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Terry Gilliam "Die Beziehung zwischen Großvater und Enkelkind ist schon besonders"

Der Regisseur Terry Gilliam verzweifelte fast an seinem neuen Film. Dann lenkte ihn jemand von dem Chaos ab. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 41/2018

ZEITmagazin: Herr Gilliam, Sie haben The Man Who Killed Don Quixote, einen Film, an dem Sie rund 20 Jahre gearbeitet haben, endlich fertiggestellt! Wie fühlen Sie sich?

Terry Gilliam: In den letzten Wochen ging’s mir fürchterlich. Ich konnte mich nicht gut an Dinge erinnern, hatte Muskelschmerzen und war ziemlich verwirrt. Ich dachte, ich wäre einfach erschöpft, aber dann hat sich herausgestellt, dass ich aus Versehen die doppelte Dosis von meinen Anti-Cholesterin-Tabletten genommen hatte.

ZEITmagazin: Kurz vor der Filmpremiere in Cannes mussten Sie sogar ins Krankenhaus.

Gilliam: Ich hatte etwas Ähnliches wie einen Schlaganfall: Eine perforierende Medullararterie, die das Blut ins Gehirn pumpt, war blockiert. Meinen ersten Schlaganfall hatte ich 2016, als unser damaliger Produzent Paulo Branco kurz vor Drehbeginn den Stecker gezogen hat und ich unter massivem Druck stand, alles wieder zum Laufen zu bringen. Eine extrem stressige Zeit.

ZEITmagazin: Wie lange waren Sie damals im Krankenhaus?

Gilliam: Nur eine Nacht. Sie haben mich untersucht und am nächsten Tag wieder entlassen. Dass es ein Problem gab, wurde mir erst ein paar Monate später klar: Ich saß mit meiner Tochter Amy im Auto, plötzlich zog sie auf die Mitte der Straße rüber. Ich fragte sie, warum. "Ich musste dem Bus auf der linken Seite ausweichen", antwortete sie. "Welchem Bus?", fragte ich. Der Schlaganfall hatte meinen Sehnerv beschädigt, mein linkes Sichtfeld ist seitdem eingeschränkt.

ZEITmagazin: Schrecklich. Kann man etwas dagegen tun?

Gilliam: Nein, es ist keine große Sache. Man lernt, damit zu leben. Ich versuche, entspannt zu bleiben und zu lachen.

ZEITmagazin: Sie sind seit mehr als 40 Jahren im Filmgeschäft. Wie schaffen Sie es, Ihren Optimismus auch dann nicht zu verlieren, wenn alles schiefgeht?

Gilliam: Als Heath Ledger 2008 während der Dreharbeiten zu Das Kabinett des Doktor Parnassus starb, wollte ich nach Hause gehen und aufhören. Er war der Hauptdarsteller und ein enger Freund; ich war überzeugt, ihn nicht ersetzen zu können. Meine Tochter Amy hat mir verboten aufzugeben. Weil sie mich so wütend gemacht hat, habe ich schließlich eine andere Lösung gefunden und die Rolle für drei Schauspieler umgeschrieben. Amy brachte mich dann dazu, Johnny Depp anzurufen, ebenfalls ein sehr guter Freund. Er sagte: Egal was du brauchst, du kannst auf mich zählen. All die Versicherungsleute und Geldgeber, die das Projekt schon beenden wollten, kamen wieder, als sie das hörten. Johnny hat das Projekt gerettet.

ZEITmagazin: Ihre Tochter Amy scheint eine wichtige Person zu sein.

Gilliam: Sie ist die Einzige, die ich anschreien kann, weil sie die Einzige ist, die zurückschreit. Sie wird dieses Jahr 41 und arbeitet schon lange mit mir zusammen. Das erste Mal hatte sie eine kleine Rolle in Brazil, wurde aber rausgeschnitten. Bei The Man Who Killed Don Quixote hat sie als Produzentin mitgearbeitet. Zwischendurch, als der Film auf Eis lag, hat sie ein Mädchen bekommen, Willow.

ZEITmagazin: Ein Filmbaby! Wie alt ist Willow jetzt?

Gilliam: Im November wird sie zwei Jahre alt. Ab und zu brachte Amy sie an unser Filmset in Spanien. Wenn ich mit ihr auf dem Fußboden meines Büros spielte, musste ich nicht mehr über die Komplexität der Produktion nachdenken. Das hat mir geholfen, durch den Tag zu kommen. Eigentlich ist sie dafür verantwortlich, dass ich diesen Film überstanden habe. Sie läuft und spricht und ist ein ganz wunderbares Wesen. Ich war nie der Typ, der heiraten und Kinder bekommen wollte, aber jetzt bin ich froh, dass meine Frau nicht auf mich gehört hat!

ZEITmagazin: Ist es leichter, Großvater zu sein als Vater?

Gilliam: Viel leichter. Als Vater war ich die ganze Zeit unterwegs, um Filme zu drehen. Jetzt bin ich viel mehr zu Hause. Es ist schon faszinierend: Man befindet sich im dritten Akt seines Lebens und nähert sich dem Ausgang. Plötzlich geht auf der anderen Seite eine Tür auf, und jemand Neues kommt herein. Die Beziehung zwischen Großvater und Enkelkind ist schon besonders. Ich kann gar nicht erwarten, wie Willow sein wird, wenn sie größer ist. Es ist einfach schön, mit ihr zusammen zu sein. Manchmal fühle ich mich wie ein Vampir, der von ihrer Energie lebt. (lacht)

ZEITmagazin: Sie sind jetzt 77 Jahre alt. Haben Sie mal darüber nachgedacht, in Rente zu gehen?

Gilliam: Mir fällt kein Grund ein, warum ich das tun sollte. Meine Familie ist mir sehr wichtig, aber ich fühle mich nur erfüllt, wenn ich arbeite.

Das Gespräch führte Khuê Phạm. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold und Christine Meffert zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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