenn einem am Ende eines jeden Besuchs ein Spiegel in die Hand gedrückt und der Weg zur neuen Frisur erklärt wird – "an den Seiten sind wir schmaler geworden", "hier habe ich nur die Spitzen weggenommen" – hat das einzig und allein den Grund, die Distanz zwischen Friseur und Kunde, die für eine Stunde verschwunden war, wiederherzustellen.

Auf den ersten Blick könnte man die Kopfmassage also als eine Verirrung eines Berufsstands ansehen, doch vielleicht ist sie ein Symptom eines größeren Phänomens: unserer Bewertungsgesellschaft. Es gibt kaum eine Dienstleistung, die ich nicht hinterher online rezensieren könnte. Mir scheint, das eingebaute Problem dieses Systems ist, dass nur die überbordenden Nettigkeiten online honoriert werden und das normal Aufmerksame, unaufgeregt Nette unsichtbar bleibt. Uber-Fahrer erklären einem ungefragt die Stadt und bitten hinterher höflichst um eine positive Bewertung, sogar mein einst wortkarger Hausarzt machte mich vor Kurzem auf die Möglichkeit aufmerksam, ihm bis zu fünf Sterne zu geben, wenn ich mit seiner Behandlung zufrieden war. Als ich nach Friseurbewertungen geschaut habe, las ich bei bestimmten Salons von "wohltuenden, entspannenden Kopfmassagen", die man "einfach so" bekommt. Gemeint war wohl: umsonst! Es ist, als würde der Elektriker, den man eigentlich zum Reparieren einer Stromleitung zu sich nach Hause bestellt hat, seinem Kunden beim Rausgehen ein neues WLAN-Kabel spendieren, weil es schöner aussieht als das alte. Bestimmt würden einige über diesen Elektriker schreiben, er sei mit seiner himmlischen Art "einfach nur der beste".

Statt sich auf das Handwerk zu konzentrieren, müssen Friseure Wellness bieten. Das gab es bei den teuren schon immer, doch mein Haarschnitt kostete eigentlich immer 30 Euro. Es ist wahrscheinlich ihre Art, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen. Die Massage ist nur ein Weg: Als Kunde bekommt man zum Beispiel auch häufig eine Auswahl aus Kaffee, Tee oder Sekt, obwohl jeder, der schon mal versucht hat, beim Schneiden eine Tasse anzusetzen, weiß, wie umständlich das Trinken beim Friseur ist.

Auch wenn es unangenehm ist, weil keiner gern freiwillige Nettigkeiten ausschlägt: Mein Plan ist, in Zukunft vorher schon Bescheid zu geben, dass ich auf die Kopfmassage verzichten möchte. Einen Termin, einfach nur Waschen, Schneiden, Gehen, fände ich wohltuend und entspannend.

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