Herrenwesten Go Weste

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 41/2018

Der Vorgänger der Weste war das Wams. Einst schützte dieses Kleidungsstück den Ritter im Mittelalter vor seiner eigenen Rüstung: Um das Gewicht des schweren Eisens abzumildern, trugen die Edelmänner ein gefüttertes Wams unter der Panzerung. Gleichzeitig stand es gewissermaßen stellvertretend für die Rüstung: Wer ein Wams trug, der signalisierte damit, dass er auch eine Rüstung besaß. Ein Statussymbol.

Die Ritterrüstung verschwand ersatzlos in der Geschichte. Das Wams aber fand einen Nachfolger in der Herrenweste. Dass diese Weste eine große Karriere machte, ist allerdings einem anderen Umstand geschuldet – nämlich den Minderwertigkeitsgefühlen des englischen Königshauses. Im 17. Jahrhundert folgte die aristokratische Elite Europas in ihrem Modegeschmack dem Vorbild der spanischen und später der französischen Hofmode. Auch die Oberschicht Englands orientierte sich an der Mode jenseits des Kanals.

Irgendwann machte man sich im Königshaus Sorgen um den Verlust der englischen Identität und das Dahinschwinden des Nationalstolzes. Auch um die englische Wirtschaft, insbesondere um die Textilindustrie, bangte man. So gab König Karl II. um 1666 ein ganz und gar englisches Kleidungsstück in Auftrag, das sich von der Tracht der Franzosen abheben sollte. Das Ergebnis war der Vorgänger des klassischen Dreiteilers, bestehend aus Hose, Jacke und Weste, wie man ihn heute noch kennt. Zwischen Hemd und Rock trug man einen knielangen Untermantel mit kurzen Ärmeln – den Vorgänger der heute bekannten Weste.

Die englische Weste wurde vor allem deshalb ein Erfolg, weil sie zeitgemäßer schien als die überdekorierte Mode des französischen Adels. Der Feudalismus war dem Untergang geweiht, und spätestens nach der Französischen Revolution schätzte man in ganz Europa die gedeckte englische Weste sehr. Zumal sie mit Brustpolstern und Fischbein auch geeignet war, die männliche Statur ziemlich vorteilhaft aussehen zu lassen. Allerdings hatte es die Weste in jüngerer Zeit schwer: Der klassische Dreiteiler passt nicht mehr so recht in die lockere Sportswear. Anzüge mit Anzugweste wirken eher steif. Also kommt die Weste auf den Laufstegen nun ohne den Anzug daher. So wie bei Brunello Cucinelli, wo man eine gefütterte Weste einfach über der Jacke trägt. Oder bei Moorer, wo es eine daunengefüllte Weste aus Kaschmir in der Kollektion gibt, die man auch leicht über einem T-Shirt tragen kann. Diese Westen sehen dem gefütterten mittelalterlichen Wams schon wieder etwas ähnlich. Nur dass niemand mehr vermutet, man habe eine Rüstung zu Hause.

Foto: Peter Langer / Ohne Arme, aber sonst alles dran: Weste von Moorer

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