Die großen Fragen der Liebe: Soll sie ihm die Versöhnung erleichtern?

Jede Woche beantwortet unser Paartherapeut eine große Frage der Liebe. Diesmal: Soll Thomas wieder Kontakt zu seiner Mutter aufnehmen? Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 41/2018

Die Frage: Jana und Thomas haben sich bei der Arbeit kennengelernt und verliebt. Jana hat aus einer geschiedenen Ehe zwei Kinder. Als das Paar heiraten wollte, tat Thomas’ Mutter, eine katholische Schulrektorin, alles Mögliche, um die Beziehung zu der Geschiedenen zu unterbinden. Thomas brach den Kontakt zu seinen Eltern ab. Inzwischen haben die beiden zwei gemeinsame Kinder. Thomas legt stumm den Hörer auf, wenn seine Mutter anruft. Jana hingegen hört zu, was die Schwiegermutter sagt: Versöhnen wir uns, ich habe einen Fehler gemacht, ich würde so gerne die Enkel sehen! Jana versteht ihre Not. Aber wäre es nicht Thomas’ Sache, sich mit seiner Mutter zu versöhnen? Der behauptet, sie hätte ihm die Kindheit vermiest, das wolle er seinen Kindern ersparen.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Vielleicht war Thomas ein zu gelehriger Schüler seiner Mutter, die es ja auch nicht leicht damit hat, Gnade vor Recht walten zu lassen. Jana hat nichts Falsches getan. Es gibt keinen guten Grund, sich mit den problematischen Eigenschaften seines Partners zu solidarisieren. Unversöhnlichkeit würde ich dazurechnen. Jana sollte eher stolz darauf sein, dass sie der Schwiegermutter nichts nachträgt. Vielleicht kann sie Thomas auf den Widerspruch hinweisen, dass er mit seiner Mutter in einer Strenge umgeht, die eher ins alte Testament gehört und nicht mehr zeitgemäß ist. Seine Ängste, dass die Enkelkinder von der Oma unter moralischen Druck gesetzt werden, sind nicht realistisch. Solange die Kinder frei entscheiden können, ob sie die Großmutter sehen wollen oder nicht, hat diese nicht die Macht, an die sich Thomas erinnert.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft" (oekom verlag).

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Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Offensichtlich hat der Sohn sich immer noch nicht ausreichend von der Mutter distanziert, er steht nicht über den religiösen Ansprüchen der Mutter.
Anstatt die erste Ehe annullieren zu lassen nimmt die Schwiegertochter Kontakt auf, die Mutter sieht ein, bereut. Noch ein wenig Buße, etwas Strafe, dann sollte es aber gut sein. Er muss ja nicht mitkommen, wenn die Kinder die Oma besuchen.

Dass er nicht mitbekommen soll, wenn seine Kinder seine Mutter besuchen, halte ich für sehr falsch. Das ist eine Heimlichtuerei, die keiner Beziehung guttut.
Dass er offensichtlich seiner Mutter gegenüber noch Groll hegt, sollte er getrennt von ihr und seiner Frau für sich selbst bearbeiten, möglicherweise mit externer (therapeutischer) Hilfe. Denn auch dieses Gefühl vergiftet sein Leben.
Dass er sich so bedingungslos hinter seine Frau und seine und deren Kinder (aus erster Ehe) stellt, finde ich ganz wunderbar, weil es beweist, was für ein großzügiger Mensch er sein kann. Darauf sollte er für sich selbst aufbauen. Vielleicht kann er dann auch irgendwann mal seiner Mutter gegenüber großzügiger sein. Das könnte möglicherweise viel Kraft fordern.
Ich wünsche ihm und seiner gesammten Familie alles Gute.