Roald Dahl Gelée Royale Remix

© Johanna Walderdorff
Der britische Schriftsteller Roald Dahl (1916–1990) ist berühmt für seine makabren Kurzgeschichten mit verblüffendem Ende. Die Autorin Ronja von Rönne, 26, hat sich für das ZEITmagazin von zwei ihrer Lieblingsgeschichten inspirieren lassen und sie in die Welt von heute geholt. Von
ZEITmagazin Nr. 42/2018

Ein Kind bekommen und sich dann nur noch verrückt machen vor Sorgen – Felicia will auf keinen Fall eine dieser Mütter werden. Geht das gut?

Früher war Felicia sich immer sehr sicher gewesen, nicht so eine Mutter zu werden. Nicht so eine, die den Nachwuchs 24 Stunden beobachten muss, nicht so eine, die nur Mutter ist. Im fünften Schwangerschaftsmonat hatte sie sogar mal an einer Zigarette gezogen, ganz leicht nur, aber schon fest genug, um den anderen und vor allem sich klarzumachen, dass sie nicht so eine Schwangere war und schon gar nicht so eine Mutter werden würde.

© Johanna Walderdorff

Sie drückt Willi an sich, etwas zu fest, er beschwert sich, ein geseufztes "Mama", bevor sie seinen Kopf wieder in Position rückt und er weitertrinken kann. Auf gar keinen Fall hatte sie sich jemals verrückt machen wollen. Sich ständig Sorgen machen oder so. Sie war ja selbst ganz anders aufgewachsen. Das kennt man heute gar nicht mehr, jeden Tag frei in der Nachbarschaft toben und erst nach Hause kommen, wenn die Laternen angehen. Das Problem war dann auch genau genommen gar nicht sie gewesen, sondern Willi. Willi, der schon kränkelnd auf die Welt kam, nach einer schweren Kaiserschnittgeburt, mit schrumpeliger Haut und einem dünnen Haarkranz wie ein alter Mann.

Wo denn der stolze Papa sei, wurde sie gefragt, und natürlich war sie darauf vorbereitet gewesen: Es gibt keinen Papa, hatte sie sagen wollen, und zwar mit so einem gewissen Stolz in der Stimme, schließlich war Willi kein Unfall, kein Trennungskind, sondern ein sorgsam geplantes Projekt gewesen, der Samenspender ein alter Bekannter. Doch als sie das leichte Bündel Mensch schließlich im Arm hielt, klang der Satz in ihrem Kopf plötzlich falsch, nach Rabenmutter, die diesem hilflosen, schrumpeligen, ja, eigentlich wirklich grotesk hässlichen Kind die Vaterfigur vorenthielt. Stattdessen fragte sie die Hebamme, ob die Haut des Babys nicht sehr beige auf sie wirke.

Nach drei Tagen wurde sie mit Willi aus dem Krankenhaus entlassen. Das Kind sei zwar nicht besonders groß, aber ansonsten gesund, hieß es, und damit war sie auf sich allein gestellt.

Felicia streicht über Willis Haar, er saugt gierig an ihrer Brustwarze, es schmerzt etwas, ein guter, verdienter Schmerz.

Willi hatte anfangs kaum gebrüllt. Dabei hatte Felicia sich eigentlich darauf eingestellt: der Schlafmangel, die Erschöpfung, die sich aber, da war sie sich sicher, immer lohnend anfühlen würde. Sie hatte nur ein einziges Buch gelesen über das Mutterwerden, ein dünnes Taschenbuch, Mama werden leicht gemacht, in dem im Prinzip nur stand, dass man als Mutter instinktiv eh wusste, was das Baby braucht. Welche Art von Gebrüll bedeutete, dass Willi Hunger hatte, und bei welchem leisen Weinen man ihn nur in sein Bettchen legen musste, solche Sachen standen in dem Buch.

Willi allerdings schrie gar nicht. Nie. Meist lag er einfach da, die Augen halb geschlossen, die Arme und Beine von sich gestreckt, als handle es sich dabei um einen Fremdkörper, teilnahmslos, als sei es eigentlich nur ein bedauerliches Versehen, dass er überhaupt in dieser Welt gelandet war.

Felicia hatte in den Wochen nach der Geburt Freundinnen angerufen und um Rat gebeten, aber die Freundinnen schickten daraufhin nur aufmunternde Textnachrichten, "das wird schon und ist ganz normal", dahinter eine Batterie kleiner, gelber Baby-Emojis und Herzen, als würde das irgendwie weiterhelfen. Die lachenden Emojis hatten keinerlei Ähnlichkeit mit Willi.

Sie streicht ihm über die Stirn. Wie viel größer, wie viel stärker er mittlerweile scheint. Der lichte Haarkranz hat sich in dunkelblonde Locken verwandelt, die Haut einen gesunden, olivfarbenen Ton angenommen.

Weil sich damals keiner der Ärzte um Willi Sorgen machte, weil keiner von ihnen sah, wie dünn seine Gliedmaßen und wie beige seine Haut war, fing Felicia an, sich im Internet Hilfe zu suchen. Dort lernte sie, dass sie mit Willi eigentlich alles falsch gemacht hatte, was es falsch zu machen gab. Nirgendwo in Mama werden leicht gemacht hatte sie gelesen, wie wertvoll etwa die Nährstoffe in der Nachgeburt waren.

Sie hatte sogar in der Klinik angerufen.

"Entschuldigung, ich war vor zwei Wochen da, mit Willi. Der Kaiserschnitt."

"Ja, und weiter?"

Die Schwester am anderen Ende der Leitung klang unkonzentriert, als würde sie nebenher auf dem Computer Sudoku spielen. Felicia schluckte.

"Ich wollte nur fragen, ob Sie eventuell … Also, ob Sie meine Plazenta zufällig noch dahaben. In einem Kühlschrank oder so."

Die Pause am anderen Ende wurde immer länger.

"Nee", sagte die Stimme schließlich.

"Weil", sagte Felicia, "ich wollte daraus einen Smoothie machen. Wegen der Nährstoffe."

"Ne, dit is Klinikmüll", sagte die Stimme schließlich. Sie klang gelangweilt, und Felicia schämte sich und legte auf, drückte fünfmal hastig auf den roten Punkt ihres iPhones.

Das Internet enttäuschte Felicia fast nie. Es gab so viele sinnvolle Tipps. So begann sie, auf ihre Ernährung zu achten, um ihre Muttermilch reizvoller und nahrhafter zu machen. Dass Nüsse und Pflanzenöle wertvolle Omega-3-Fettsäuren enthalten, hatte sie vorher nicht gewusst. Sie verzichtete auf billiges Fleisch.

Auch Sport führt zu einer Geschmacksveränderung der Muttermilch, musste sie lesen, die dabei gebildete Milchsäure lehnen Säuglinge ab. Sie kündigte den Yogakurs für Mütter.

Langsam, aber sicher sah Willi gesünder aus.

Anfangs hatte sie ihre Erfahrungen noch in der WhatsApp-Gruppe mit den anderen Müttern aus dem Geburtsvorbereitungskurs geteilt, und zunächst antworteten die anderen noch mit Daumen-hoch-Emojis. Doch nachdem Felicia ihnen einen Artikel mit dem Titel Die 10 häufigsten Gründe für den plötzlichen Kindstod weitergeleitet hatte, blieben die Antworten schließlich aus.

Felicia verstand in dem Moment, dass sie zwar allein, aber nicht machtlos war. Sie hatte das ganze Internet hinter sich. Foren, in denen die Mütter engagierter waren als ihre WhatsApp-Gruppe. Wo man eiweißreiche Ernährung, Plastikspielzeug und Impfstoffe mit Leidenschaft diskutierte und sich nicht einfach auf seine "Intuition" verließ, wie es in Mama werden leicht gemacht empfohlen wurde. Diskussionen, an denen Willis Kinderarzt nie interessiert war, wenn er denn überhaupt mal einen freien Termin fand.

Mit den Müttern in den Foren konnte Felicia reden. Sie tauschten Artikel aus, Statistiken, neueste Forschungsergebnisse über alternative Medizin, Tipps, welche Globuli beim Durchschlafen helfen könnten, und auch kritische Links zur Homöopathie, denn kritisch waren sie in dem Forum, für alles gab es Pro und Contra, das man abwägen musste. Das Einzige, bei dem sich beinahe alle Studien einig schienen: Muttermilch war das Beste, was man seinem Kind geben konnte. Solange man sich gewissenhaft ernährte, klar. Und das tat Felicia.

Willi hört auf zu saugen. Sie drückt den blonden Schopf noch einmal gegen ihre Brust und atmet langsam aus. Blickt auf den starken Körper, den sie, sie allein, herangezogen hat, auf die Muskeln, die sich langsam, aber sicher aus dem Babyspeck schälen.

Das Internet hat sie nie im Stich gelassen, auch nicht, als Willi älter wurde. Sie informierte sich über Entwicklungsschritte, prüfte gewissenhaft nach, ob es Meldungen über Glasscherben auf den lokalen Spielplätzen gab. Sie lernte Gefahren kennen, an die sie nie gedacht hatte. Sie klebte Steckdosen ab, verglich online Babyphones und entschied sich schließlich für ein Modell mit einem wasserdichten Empfänger, den sie mit unter die Dusche nehmen konnte. Irgendwo las sie, dass ein empfindsames Wesen ganz typisch für das Sternzeichen Waage sei, das erklärte auch, warum Willi sich häufig unsicher fühlte und anfing zu weinen, sobald er von Felicia getrennt wurde. Ein Zustand, den Felicia möglichst zu vermeiden versuchte. Die Nähe zwischen Mutter und Kind ist schließlich die Grundlage für Urvertrauen.

Die Mütter im Forum diskutierten zwar immer wieder auch die Relevanz von Freundschaften mit anderen Kindern, aber nach der Besichtigung der nächstgelegenen Kita war Felicia sich sehr sicher, dass man damit noch warten konnte. Der Boden dort war staubig, und einmal hatte sie beobachtet, wie eine Erzieherin eine Brezel, die ein Kind zu Boden geworfen hatte, einfach abwischte und wieder auf den Teller legte. Das war inakzeptabel, ganz zu schweigen davon, dass Brezeln unterirdische Nährstoffwerte haben.

Mit der Zeit wusste Felicia so gut Bescheid, dass sie sich lächelnd an Mama werden leicht gemacht erinnerte. Mittlerweile hatte sie die Intuition, von der dort immer die Rede war. Mühsam hatte sie sich diese erarbeitet, aber jetzt wusste sie, dass nur sie spüren konnte, was am besten für ihr Kind ist.

Willis Kopf sinkt auf ihren Schoß. Sie streicht ihm mit dem Zeigefinger ganz sanft einen Milchtropfen von seiner Wange. Ein zarter Bartflaum wächst da schon. In zwei Jahren wird er Abitur machen. Physik bereitet ihm noch Probleme. Aber mit ihrer Hilfe, da war sie sich sicher, würde er es schaffen.

Diese Geschichte ist inspiriert von "Gelée Royale" aus Roald Dahls Buch "Küsschen, Küsschen": Zwei Eltern sind besorgt um ihr Neugeborenes, das etwas schwächlich wirkt. Der Vater, ein Imker, füttert es daraufhin mit Gelée Royale. Das Kind verwandelt sich langsam in eine Biene.

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