Die großen Fragen der Liebe Ist sie pietätlos?

Jede Woche beantwortet unser Paartherapeut eine große Frage der Liebe. Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 42/2018

Die Frage: Carla und Tobias sind seit einigen Jahren verheiratet. Sie sind stolz darauf, dass sie noch fast genauso oft miteinander schlafen wie am Anfang. Nun ist der lebenslustige Vater von Tobias an einem Schlaganfall gestorben. Während der Trauerfeier war das Haus voller Gäste, Tobias und Carla waren sehr beschäftigt. Am ersten ruhigen Abend setzt sich Carla nach einem Glas Wein auf den Schoß von Tobias und fängt an, ihn zu küssen. Aber diesmal ist es, als hielte sie ein Streichholz an nasses Reisig. "Was hast du denn?", fragt Carla. Tobias will erst nichts sagen, dann knurrt er: "Mein Vater ist kaum unter der Erde, das geht doch jetzt nicht!" – "Finde ich nicht. Er hätte sicher nichts dagegen, und wenn ich einmal sterbe, sollen meine Kinder nicht Trübsal blasen!"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: In vielen Mythen und Legenden sind die Toten neidisch auf die Lebenden. Um die Gefahr abzuwenden, dass sich die Toten rächen und auch die Lebenden zu sich holen, machen sich die Trauernden hässlich, streuen Asche auf ihr Haupt, zerreißen sich die Kleider, meiden die Freuden von Tisch und Bett. Es gibt aber auch ganz andere Rituale – in Mexiko ist der ernste Knochenmann Europas ein Spaßmacher; in etruskischen Gräbern sind Gelage und Orgien an die Wände gemalt. Zu Tobias’ Form von Gedenken scheint es zu gehören, das Leben erst einmal stillstehen zu lassen, sich in seine Trauer zurückzuziehen und sich die Erotik zu verbieten. Carla hingegen betont ihre Lebendigkeit. Sie will beweglich bleiben und nicht in Pietät erstarren. Ihr Leben mit Tobias geht weiter. Carla sollte sich nicht einschüchtern lassen.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft" (oekom verlag).

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