Harald Martenstein Über Meinungsfreiheit und ungleiche Paare

Er ist ein linker Akademiker, sie gehört zur Neuen Rechten: Jetzt fliegen die Söhne von Helmut Lethen und Caroline Sommerfeld von der Waldorfschule. Was können Kinder für ihre Mutter? Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 41/2018

Ich durfte bei der Berliner Veranstaltung von "Deutschland spricht" dabei sein. Diese ZEIT ONLINE-Aktion bringt Menschenpaare zusammen, die zu politischen Fragen unterschiedliche Meinungen haben. Sie finden sich mithilfe eines Computerprogramms. Auf der Bühne traten auch Gesprächspaare des Vorjahres auf, der Zufall hatte unter anderem eine junge Frau und ihren Schwiegervater zusammengeführt. In anderen Ländern wird die Idee kopiert. Norweger streiten besonders hitzig über Wölfe. Dorfbewohner sind mehrheitlich dafür, die verdammten Viecher abzuschießen. In der Stadt, wo es dieses schöne Raubtier mit dem vorbildlichen Familiensinn nicht gibt, wollen die meisten sie leben lassen. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. So ist es ja häufig.

Man könnte "Deutschland spricht" für ein gutes Zeichen halten. Immerhin nehmen Tausende teil. Aber diese Menschen stellen eine Positivauswahl dar, sie sind dialogbereit. Bei den Gesprächen machen sie meistens die Erfahrung, dass ihr Gegenüber menschlich angenehmer ist als erwartet, kein Monster. Bei der einen oder anderen schlimmen Meinung stellen sie fest, dass sie zumindest die Beweggründe des anderen nachvollziehbar finden. Viele wollen sich allerdings der Gefahr, im Andersdenkenden den Mitmenschen zu erkennen, gar nicht erst aussetzen. Und wer in einer geistigen Wagenburg sitzt, ist nicht selten zu jeder Schandtat bereit.

Ein gemischtes Paar bilden auch der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen und die Autorin Caroline Sommerfeld. Er ist ein renommierter linker Akademiker und Alt-68er, sie, viel jünger, gehört zur Neuen Rechten. Beide leben in Wien. Vor ein paar Wochen wurden ihre gemeinsamen Söhne, acht und zwölf Jahre alt, aus der Waldorfschule Wien West "zum nächstmöglichen Zeitpunkt" herausgeworfen, wegen ihrer Mutter. Die Kinder waren in der Schule völlig unauffällig. Auch der Mutter wurde, außer ihrer Meinung, nichts konkret vorgeworfen. Laut FAZ weinten in der Klasse viele Kinder, als die politische Säuberungsmaßnahme bekannt gegeben wurde. Dass sie, abstammungsmäßig, immerhin Halblinke waren, nützte Sommerfelds Kindern überhaupt nichts. Versippt ist versippt. Falsches Blut ist falsches Blut. Der FAZ-Autor Christian Geyer schrieb dazu: "So etwas kommt vor, wo sich ein Begriff von demokratischer Öffentlichkeit durchsetzt, der politische Konflikte auf Freund-Feind-Verhältnisse verengt."

Der Vater, Helmut Lethen, hat vor Jahren einen Klassiker geschrieben, erschienen bei Suhrkamp, Verhaltenslehren der Kälte. Darin schreibt er über die Gemeinsamkeit von Kommunisten, Nazis und den K-Gruppen der 68er-Zeit. Er spricht von einer "Kältekultur", die gegen jeden Zweifel gepanzert ist. Aus seiner maoistischen Partei wurde Lethen wegen einer Gastritis ausgeschlossen. Die Krankheit zeige, dass er Angst habe und unbrauchbar sei. Außerdem wurde ihm vorgeworfen, dass er sich, unrettbar bürgerlich, für Kinderkrankenhäuser engagierte. Nun hat die Kältekultur seine Söhne erwischt.

"Antifaschismus" ist dem, was er zu bekämpfen vorgibt, oft auffällig ähnlich. Im Namen des "Antifaschismus" wurde ja auch schon der "antifaschistische Schutzwall" errichtet, die Mauer. Ich frage mich, wann "Antifaschisten" anfangen, die Gedenkstätte des deutschen Widerstands zu demolieren, immerhin war Graf Stauffenberg ein Offizier Hitlers. Dass er im Kampf gegen Hitler sein Leben gab, müsste eigentlich ebenso unwesentlich sein wie die Frage, ob man Caroline Sommerfelds Kinder für ihre Mutter bestrafen darf oder überhaupt Leute für ihre Meinung.

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