Olaf Scholz Über Haltung

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 41/2018

Natürlich ist uns nicht verborgen geblieben, dass die Welt heute mehr aus Discountern besteht als aus, sagen wir, erhabenen Reiterstandbildern. Wir sagen das betrübt, weil sich somit die Chance verringert, dass jemals eines zu Ehren dieser Kolumne errichtet wird: Wir mit Monokel, Sektkübel und einem Stapel Illustrierten auf dem Bronzerücken eines Pferdes, gut sichtbar an einem Verkehrsknotenpunkt einer Stadt mit mindestens 300.000 Einwohnern, da wären wir bescheiden. Überhaupt ist uns aufgefallen: Obwohl unentwegt Haltung eingefordert wird, gelingt es den meisten Menschen trotz Yoga und Pilates nicht mehr, einmal wie hingegossen stehen zu bleiben. Auch deshalb ist unser Säulenheiliger dieser Tage Olaf Scholz.

Aufmerksame Tagesthemensondersendungszuschauer dürften gesehen haben, wie Scholz neulich minutenlang am Rand des Bildschirmausschnitts stand, den Blick in die Ferne gerichtet, die Arme am Körper, kerzengerade, als sei er der Tiefkühltruhe entnommen worden, während ein Reporter aufgekratzt von Maaßen, Seehofer, Nahles und Merkel in die Kamera redete – also über alles, was unter dem Wichtigtuerwort "Causa" derzeit so besprochen wird. Und natürlich wussten wir nicht, ob dieses Bild einfach ein Fehler in der Matrix war oder ob eine antike Plastik in einen Anzug gebügelt worden war. Oder ob dieser Scholz der erste 3-D- gedruckte Mensch ist, den die SPD sich als Souvenir aus einem dieser heißen deutschen Start-ups mitgebracht hat, von denen wir leider so wenig hören. Nun gibt es bekanntlich verschiedene Arten des Stehens. Um sie kümmert sich das auch telefonisch schwer erreichbare Institut des Ständischen und Stehenden (vermutete Adresse im Ostharz, drei Mitarbeiter, einer gerade in Elternzeit): um das in deutschen Gegenden wieder sehr beliebte Strammstehen, nicht zu verwechseln mit dem Indergegendstehen, das bei Schüchternen und Touristen häufig vorkommt, und auch anders als das in Großstädten und Küchen anzutreffende Imwegstehen oder das Dabeistehen, dessen berühmteste Unterart das Dazustellen wäre, das meistens mit Sätzen wie "Hi, öfter hier?" oder "Guten Tag, ich interessiere mich für Kalkreste auf Badezimmerarmaturen" anfängt und auch meistens endet. In einem der Gesellschaftskritik exklusiv vorliegenden Untersuchungsbericht des Instituts ist das Bild des Vizekanzlers jedenfalls schon als der Präzendenzfall "Frozen Scholz" bekannt. Es heißt darin: Einfach gravitätisch allein am Rand stehen und auf niemanden zu warten – das ist Coolness.

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