Regeln "Papa, darf man sich da hinsetzen?"

© Aline Zalko
Die fünfjährige Juli ist ein wenig wie Horst Seehofer. Sie achtet Gesetze. Aber wenn man ihr etwas verbietet, wird sie bockig. Für ihren Vater ist das zum Verzweifeln. Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 42/2018

Kinder brauchen Regeln. Regeln sind wichtig. Ich glaube, es gibt keinen Erziehungsratgeber, der das nicht betont. Ich selbst finde Regeln wichtig. Ohne Regeln funktioniert keine Gemeinschaft, auch keine Familie. Das Problem bei Regeln ist aber, dass man sich selbst daran halten muss. Wir haben mit Lotta die Regel aufgestellt, dass sie am Abend ihr Smartphone weglegt. Das ist leider problematisch, weil ich selbst am Abend kaum mein Handy weglegen kann. Ich würde ja schon, theoretisch. Aber ständig fällt mir ein, dass ich dringend noch etwas im Netz bestellen, eine E-Mail schreiben oder sonstigen Online-Kram erledigen muss. Ich kann aber schlecht die Regel aufstellen, dass man das Handy weglegt, insofern sich kein triftiger Grund findet, dass man es noch einmal zur Hand nehmen muss. Regeln müssen nämlich klar und nachvollziehbar sein.

Das größte Interesse an Regeln hat Juli. Ständig fragt sie: "Darf man das?" Es geht dabei nicht unbedingt darum, welche Regeln ihr Vater aufstellt, sondern um jene, die über uns allen schweben: Gesetze. Die flößen ihr ungemeinen Respekt ein. "Papa, darf man sich da hinsetzen?", fragt sie, wenn wir in ein Restaurant gehen. "Papa, darf man denn die Seife nehmen?", fragt sie, wenn wir auf einer öffentlichen Toilette sind. Im Kopf meines Kindes herrscht noch das wilhelminische Zeitalter. Alles voller Verbote, dazwischen ein paar wenige Sachen, die man darf. Und Juli fürchtet offenbar drakonische Strafen. Als wir mal eine sehr kurze Strecke in einem Taxi gefahren sind, das keine Kinder-Sitzerhöhung aufwies, war sie schier untröstlich, weil sie der festen Überzeugung war, jetzt müssten wir alle sofort ins Gefängnis.

Julis Umgang mit häuslichen Regeln hingegen ist wesentlich entspannter. Hier begreift sie alles als verhandelbar. Wenn ich ihr sage, dass man am Tisch nicht den Saft aus dem Mund tropfen lässt, sagt sie: "Na gut, dann werfe ich aber das Essen auf den Boden!" Das will ich dann auch wieder nicht. Juli ist da wie Horst Seehofer, sie weiß, sie ist letztlich schwächer, kann aber bis zur Niederlage viel Schaden anrichten.

Gleichzeitig duldet Juli keine Ungerechtigkeit. Jedenfalls nicht, wenn es um Ungerechtigkeit gegen ihre Person geht. Wenn ich sie ins Bett bringen möchte, sagt sie: "Na gut, aber nur, wenn alle anderen auch ins Bett gehen." Ich verstehe das sehr gut: Wie kann es sein, dass Regeln für alle gelten, aber die anderen mehr "alle" sind als sie? Und Fernsehen gucken dürfen, während sie schlafen muss? Logisch, dass sie sich ständig widersetzt. Während es vor der Tür echte Gesetze gibt, herrscht zu Hause ein Willkürregime. Ich glaube, man nennt das zivilen Ungehorsam.

Ich bin trotzdem guten Mutes, dass Juli eine gesunde Entwicklung nehmen wird. Im Urlaub haben wir kürzlich am Strand ein Spiel gespielt. Juli sagte, es gelte, mit Kieseln einen großen Stein im Wasser zu treffen. Ich warf und traf. Da sagte Juli: "Leider verloren, man darf den Stein nicht treffen." Ich warf also vorbei. "Leider verloren, du musst an der anderen Seite vorbeiwerfen!" Ich hatte keine Chance, die Regeln änderten sich einfach zu schnell. Ich halte bei Juli eine juristische Karriere für möglich.

Das Handy-Problem löse ich in der Weise, dass ich abends demonstrativ mein Smartphone weglege und mich danach heimlich wieder hinschleiche. Wie ein Dieb. Das haben die Regeln aus mir gemacht.

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