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Dynamische Raumgestaltung Erhebt euch doch mal

Wer zu viel sitzt, wird dick und krank. Designer und Künstler entwerfen deshalb Landschaften zum Liegen, Lehnen und Stehen. Von
ZEITmagazin Nr. 41/2018

An einem Morgen im Spätsommer betritt eine hochgewachsene Frau in eleganten weiten Hosen die Pasticceria Cucchi, eine Kaffeebar im Herzen Mailands. Die Frau steuert zielstrebig den Bartresen an und bestellt einen Espresso. Ein Plausch mit dem Barista, ein Schluck Wasser, ein kurzer Moment der Stille, bevor der Tag beginnt. Die Frau wirkt nicht gehetzt. In der Pasticceria sind alle Tische frei. Aber sie bleibt stehen.

Die Szene ist bemerkenswert, weil sie selten geworden ist: Italienische Kaffeebars gehören zu den wenigen verbliebenen Orten unserer Welt, an denen das Stehen noch Kultur hat. Vielleicht sind es sogar die letzten Orte, an denen Leute in der Öffentlichkeit noch freiwillig stehen. Überall sonst nimmt man Platz: im Wartezimmer beim Arzt, in der Schule, im Hörsaal und im Büro, sogar im Fußballstadion. Früher saß nur der König, der Thron war das Symbol seiner Macht. Inzwischen aber ist mit großem Eifer daran gearbeitet worden, das Sitzen zu demokratisieren. Stehen ist etwas für besondere Anlässe geworden – für Politiker oder Aktivisten etwa, die eine Erklärung abgeben. In der Kirche steht man zum Gebet auf, eine Erinnerung daran, dass der Kirchenbesuch keine unterhaltsame Show ist, sondern Demut und Anstrengung verlangt. Sitzen dagegen ist Genuss. Und weil es für fast jedes Bedürfnis heute einen Bestellknopf gibt, muss der Mensch praktisch gar nicht mehr aufstehen. Essen, Putzkräfte, Taxis – alles kann man sich bequem nach Hause bestellen. Dank der neuen Home-Assistenten muss man sich nicht mal mehr erheben, um das Radio oder das Licht einzuschalten.

Das niederländische Studio RAAAF hat diese zerklüftete Landschaft zum Zurückziehen entworfen und sie "The End of Sitting" genannt. © RAAAF

Dieser Komfort hat allerdings seinen Preis. Wer nur noch sitzt, bewegt sich kaum. Und wer sich kaum noch bewegt, wird dick und krank. Ingo Froböse, Professor für Bewegungsorientierte Präventions- und Rehabilitationswissenschaften, ist einer, der seit Jahren vor dem krank machenden Dauersitzen warnt. Froböse – 63, athletisch, sehr gut gelaunt – lehrt und forscht an der Sporthochschule Köln und hat neben wissenschaftlichen Arbeiten unzählige Ratgeber zu Rückenleiden, Sport und Ernährung geschrieben. Nach eigenen Angaben nimmt er am Tag 30-mal die Treppe.

"Die ungefähr 654 Muskeln im menschlichen Organismus leben davon, genutzt und stimuliert zu werden. Sie sind das größte Stoffwechselorgan, sodass der Stoffwechsel sofort leidet, wenn wir uns nicht ausreichend bewegen", erklärt Froböse. Andauerndes Sitzen beeinträchtigt die Fett- und Zuckerverbrennung im Körper. Einerseits fehlt die Muskelmasse, die Energie benötigt, andererseits der Muskelreiz, der die Verbrennung überhaupt erst anregt. Das führe auf Dauer zu Übergewicht und erhöhe das Risiko, an Diabetes zu erkranken. Inaktive Muskeln verbrennen zudem weniger Fett und Cholesterin, das sich so in den Arterien ablagert und Herzinfarkte zur Folge haben kann.

"Wir sind von einem Zeitalter der körperlichen Überforderung in ein Zeitalter der körperlichen Unterforderung übergegangen", sagt Froböse. Und daran seien auch die Architekten schuld, die Fahrstühle statt Treppen in Eingangshallen bauten. Die Städteplaner, die eher den Autoverkehr als den Menschen berücksichtigten. Und die Designer, die nach wie vor leidenschaftlich gern Stühle und Sofas entwerfen würden, anstatt über ein Wohnen nachzudenken, in dem Bewegung wieder Spaß macht. In einigen modernen Büros wird zwar schon an höhenverstellbaren Tischen gearbeitet, aber das ist Froböse entschieden zu wenig. "Wir müssen es schaffen, die Bewegung zu den Menschen zurückzubringen. Wir brauchen Wohnquartiere und Häuser mit Räumen, die zur Bewegung einladen, um Bewegung wieder als Normalität wahrnehmen."

Dafür, dass der Bewegungsmangel eines der größten medizinischen Themen unserer Zeit ist, wird erstaunlich wenig dagegen getan. Die gesundheitlichen Gefahren sind bekannt, "Sitzen ist das neue Rauchen" keine überraschende Schlagzeile mehr. Aber tatsächlich müsste man das Sitzen wie das Rauchen bekämpfen: Man müsste es uncool machen. Es bringt nichts, die Leute zu ermahnen, öfter mal die Treppe zu nehmen, wenn es außer dem rationalen Grund (Treppensteigen ist gesund) keinen Anreiz dafür gibt. Die Treppe muss schon mehr zu bieten haben – sie muss Spaß machen. Das dachten sich die Erfinder der "Piano Stairs": In einer Stockholmer U-Bahn-Station (und später an Bahnhöfen in aller Welt) installierten sie Treppenstufen, die, sobald jemand auf ihnen lief, wie Klaviertasten Töne spielten. Ein YouTube-Video zeigt, wie die Leute plötzlich die Klavier- der Rolltreppe vorziehen, begeistert darauf herumhüpfen, manchmal sogar mehrmals rauf- und runterlaufen.

Warum gibt es nicht mehr von solchen Projekten? Was spräche zum Beispiel gegen ein elegantes Klettergerüst fürs Wohnzimmer, an dem man sich nach einem langen Arbeitstag entlanghangeln könnte? Wie wäre es mit einem Bartresen in der Kaffeeküche zum Austausch mit Kollegen? Und könnte man das Kippeln in der Schule nicht einfach legalisieren, indem man die Kinder auf Schaukelstühle setzt? Mit dem Eintritt in die Grundschule wird dem Menschen das disziplinierte Sitzen an- und die spielerische Bewegung abtrainiert. Nach der Schule kommt der Hörsaal, nach dem Hörsaal das Büro. Kein Wunder, dass man bei so viel aufgezwungenem Bewegungsmangel irgendwann zum Gewohnheitssitzer wird.

Immerhin gibt es eine kleine, aber selbstbewusste Avantgarde, die sich aufgemacht hat, dem Dauersitzen ein Ende zu bereiten. An ihrer Spitze stehen der niederländische Philosoph Erik Rietveld und sein Bruder, der Architekt Ronald Rietveld. Gemeinsam führen sie in Amsterdam das Studio RAAAF, das an der Schnittstelle von Kunst, Architektur und Philosophie arbeitet. Erik Rietveld begann sich 2014 mit dem Thema Sitzen zu beschäftigen, als das niederländische Wissenschaftsministerium eine Forschungsarbeit zum Büro der Zukunft bei RAAAF in Auftrag gab. Die Studie sollte unter anderem als Grundlage für die Einrichtung der neuen Büroräume des Ministeriums dienen. "Allerdings hatte man sich dort ein Büro mit Stühlen und Tischen vorgestellt", erzählt Erik Rietveld. "Das hat uns sehr erstaunt. Man liest den ganzen Tag von den gesundheitlichen Schäden des vielen Sitzens, und trotzdem wird das Problem bei der Einrichtung von Räumen komplett vernachlässigt." Der Mensch nutzt das, was er zur Verfügung gestellt bekommt – davon ist Rietveld überzeugt. Befindet er sich in einem Raum voller Stühle, dann setzt er sich hin. Bietet man ihm dagegen Oberflächen mit verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten, ermuntert ihn das, sich zu bewegen.

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