© Alberto Zanetti

Jennifer Jane Martin Keine Angst vor starken Mustern

ZEITmagazin Nr. 41/2018
Die amerikanische Designerin JJ Martin erlitt einen Kulturschock, als sie nach Mailand zog. Wie kam es, dass sie sich in italienische Farben und Drucke verliebt hat? Interview:

ZEITmagazin: Frau Martin, vor drei Jahren haben Sie Ihr Modelabel La DoubleJ gegründet, bekannt für seine besonderen Vintage-Motive. Zuvor waren Sie Journalistin. Wie kam es zu dem Berufswechsel?

JJ Martin: In den Neunzigerjahren arbeitete ich in der Marketingabteilung von Calvin Klein in New York. Dann lernte ich meinen Mann kennen, einen Italiener, und zog 2001 mit ihm nach Mailand. Damals gab es in keinem italienischen Modeunternehmen eine Marketingabteilung. Also musste ich mir einen neuen Job suchen. Als Mode- und Designjournalistin hatte ich unter anderem für die International Herald Tribune und Harper’s Bazaar gearbeitet. Mit La DoubleJ gründete ich mein eigenes Online-Magazin, später kam das Label dazu. Die Idee war anfangs nur, interessante Frauen vorzustellen und an ihnen Vintagekleidung zu zeigen.

ZEITmagazin: Wie war es, in Italien neu anzufangen?

Martin: Es war schwierig, in Mailand Fuß zu fassen. Die Stadt war sehr verschlossen und traditionell. Es gab nichts Internationales hier: kein Yoga, kein Sushi, keine chinesischen Restaurants, nur italienisches Essen. Man bekam nirgends einen Smoothie! Ich erlitt einen Kulturschock. In New York ist zu jeder Tages- und Nachtzeit alles erhältlich. In Mailand waren die Läden ständig zu. Heute ist das zum Glück nicht mehr so. In den letzten Jahren hat sich hier viel geändert.

ZEITmagazin: Was ist geschehen?

Martin: Viele Leute sind wie ich in ihren späten Zwanzigern hierhergezogen und haben sich etwas Eigenes aufgebaut. Man sieht viel mehr junge und kreative Leute auf den Straßen, und in der Modewelt gibt es nicht mehr bloß Versace und Armani, sondern immer mehr junge Mode- und Designfirmen. Es ist toll, Teil dieser Bewegung zu sein.

ZEITmagazin: Sie sagen über sich, Sie seien ein "Cheerleader" für Mailand und Italien. Was meinen Sie genau?

Martin: Als ich vor drei Jahren La DoubleJ gründete, verkauften wir zuerst nur Vintage-Kleidung und -Schmuck, indem wir kreative Mailänderinnen darin fotografierten und vorstellten: Galeristinnen, Möbelmacherinnen, Mode- und Schmuckdesignerinnen, Stylistinnen. Meine Idee war, diese tollen Frauen, die im Verborgenen arbeiteten, ins Rampenlicht zu rücken. Etwa die Modedesignerin Paula Cademartori, die Architektin Ludovica Serafini, Alessandra Facchinetti, die damalige Chefdesignerin von Tod’s. Dann brachten wir unsere erste eigene Kollektion heraus...

ZEITmagazin: ...Kleider mit knalligen Vintage-Prints, in denen man überall heraussticht...

Martin: Genau. Und ich dachte mir, dass es doch toll wäre, die gleiche Formel auf unsere italienischen Geschäftspartner anzuwenden: diese alten Manufakturen, mit denen wir zusammenarbeiten und die kein Mensch kennt, ins Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Da ist zum Beispiel Mantero Seta, die über 100 Jahre alte Seidenmanufaktur vom Comer See, aus deren Archiv wir unsere Prints beziehen. Oder Ancap, der Porzellanmacher, mit dem wir unser Geschirr herstellen. Der Libellen-Druck auf einem Teller stammt zum Beispiel aus einem historischen Musterbuch von 1905, das wir im Archiv von Mantero Seta gefunden haben. Den geometrischen Print auf einer unserer Tischdecken hat der Textildesigner Sergio Bini in den Siebzigerjahren entworfen. Die Idee von La DoubleJ war von Anfang an, das Beste aus "made in Italy" herauszuholen.

ZEITmagazin: Letztes Jahr stellten Sie zum ersten Mal Geschirr vor. Modehäuser wie Gucci bieten jetzt ebenfalls Keramik an, und Prominente wie Brad Pitt töpfern. Haben Sie eine Erklärung für diese Begeisterung?

Das Libellenmuster auf diesem Teller stammt aus einem historischen italienischen Musterbuch von 1905. © La DoubleJ

Martin: Wo Teller sind, wird gemeinsam gegessen. Vielleicht erklärt der soziale Aspekt das Comeback. Wenn man in Mailand mit jemandem befreundet ist, lädt man ihn zum Essen zu sich nach Hause ein, das wird hier als nette Geste verstanden.

ZEITmagazin: Wer hat Sie in Mailand durch eine besonders schön eingerichtete Wohnung beeindruckt?

Martin: Nina Yashar, die Gründerin der Mailänder Galerie Nilufar, war eine der ersten Frauen, die ich auf La DoubleJ vorstellte. Sie hat einen unglaublich guten Geschmack. Auch die Einrichtung von Consuelo Castiglioni, der ehemaligen Chefdesignerin von Marni, ist großartig. Diese Wohnungen verbindet, dass sie voller Farben sind, aber auch sehr modern. Sie setzen auf haptische Reize, etwa zottelige Teppiche. Consuelo Castiglioni hat auch ein tolles Gespür für Kontraste: In ihrer Wohnung gibt es Sofas aus tiefblauem Samt und knallgelbe Vorhänge. Das finde ich toll. Farben geben mir Energie.

ZEITmagazin: Worauf kommt es beim Dekorieren einer Wohnung für Sie an?

Martin: Die Einrichtung kann man nicht ständig verändern, wie man neue Kleidung anzieht. Ich lege in meiner Wohnung Wert auf Schlichtheit – ich habe zum Beispiel viele moderne Möbel aus Eichenholz – und werfe nur hier und da ein paar Drucke und Muster hin.

ZEITmagazin: Was empfehlen Sie jemandem, der Farben und Muster scheut?

Martin: Tischdecken und Servietten sind eine gute Möglichkeit, Drucke und Muster ins Haus zu bringen, ohne sich allzu sehr daran zu binden. Der nächste Schritt sind Kissen auf dem Sofa. Bunte oder gemusterte Stühle um einen Esstisch herum funktionieren auch gut.

ZEITmagazin: Wie gehen verschiedene Muster zusammen?

Martin: Ich habe bei mir zu Hause zwei Stillleben von Blumen, die meine Urgroßmutter gemalt hat, vor einer Tapete hängen. Diese hat der schwedische Designer Stig Lindberg gestaltet, sie sieht fast aus wie eine bunte Kinderzeichnung. Auf den ersten Blick würde man denken, dass die Bilder und die Tapete überhaupt nicht zusammenpassen. Das verbindende Element ist aber die Farbpalette: In beidem sind Rot- und Grüntöne enthalten. Darauf kann man also achten. Und ich würde es vermeiden, etwa zwei geometrische Drucke zu kombinieren.

ZEITmagazin: Man sagt ja, dass man jemanden erst wirklich kennenlernt, wenn man seine Wohnung gesehen hat. Was sagt Ihr Zuhause über Sie?

Martin: Dass ich ständig meine Meinung ändere! Ich dekoriere immer wieder die Zimmer in meiner Wohnung um. Im Moment ist das Wohnzimmer dran, ich habe gerade eine neue Couch aus grünem Samt dafür gekauft.

Kommentare

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"Viele Leute(...)haben sich etwas Eigenes aufgebaut.!"
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Kein Yoga. kein Gemüsebrei im Glas, immer alles geschlossen. ... Mailnad ist wirklich ein Dorf gegenüber "Big Apple"(NY)... Vor allen Dingen SO was von altmodisch.... Kann mit den 1610 gegründeten Manna-Hatta gar nicht mithalten
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Nur ital. Essen.... kein Chinesen, kein Tai, kein koschers Lokal, ...... aber es gab doch bestimmt einen "Stur-Box", " Mc-Kotz", "Kentucky streit ficken" usw. ...
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Kann der Lady nachfühlen diese dauernden kl. Kaffees (Auslän....Weltenbummler nennen die Espresso) Nudeln Pizza, Saltimbocca, Carne di..., Fruti de .... ... hält doch kein Mensch aus....

Mir fehlt auch (neben der Rauchsauna) die Rentierfleisch-Pizza, "Schwarzgebrannter, Hausbier mit Natureis" (aus dem See gesägt), frischer Lachs, Forelle usw., vom Boot/dem Eisloch nach Hause in 10 Minuten & dann heiß geräuchert auf den Tisch...
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Doch Mailand rockt! "Aber dann hat man was eigenes!"(c) Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow
https://de.wikipedia.org/...
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An der Hochschule Luzern ab dem Wintersemester 2018 auch als Studienfach, mit BAC/MA.
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Gruss Sikasuu