Sehenswürdigkeiten: Wer hat den Turm verstellt?

In China stehen ein zweiter Louvre, eine Kopie des Eiffelturms und ein Nachbau der Akropolis. Eine Fotoserie über berühmte Sehenswürdigkeiten, die an den absurdesten Orten auftauchen. Von
ZEITmagazin Nr. 41/2018

Eiffelturm? Paris! Kapitol? Washington! Wer Selfies von sich vor Sehenswürdigkeiten versendet oder Postkarten mit Touristenattraktionen verschickt, der will beweisen, wo er ist, wo er war, denn natürlich gibt es Gebäude auf dieser Welt, von denen weiß jedes Kind, wo sie stehen. Es sei denn, es gibt sie mehr als einmal.

Vielleicht taugen Fotos von Sehenswürdigkeiten heutzutage doch nicht mehr dazu, Wirklichkeit abzubilden – darüber denkt man nach, wenn man sich die Arbeit der Fotografin Pauline Niks anschaut, die wir auf diesen Seiten veröffentlichen. Niks, 1982 geboren, studierte zuerst Malerei und machte dann ihren Master in Fotografie. Sie recherchierte zum Thema Kunstkopien in China und stieß dabei auf eine andere Besonderheit des Landes: architektonische Werke, die nachgebaut wurden. Niks reiste 2016 und 2017 nach China, besuchte Städte wie Guangzhou, Harbin, Peking, Shenzhen, Chengdu, Bailu und fotografierte dort unter anderem die Tower Bridge und die Niagarafälle oder besser gesagt: die Kopien unserer ikonischen Sehenswürdigkeiten. Sogar Repliken der Chinesischen Mauer finden sich im ganzen Land wieder.

Einige der nachgebauten Sehenswürdigkeiten sind Teile von Filmsets oder Vergnügungsparks, andere haben pragmatischere Hintergründe. Niks erzählt am Telefon von dem "One City, Nine Towns"-Projekt, mit dem man der Überbevölkerung im Zentrum von Shanghai Herr werden wollte. 2001 wurden am Rande der Stadt neue Städte angelegt. Und damit Menschen es attraktiv finden würden, dort zu leben, sahen sie beispielsweise aus wie idyllische schwedische Dörfer, inklusive eines künstlich angelegten Sees.

All das fotografierte Niks in einer Postkarten-Ästhetik, auch ihre Ausstellung sollte anders sein. Normalerweise werden künstlerische Arbeiten eingerahmt an Galeriewänden gezeigt, mit einem gewissen Abstand zum Betrachter. Niks hat sich für ihre Ausstellung an der Kask School of Arts im belgischen Gent dazu entschieden, die hochwertig produzierten Arbeiten auf das Postkartenformat zu reduzieren. Das Medium soll das Narrativ des Projektes weitererzählen – selbst der Preis entspricht markttypischen Kioskpreisen von 1,50 Euro pro Stück. Auf der Rückseite findet sich wie gewöhnlich eine Erklärung zum Motiv, aber auch hier gibt es eine entscheidende Veränderung: Niks hat auf zwei chinesischen Reise-Websites nachgelesen, wie dort die berühmten Sehenswürdigkeiten beschrieben werden – inklusive der Tipps, wie man sich zu verhalten hat, wenn man vor der Sphinx oder dem Eiffelturm steht. Die universellen Posen sind bekannt, mit der richtigen Perspektive ist man auf dem Foto genauso groß wie das Gebäude neben einem, kann es umarmen oder, total witzig, ihm einen Kuss geben.

Allerdings verrät die Fotografin nicht, wo in China die Nachbauten stehen, denn das könne jeder selbst recherchieren. Schließlich möchte Niks mit ihrer Arbeit die sogenannte Authentizität der Dokumentarfotografie hinterfragen und deren Grenzen zur Diskussion stellen.

Versendet Niks eigentlich selbst gerne Postkarten von ihren Reisen? "Ja, aber oft schaffe ich es nicht, die Karte aus dem eigentlichen Ort zu verschicken." Die Vorstellung, dass eine Eiffelturm-Postkarte aus China mit einem Stempel aus Amsterdam irgendwo in die Welt hinaus versandt wird, ist doch auch eine sehr schöne.

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zu Bildunterschrift Nr. 8: Herzlichen Glückwunsch, Sie scheinen weitere Osterinseln entdeckt zu haben. Bislang gab es mit Rapa Nui nur genau EINE Osterinsel.