Vererbung "Warum musste ich ausgerechnet das von dir erben?"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 41/2018

Als ich ein Kind war, wurde mir oft gesagt, ich hätte etwas geerbt. Das freute mich natürlich, jedenfalls so lange, bis ich verstanden hatte, dass es sich keineswegs um ein geldwertes Erbe handelte. Vielmehr hatte ich Körperteile oder Eigenschaften geerbt. Das Lachen meines Großvaters, die Nase und Stirn meines Urgroßvaters, die Augen meiner Mutter. Einfach alles von mir war von irgendjemandem, und rein gar nichts war von mir. Ich war offenbar ein frankensteinsches Monster, zusammengesetzt aus den Körperteilen anderer Menschen. Hätte man mich enterbt, mich gewissermaßen gezwungen, all die geborgten Extremitäten wieder zurückzugeben, dann wäre nichts von mir übrig geblieben, ich hätte mich einfach aufgelöst. Was wiederum bedeutet hätte, dass es mich auch schon vorher gar nicht richtig gab. Aber auch die Leihgeber schienen offenbar gar nicht so scharf darauf zu sein, ihre Sachen zurückzuhaben. Sie verleugneten sie sogar: "Also von mir hat er das nicht!"

Nun bin ich es, der angeblich irgendwelche Eigenschaften, Bewegungsarten, Körperhaltungen an die Kinder weitergegeben hat. Bei jeder meiner Töchter wurde mir gesagt, sie habe alles von mir und sehe genauso aus wie ich. Selbst meine Frau sagt das. Ich wiederum finde, dass überhaupt keines meiner Kinder so aussieht wie ich. Ich finde, das ist gut so. Ich mag mich zwar, aber soo toll, dass ich mich in alle Richtungen exportieren muss, bin ich auch nicht. Ich habe eine recht ausgeprägte Nase, meine Haare sind von einem schmutzigen Dunkelblond, ich bin – glaube ich – auch nicht sehr groß. Jedenfalls stehen etliche meiner physischen Merkmale nicht auf der Wunschliste zur Erlangung eines Traumkörpers.

Manche Eigenschaften habe ich allerdings zweifelsohne weitervererbt. Die meisten an meine Tochter Luna. Zum Beispiel wird Lunas Haut, wenn sie an die Sonne kommt, sofort rot. Luna verbrennt an der Sonne schneller als Nosferatu. Wenn wir zusammen wegfahren, dann müssen wir uns die Kinder-Sonnencreme von Juli ausleihen, um der UV-Strahlung trotzen zu können. "Warum musste ich denn ausgerechnet die Haut von dir erben?", jammert Luna. Ich erkläre ihr dann, das Schönheitsideal der gebräunten Haut sei ja auch überkommen, ich sei mir ganz sicher, dass man schon bald die vornehme Blässe wieder als vorbildlich pflegen werde. Luna schaut mich immer etwas mitleidig an, wenn ich mich so winde. Zu meiner Erbmasse gehören leider auch Lebensmittelallergien. Ich bin etwa allergisch gegen Stein- und Kernobst. Ich kann keine Kirschen essen, keine Pfirsische, mir bekommt es nicht, Äpfel zu kauen. Neulich musste Luna ins Krankenhaus. Sie hatte unbedacht frische Pflaumen gegessen, die Augen schwollen zu. "Bist du denn auch gegen Pflaumen allergisch?" – "Ja, gegen Pflaumen bin ich auch allergisch." – "Und neulich haben meine Lippen gejuckt, als ich Haselnüsse gegessen habe, gegen die auch?" – "Probier mal Cashewkerne." – "Papa, ich bin Veganerin! Mir gehen langsam die Nahrungsmittel aus, wegen all der Allergien, die ich von dir geerbt habe!" Ich versuche meine Tochter zu beruhigen, ich sage, sie könnte ja auch schöne Sachen von mir geerbt haben. "Zum Beispiel?", fragt Luna. "Zum Beispiel ...", aber dann sage ich nichts mehr.

Denn ich finde, bei allen guten Sachen sollte man immer der Meinung sein, sie kämen nur von einem selbst.

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