Harald Martenstein Über den Nutella-Fluch

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 42/2018

Wie die meisten Deutschen interessiere ich mich ein wenig für Fußball. Ich habe kürzlich ein Werbeplakat mit dem Fußballer Neymar gesehen, es hängt auf deutschen Flughäfen. Neymar war der Star der brasilianischen Nationalmannschaft, die bei der Weltmeisterschaft in Russland keine Bäume ausgerissen hat. Er ist nicht nur für seine überragenden fußballerischen Qualitäten bekannt, sondern auch für seine Liebe zur Schauspielkunst. Wenn sich ihm ein gegnerischer Verteidiger nähert, kann es passieren, dass Neymar ohne erkennbaren Grund zu Boden stürzt und sich minutenlang mit schmerzverzerrtem Gesicht einen Körperteil hält, welcher von dem Gegenspieler überhaupt nicht berührt wurde. In Mexiko hat eine Tanzschule ein Ballett namens Neymar aufgeführt, man kann sich das im Netz anschauen. Die Tänzerinnen tanzen, auf ein Stichwort hin wälzen sie sich jammernd auf dem Boden.

Auf den Plakaten steht: "Born a legend." Neymar wirbt unter anderem für Waschmaschinen. Er ist seit frühester Jugend ein gut verdienender Star, ich halte es für extrem unwahrscheinlich, dass dieser Junge jemals eine Waschmaschine bedient hat. Wenn er eine sieht, hält er sie vermutlich für eine Spielkonsole im Retro-Design. Dies ist die unglaubwürdigste Werbung, die ich kenne. Auf Platz zwei und drei folgen die gertenschlanke Heidi Klum mit ihrer Werbung für McDonald’s und der passionierte Bartträger David Beckham mit Rasierschaum von Gillette.

Die Deutschen haben bei der WM natürlich totalen Mist gebaut. Großen Raum nahm der Streit um den Fußballer Özil ein, der Werbung für den türkischen Präsidenten Erdoğan gemacht hat und bald darauf aus der Nationalmannschaft zurücktrat. Ich hatte seit Jahren mit diesem Rücktritt gerechnet.

Nutella macht seit vielen Jahren Werbung mit deutschen Fußballern. Seit Längerem wird allerdings ein Phänomen beobachtet, welches in der Süddeutschen Zeitung als "der Nutella-Fluch" bezeichnet wurde. Zahlreiche Spieler, die in einem Nutella-Werbespot auftauchten, verschwanden bald darauf aus der Nationalmannschaft oder erlitten einen Karriereknick. Namen wie Benjamin Lauth, Andreas Hinkel, Marcell Jansen, Tim Borowski oder Tobias Weis kennen heute nur noch echte Fans. Sie galten einmal als große Hoffnungen für den deutschen Fußball. Dann machten sie Werbung für Nutella. Der Fluch traf Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Zu den Nutella-Opfern gehören auch der in Brasilien geborene Kevin Kuranyi und der hochbegabte Deutschamerikaner Jermaine Jones, der nach nur drei Einsätzen für Deutschland zu dem Fußballzwerg USA wechseln musste. Nun also Özil, mit einigen Jahren Zeitverzug. Er hat sich länger gehalten, als zu erwarten war. Warum kam der Rücktritt gerade zu diesem Zeitpunkt? Eine deutsche Politikerin, Renate Künast, hat kurz nach der Weltmeisterschaft ein Verbot der Nutella-Werbung gefordert: "Rote Karte für Nutella!" Sie begründete dies damit, dass dieses Produkt viel Zucker enthält und die Werbung möglicherweise zum Konsum des Produktes animiert. Die Forderung stand am 17. Juli in der Zeitung Die Welt, nur fünf Tage nach diesem Frontalangriff auf Nutella schlug die ebenso diabolische wie wehrhafte Nougatcreme zurück und forderte ihr nächstes Opfer, Özil trat zurück.

Statt eines Verbotes hielte ich es für eine klügere Maßnahme, dass nur noch Fußballstars im Ruhestand für Nutella werben dürfen, zum Beispiel Diego Maradona. Das wäre auch glaubwürdiger.

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Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Nach den Kommentaren zum Nachwuchs der britischen Königsfamilie war dieser Artikel genau DAS, was ich gebraucht habe - vielen Dank :)))

Was mich allerdings überrascht hat, ist die Tatsache, dass sich Herr Martenstein Werbung anschaut... - schaut sich außer ihm noch jemand *Werbung* an?

Kann man nicht Politiker irgendwie dazu bringen sich mit Nutella-Werbung ein *paar Mark* dazu zu verdienen?

Ich meine unser Innenminister würde sich gut machen... fotogen und so...

Es begab sich aber zu der Zeit, als die Hand Gottes an der anglischen Anfield Road den wüsten Propheten Kloppijah mit besonderen Laufwegen ausstattete (2. Könige 3,15), daß die Deutsche Fußball-Bundeslade ihre beschwerliche Reise unternahm in die Arena des Hl. Dionysius Areopagita zu König Didier und seinen flinken Frankenscharen, auf daß sich erfüllen solle das Geschick des altehrenwerten Archiapopoudobaliarchonten Jogiana Jones (den Kenner der Biblischen Bücher bei der Aufstellung seiner „Mannschaft“ gelegentlich auch „unsern Doctor JoJo“ nannten). Im Heiligen Schrein verborgen waren nicht nur die zwei Steintafeln mit den 13 Geboten (13? Aber ja doch: 11. Du sollst deine Mittelachse nicht ohne Not zerbrechen – 12. Du sollst den Mühseligen und Beladenen früh eine Bank bereiten – 13. Du sollst das Netz deines Gegners füllen mit mannigfaltiger Ballsendung).

Nein, in jener dem göttlichen Stauchball geweihten Rappelkiste sollen sich – laut wissenschaftlich überprüftem „Nutella-Syndrom“ (Wieso? „Wo Nutella draufsteht, ist auch Nutella drin“) - noch andere erlauchte Gegenstände befinden, so der unzerbrechliche Stab, mit dem allen 18 Bundesligastämmen die Leviten gelesen werden, und eine Pergamentrolle, auf der geschrieben steht „Mit des Fußballgottes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten“. Aber das wird nur offenbart, wenn die Lade unsachgemäß berührt, gar geöffnet werde – was zur sofortigen Auflösung aller bisherigen Gewißheiten zu Staube führen muß, wie uns die geflügelten Wächter zu Haupt und Füßen aller Bayern versichern, als da sind die grimmen Cherubim Uli und Karl-Heinz. Der „Nutella-Fluch“traf und trifft jene vorwitzigen Adepten des Achilleus Taktikos, denen der doppelt erpichte Umgang mit dem Streichpech die Kinnladen aufgesperrt hat, nicht eingedenk jener Strafe als „Lohn der Ungläubigen“ (Sure 9, 26), die die Heerscharen nicht sahen, von sich dennoch selbst ein Bildnis machten. Unser geliebter Sohn Zuckerpaß Mesut fehlte gleich doppelt, seit ihn der Bauchhügelbewahrer Sultan Erdnußwahn Mann und Manna nannte. Morgen jedoch, am „Boss Day“ (16.10), wird sich weisen, ob die Bundeslade all jene, die ihre Wirkmächtigkeit in Zweifel zogen, verwirbelt oder endgültig ein falsches Reich von nougatsüßen Illusionen in den Orkus stürzt. Wer's nicht glaubt, kann ja Götze(n) befragen ...