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Pegah Ferydoni "Die ist witzig, süß und hübsch, die treten wir mal auf die Bühne"

Die Schauspielerin Pegah Ferydoni wäre als Teenager beinahe Popsängerin geworden. Dann geschah etwas Unerwartetes. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 42/2018

ZEITmagazin: Frau Ferydoni, Sie sind in Teheran geboren, Ihre Eltern brachten Sie mit zwei Jahren nach Deutschland. Wie kam es dazu?

Pegah Ferydoni: Meine Eltern sind liberal eingestellt, beide sind Musiker mit einem relativ freiheitlichen Menschenbild. Sie hatten sich im Iran auf dem Konservatorium kennengelernt und waren beide im Sozialistischen Studentenbund. Mein Vater fasste dann irgendwann den Entschluss, dass er seine Tochter nicht unter den Mullahs aufwachsen lassen wollte. So kamen wir nach Deutschland. Wir wurden hier sehr freundlich aufgenommen, aber die ersten Lebensjahre verbrachte ich in einem Asylbewerberheim.

ZEITmagazin: Wie erlebten Sie Deutschland?

Ferydoni: In Berlin-Reinickendorf, wo ich zur Schule ging, habe ich von Anfang an Diskriminierungserfahrungen gemacht, aber das wurde mir erst rückwirkend klar.

ZEITmagazin: Wodurch?

Ferydoni: Ich wurde anders behandelt. Bei evangelischer Religion nahm man mich anfangs aus dem Unterricht raus. In den Achtzigerjahren wollte man noch nicht, dass sich Migranten oder Asylbewerber integrierten. Meine Eltern haben sich früh getrennt, aber meine Mutter hat mir immer eingebläut, besser zu sein als die anderen. Entweder unauffällig – oder besser. Das hat nicht funktioniert, weil ich mich nicht für die Schule interessierte.

ZEITmagazin: Dafür wurden Sie schon früh als Sängerin entdeckt.

Ferydoni: Mit 14 nahm ich an einem Talentwettbewerb teil. Bald darauf bekam ich einen Produzenten und einen Plattenvertrag, und es wurde ein Musikvideo gedreht. Das sollte der Beginn einer Karriere in der Popmusik sein, mit 16. Aber genau zu dem Zeitpunkt ging meine Mutter wegen einer neuen Beziehung nach Frankreich und ließ mich allein in Berlin zurück. Ich müsste das jetzt mit meinem Therapeuten besprechen, inwiefern mich das beschädigt hat in einer so fragilen Zeit. Im Nachhinein denke ich allerdings, mir hätte eigentlich nichts Besseres passieren können.

ZEITmagazin: Warum?

Ferydoni: Weil ich eine große Freiheit gewann. Gerade war meine erste Single herausgekommen. A Whiter Shade of Pale, als Weihnachtslied interpretiert, ganz albern. Ich mochte das überhaupt nicht. Die Produzenten waren ohnehin der Meinung, ich könne nicht singen – man hatte mich da irgendwie hineingeschubst, es war absurd. Dabei habe ich zum Beispiel Oliver Pocher an seinem ersten Arbeitstag bei Viva kennengelernt. Der hatte bei Hans Meiser einen Moderationswettbewerb gewonnen und sollte jetzt diese Sendung moderieren. Ich war sein allererster Gast und saß die ganze Zeit da und dachte: Was mache ich hier? So viel Dumpfheit, so eine stumpfe Art, Fernsehen zu machen und mit Menschen zu reden. Das sollte es jetzt also sein? Das wollen alle, diesen Ruhm?

ZEITmagazin: Wie sind Sie davon weggekommen?

Ferydoni: Damals zog ich für eine Weile zu meinem Freund und seiner Mutter, die Diabetes hatte. Eines Morgens, ich hatte mal wieder die Schule geschwänzt, bekam sie einen Zuckerschock. Sie brach zusammen, schlug sich das Gesicht auf und wäre fast verblutet. In diesem Moment war ich da und habe Erste Hilfe geleistet, ich habe auch den Notarzt gerufen. Ich war also im richtigen Moment an der richtigen Stelle. Am nächsten Tag wusste ich auf einmal, dass ich keine Lust mehr auf die Musikkarriere hatte. Ich rief meinen Produzenten an und sagte die Aufnahmen ab, die für eine zweite Single bestimmt gewesen waren.

ZEITmagazin: Was hatte das mit diesem Erlebnis zu tun?

Ferydoni: Es geschah aus einem Impuls heraus, denn ich verstand: Es gibt für mich eine andere Berechtigung, da zu sein. Später hatte ich immer wieder solche Momente, wo ich auf dem Gipfel eines Erfolgs ausgestiegen bin. Zum Beispiel nach der Nominierung für den Grimme-Preis für meine Moderation der Sendung Kulturpalast. Das verstand natürlich niemand. In diesen Momenten hatte ich immer das Gefühl, ich werde nicht so gesehen, wie ich gesehen werden möchte.

ZEITmagazin: Wie haben die Leute in der Musikbranche Sie wohl damals gesehen?

Ferydoni: Da ist eine, die ist witzig, süß und hübsch, die treten wir jetzt mal auf die Bühne – und dann machen wir vielleicht sogar Geld damit. Aber mir hat das nie gereicht. Ich merkte, dass es mir gar nicht darum ging, auf der Bühne zu stehen. Viel wichtiger war mir, im Austausch mit anderen Künstlern zu erfahren, dass die auch ein biografisches Päckchen mit sich herumtragen, aber trotzdem keine Opfer sind, sondern versuchen, Schönheit und Relevanz in die Welt zu bringen. Das war meine Rettung.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Christine Meffert und Khuê Phm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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