Ein Literaturheft Cixin Liu "Wir müssen schnellstmöglich technologische Wunder vollbringen"

ZEITmagazin Nr. 42/2018
Mit einer Science-Fiction-Trilogie wurde der chinesische Autor Cixin Liu weltberühmt. Hier erklärt er, warum sein Genre unter Mao verboten war, China es aber heute fördert – und warum er keine Angst vor dem Klimawandel hat. Von

Auf den ersten Blick könnte man ihn für einen seiner Fans auf einer Science-Fiction-Messe halten: Cixin Liu trägt ein viel zu großes schwarzes T-Shirt mit einem aufgedruckten Astronauten und dem Nerd-Slogan "I need space" . Wir treffen uns in einem Konferenzhotel in Peking, groß wie ein halbes Fußballstadion. Verhuschter, leicht verschwitzter Händedruck. In China kennt so gut wie jedes Kind die Geschichte hinter dem Welterfolg von Lius Trisolaris-Serie: Ein Computertechniker eines Wasserkraftwerks in einer Kleinstadt fängt aus Langeweile an, Romane über gigantische Sonnenspiegel und Superstring-Computer zu schreiben. 2015 gewinnt er mit 53 Jahren den Hugo Award, den begehrtesten Science-Fiction-Preis der Welt. Seine Romanreihe über den Überlebenskampf der Menschen wird zum Millionenbestseller, ein Meilenstein des Genres.

Die Trilogie beginnt zu Zeiten der Kulturrevolution, als Forscher Signale ins All senden, um Kontakt zu anderen Spezies aufzunehmen – mit katastrophalen Folgen, die bis 18 Millionen Jahre in die Zukunft reichen. In der New York Times lobte Barack Obama den "wilden Einfallsreichtum" der Serie und schwärmte, über der Lektüre habe er seine Alltagssorgen im Weißen Haus vergessen. Jetzt sitzt der Autor vor einem wie ein netter Physiklehrer, zugewandt und ein wenig steif. Er reist nur widerwillig. Doch bevor er die Reporterin daheim in Yangquan empfangen muss, wo er mit Frau und Tochter lebt, nimmt er lieber den Hochgeschwindigkeitszug in die 400 Kilometer entfernte Hauptstadt. Zur Preisverleihung des Hugo in den USA fuhr sein Übersetzer, Liu blieb zu Hause. Im Oktober steht eine Lesetour durch Deutschland an, seine einzige Auslandsreise in diesem Jahr.

ZEITmagazin: Herr Liu, arbeiten Sie an einem neuen Roman?

Cixin Liu: Ich versuche es. Aber ehrlich gesagt: Ich habe seit acht Jahren kaum ein Wort geschrieben.

ZEITmagazin: Sie leiden seit acht Jahren an einer Schreibkrise?

Liu: Mir fällt nichts ein, was mich wirklich überzeugt. Die Trisolaris -Serie ist in China ja schon vor zehn Jahren erschienen. Seither habe ich immer mal wieder Ideen für einen neuen Stoff. Ich bin aber von keiner begeistert.

ZEITmagazin: Was tun Sie, statt zu schreiben?

Liu: Ich denke nach. Gehe einkaufen, koche, bringe meine Tochter zur Schule und lese. Zuletzt The Expanse von James S. A. Corey und The Stone Sky von N. K. Jemisin. Ich habe aber das Gefühl, anderen Autoren geht es ähnlich wie mir: Science-Fiction-Romane werden von Jahr zu Jahr langweiliger.

ZEITmagazin: Wieso das?

Liu: Die Plots wiederholen sich. Wir leben in einer Zeit, in der sich die Geschwindigkeit technologischer Veränderungen überschlägt, sodass die Vorstellungskraft eines Science-Fiction-Autors kaum noch mitkommt. Das ist für das Genre fatal.

ZEITmagazin: Die Realität hat Science-Fiction eingeholt?

Liu: Das ist kein Eindruck, das ist eine Tatsache. Das Smartphone hat binnen kürzester Zeit die Welt revolutioniert. Wer hat das vorausgesehen? Weltraumtourismus wird bald normal sein, genauso wie es selbstfahrende Autos sein werden. Science-Fiction lebt aber vom Geheimnis wissenschaftlichen Fortschritts. Wenn der Fortschritt keinen Zauber mehr versprüht, ist das der Tod des Science-Fiction-Autors.

ZEITmagazin: Ich wundere mich, dass Sie das sagen. Kritiker sprechen, auch dank Ihres Erfolgs, von einem Goldenen Zeitalter für chinesische Science-Fiction.

Liu: Das stimmt, wobei viele Kollegen weiche Science-Fiction schreiben, also mittels Science-Fiction die Gesellschaft kritisieren oder philosophische Fragen behandeln. Das ist nicht meine Sache, ich bin kein Intellektueller. Ich schreibe harte Science-Fiction, mich interessiert der rasante technische Fortschritt. Denken Sie an Isaac Asimov, der Ende der Sechzigerjahre die Apollo-Mission im Zuschauerraum der Nasa verfolgte. Die erfolgreiche Mondlandung müsse doch seine Fantasie beflügeln, sagte ein Nasa-Ingenieur später zu ihm. Asimov antwortete: "Im Gegenteil. Ihr macht uns Science-Fiction-Autoren überflüssig."

ZEITmagazin: Aber chinesische Science-Fiction scheint doch gerade einen Boom zu erleben – die Romane Ihrer Trisolaris-Reihe wurden weltweit acht Millionen Mal verkauft. Ihre Kollegin Hao Jingfang wurde ein Jahr nach Ihnen ebenfalls mit dem Hugo Award ausgezeichnet. Immer mehr Nachwuchsautoren werden ins Englische übersetzt.

Liu: Es hat immer wieder Hochphasen für Science-Fiction in China gegeben, nur nahm sie im Ausland niemand wahr. Schauen Sie sich den Schriftsteller Liang Qichao an, der Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts lebte. Auch in der frühen Mao-Zeit, in den Fünfzigerjahren, als die Kommunistische Partei einen von der Sowjetunion inspirierten Fortschrittsoptimismus verbreitete, gab es in China Science-Fiction.

ZEITmagazin: Ab Mitte der Sechzigerjahre war Literatur dann generell verboten. Sie wurden 1963 geboren und haben die Kulturrevolution als Kind miterlebt. Wie kamen Sie zur Science-Fiction?

Liu: Mein Vater hatte eine Kiste mit Büchern vor den Rotgardisten retten können: Shakespeare, Tolstoi, Balzac. Er war ein einfacher kommunistischer Soldat, nach der Machtübernahme Maos bekam er eine Anstellung in einer Minenverwaltung. Weil aber sein Bruder vor Kriegsende mit den Nationalisten nach Taiwan geflohen war, wurde er tausend Kilometer weit nach Shanxi strafversetzt, wo ich aufgewachsen bin. Wir hatten genug zu essen, doch politisch standen wir ganz unten in der Hierarchie. In der Schule war ich aus vielen Gruppen ausgeschlossen. Die Bücherkiste, die mein Vater unter dem Bett versteckt hielt, erschloss mir ein neues Universum.

ZEITmagazin: Welche Veränderungen brachte Maos Tod 1976?

Liu: Mit der wirtschaftlichen Öffnung durch Deng Xiaoping kamen rasch Neuübersetzungen von H. G. Wells, Isaac Asimov und Arthur C. Clarke nach China. Ich lieh mir alle Bücher aus, die unsere Schulbibliothek hergab. Bücher waren für meine Familie unerschwinglich. Damals schossen auch eine Reihe chinesischer Science-Fiction-Magazine aus dem Boden, manche einheimischen Autoren erreichten Millionenauflagen.

ZEITmagazin: Worüber schrieben chinesische Science-Fiction-Autoren damals?

Liu: Über Stadtautobahnen, Computer, Mars-Expeditionen, aus heutiger Sicht nichts Besonderes. Der Aufbruch war aber schnell wieder vorbei. 1983 kritisierten Regierungsleute, Science-Fiction verderbe die Jugend mit westlichem Gedankengut. Ein Leitartikel in der Volkszeitung kam zu dem Urteil, dass Science-Fiction "geistige Verunreinigung" sei. Über Nacht wurden alle Magazine eingestellt und Buchveröffentlichungen verboten.

ZEITmagazin: Nach einer Ausbildung zum Elektrotechniker heuerten Sie in einem Wasserkraftwerk an. Sie sagten einmal, Sie hätten aus Langeweile mit dem Schreiben angefangen. Wie kam das?

Liu: Ich habe schon in der Oberstufe erste Entwürfe geschrieben, aber bis 1999 nie etwas veröffentlicht. In dem Wasserkraftwerk hatte ich ein Einzelbüro, ab und zu kamen mal Kollegen rein zum Plaudern. Aber eigentlich hatte ich viel Zeit, in der ich allein vor dem Computer saß.

ZEITmagazin: Klingt nach perfekten Bedingungen für einen angehenden Schriftsteller.

Liu: Wenn ich darüber nachdenke, ist mein Leben ziemlich genau nach Plan verlaufen: Ich wusste, dass ich einem Job mit festen Arbeitszeiten und geregeltem Einkommen nachgehen musste, wenn ich es mit dem Schreiben irgendwann zu etwas bringen wollte. Den Plan habe ich stur verfolgt, und genau so ist es dann gekommen. Ich hatte sehr viel Glück. Den Job im Wasserkraftwerk habe ich erst 2012 aufgegeben.

ZEITmagazin: Da konnten Sie bestimmt schon gut von Ihren Büchern leben.

Liu: Soweit ich weiß, bin ich der einzige chinesische Science-Fiction-Autor, dessen Buchverkäufe zum Überleben reichen. Die meisten verdienen erst mit den Filmrechten Geld.

ZEITmagazin: Eine chinesische Verfilmung Ihrer Trisolaris-Reihe ist seit Jahren in Arbeit. Drehstart war 2015, seither hört man kaum mehr von dem Film.

Liu: Die Fans erhoffen sich ein chinesisches Star Wars . Aber wir haben in China zu wenig Erfahrung mit aufwendigen Science-Fiction-Stoffen. Es gab vor allem Probleme mit den Special Effects für die Außenszenen.

ZEITmagazin: Warum wurde keine Hilfe aus Hollywood geholt?

Liu: Das Projekt wurde vereinbart, bevor Die drei Sonnen auf Englisch erschien. Irgendwann wurde wenigstens ein Kameramann aus dem Ausland angeheuert. Aber es sollte eine chinesische Produktion bleiben, und dafür mussten der Regisseur und die Schauspieler Chinesen sein. Meine letzte Information ist, dass der Film sich in der Postproduktion befindet.

Die Frage, ob die "Trisolaris"-Verfilmung im Kino gezeigt wird, ist ein Dauerbrenner in Chinas sozialen Medien. Liu hat die Filmrechte 2014 zum Spottpreis von umgerechnet einigen Zehntausend Euro verkauft. Zwischen Bekanntmachung und Drehschluss des Projekts vergingen gerade mal acht Monate. Heraus kam, wie eine Pekinger Filmproduzentin es beschreibt, "ein abgebrannter Haufen Schrott. Man kann das Haus nur abreißen und komplett von vorn anfangen." Im März 2018 wurde dann die Sensationsmeldung verbreitet, Amazon habe die TV-Rechte an der Serienverfilmung für eine Milliarde Dollar gekauft. Die Summe könne er nicht bestätigen, sagt Liu, aber es stimme, dass seine Agentur mit Amazon Verhandlungen führt.

ZEITmagazin: Wie erklären Sie sich das weltweite Interesse für chinesische Science-Fiction?

Liu: Ich kenne hervorragende ägyptische, vietnamesische und philippinische Science-Fiction-Autoren! Für deren Werk interessiert sich kaum jemand. Das liegt daran, dass Science-Fiction ein besonderes Literaturgenre ist: Ihr Erfolg ist ein Barometer für den Entwicklungsstand des Herkunftslandes. Ein Leo Tolstoi oder ein Gabriel García Márquez wurden zu Lebzeiten international bekannt, obwohl das Zarenreich und das Kolumbien der Sechzigerjahre technisch wie wirtschaftlich rückständig waren. In der Science-Fiction ist das anders: Frankenstein von Mary Shelley, der erste Science-Fiction-Roman der Welt, stammt aus der Blütezeit der englischen Industrialisierung. Oder schauen Sie sich die Goldene Ära der amerikanischen Science-Fiction zwischen 1930 und 1960 an, die zusammenfiel mit dem Aufstieg der USA zur Supermacht. Dass die Welt nun chinesische Science-Fiction liest, hat mit der Modernisierung in unserem Land und seiner wachsenden Bedeutung zu tun.

ZEITmagazin: Im Westen geht die Angst vor künstlicher Intelligenz, Massenmigration und Klimawandel um. Was halten Sie von den Weltuntergangsszenarios in vielen Hollywood-Filmen?

Liu: Was die Filme angeht, kann ich Ihnen als Science-Fiction-Autor eine banale Erklärung geben: Düstere Plots schreiben sich leichter als optimistische. Aber ehrlich gesagt, sehe ich weder im Klimawandel noch in einem Kampf der Kulturen oder intelligenten Robotern die größte Bedrohung für die Menschheit. Dann arbeiten die meisten Menschen in zwanzig Jahren eben nicht mehr. Was soll daran so schlimm sein? Sie werden immer noch ein besseres, bequemeres Leben führen als jetzt. Ich weiß, Intellektuelle sehen das anders. Aber mich sorgt vor allem, dass der technologische Fortschritt nicht schnell genug verläuft.

ZEITmagazin: Wie kommen Sie zu dieser Sorge?

Liu: Es scheint mir, dass immer mehr Menschen sich vor den negativen Folgen der Kernenergie, vor der Gentechnik und vor der künstlichen Intelligenz fürchten. Wird der Widerstand zu groß, fürchte ich, dass die Forschung auf diesen Gebieten ganz eingestellt wird.

ZEITmagazin: Vor seinem Tod sagte Stephen Hawking voraus, dass die Menschheit sich spätestens in hundert Jahren eine neue Erde suchen muss. Und Sie sagen, der Klimawandel stelle keine Gefahr dar?

Liu: Darum müssen wir schnellstmöglich neue technologische Wunder vollbringen. Vielleicht können wir irgendwann alle emissionsstarken Industrien ins Weltall verlagern, dann sind wir die CO₂-Verschmutzung los. Klima-Ingenieure könnten die Verdunstung der Meere regulieren und so neue Eiszeiten verhindern. Die Lösung wird womöglich nicht darin bestehen, die Erde zu retten. Dafür ist es wohl schon zu spät. Wenn wir aber die Forschung aufhalten, ist unser Schicksal besiegelt.

ZEITmagazin: Die Technik wird alle Probleme überwinden: Ist das nicht ein bisschen einfach?

Liu: Ich bin Optimist.

ZEITmagazin: Die chinesische Regierung fördert Science-Fiction inzwischen. Was steckt dahinter?

Liu: Anders als früher glaubt der Staat inzwischen, dass Science-Fiction die Kreativität von Jugendlichen anregt und die Popularität der Wissenschaften steigert. Sie passt zu nationalen Zielen wie der Entwicklung der Raumfahrt.

ZEITmagazin: Science-Fiction hatte immer auch eine große subversive Kraft. Sie zitieren George Orwell als einen Ihrer wichtigsten Einflüsse. Lebt man in China heute in Orwells "1984"?

Liu: Ich sehe da nicht viele Parallelen.

ZEITmagazin: Wirklich nicht?

Liu: In Orwells 1984 geht es darum, dass die zentrale Staatsgewalt jeden Freiraum kontrolliert. Das mag zu Zeiten der Kulturrevolution so gewesen sein. Aber schauen Sie sich China heute an: Hunderte Millionen Menschen reisen jährlich ins Ausland und sehen die Welt. Das ist doch etwas anders als bei Orwell.

ZEITmagazin: Aber die zentrale Staatsgewalt baut in China doch mit aller Macht die digitale Kontrolle aus. Sie stellt überall Gesichtserkennungskameras auf, überwacht alle Daten im chinesischen Internet. Bald sollen die Menschen mittels eines "Sozialkredit-Systems" zu Wohlverhalten erzogen werden: Wer ein braver Bürger ist, bekommt Vergünstigungen bei der Hotelbuchung, wer häufig bei Rot über die Ampel geht oder die Regierung kritisiert, darf irgendwann nicht mehr fliegen.

Liu: Ich glaube, dass China langfristig eine offene Gesellschaft werden wird. Wir werden uns von 1984 immer weiter entfernen. Was Sie ansprechen, existiert, keine Frage, die Kontrolle über unsere Smartphones, die Zensur. Ein kleiner Teil der Gesellschaft wird zu den Leidtragenden zählen. Aber für die meisten Menschen spielen diese Themen keine Rolle. 99 Prozent der Chinesen sorgen sich um die Immobilienpreise, um die Schulgebühren ihrer Kinder und darum, ob sie sich einen Arztbesuch leisten können. Warum interessiert ihr westlichen Journalisten euch nicht für diese Probleme?

ZEITmagazin: Darüber berichten wir, keine Sorge. Aber Sie gehen über das eine Prozent der Leidtragenden hinweg: Regimekritiker, Querdenker, Unangepasste.

Liu: Ich sage es klar: Im Alltag begegnen wir diesen Menschen nicht.

Spätestens an dieser Stelle wird deutlich: Hier sitzt ein Bestsellerautor, kein politischer Denker, der – sofern er überhaupt abweichende Meinungen vertritt – sie in einer Hotellobby gegenüber einer deutschen Zeitung äußern würde. Dies wäre auch töricht: Er steht in China im Rampenlicht, sitzt in einem halben Dutzend staatlicher Kulturgremien. Parteiorgane wie die Volkszeitung preisen ihn als Vorzeigeautor, "so selten wie Phönixfedern und Einhornhörner". Für die Staatspropaganda ist Liu ein Sechser im Lotto: Die Regierung kann sich mit einem internationalen Star schmücken, in dessen Romanen chinesische Weltraumingenieure in ferner Zukunft die Menschheit retten, politisch völlig unbedenklich. Fairerweise muss man Liu zugestehen, dass er im Gespräch selbst zweimal betont hat: Er ist kein Gesellschaftskritiker und kein Intellektueller.

ZEITmagazin: In der südchinesischen Provinz Guizhou suchen Forscher derzeit mithilfe des größten Radioteleskops der Welt nach Signalen aus dem Weltall. Wie wichtig ist es für China, Kontakt zu Außerirdischen aufzunehmen?

Liu: Das steht in der Priorität weiter unten, hinter Missionen wie der Erforschung von Molekülen aus dem Weltall. Das größte Problem für die Forscher ist wohl, die riesigen Datenmengen auszuwerten, die das Teleskop empfängt. Als Schriftsteller hoffe ich natürlich sehr, dass die Suche nach Außerirdischen Erfolg hat.

ZEITmagazin: Im zweiten Teil Ihrer Trisolaris-Trilogie entwickeln Sie die Theorie des "dunklen Waldes". Sie besagt, dass es leichtfertig ist, als Zivilisation im Weltall sichtbar zu sein, da es im Interesse jeder Spezies ist, andere intelligente Arten durch einen Erstschlag auszulöschen. Sehen Sie das Forschungsprogramm in Guizhou nicht als Gefahr?

Liu: In Guizhou empfängt das Teleskop nur Signale, es sendet keine aus. Wenn wir eine Botschaft bekommen, können wir sie ignorieren. Darauf zu antworten wäre unverantwortlich.

ZEITmagazin: Sie gehen davon aus, dass ein Zusammentreffen mit Außerirdischen zwangsläufig Krieg und Auslöschung zur Folge hat. Das ist eine ziemlich düstere Sichtweise. Schließen Sie da nicht zu sehr von der blutrünstigen menschlichen Geschichte auf andere Zivilisationen?

Liu: Zunächst schließe ich die Möglichkeit einer friedlichen Begegnung gar nicht aus. Es kann natürlich sein, dass uns eine moralisch überlegene Spezies gegenüberstehen wird, die auch niederen Wesen mit Respekt begegnet. Das einzige Anschauungsmaterial, das uns bekannt ist, ist aber die menschliche Kolonialgeschichte.

ZEITmagazin: Gründen Ihre Überlegungen auf den Erfahrungen, die China im 19. Jahrhundert mit dem Westen gemacht hat?

Liu: Die Chinesen tendieren bis heute zu einem überzogenen Opferdenken. Insgesamt hat China von der westlichen Kultur deutlich mehr profitiert, als es durch sie eingebüßt hat. Wahrscheinlich ist es so, dass bei einem Zusammentreffen mit Außerirdischen der zivilisatorische Unterschied ähnlich sein wird wie zwischen Mensch und Ameise. Darum halte ich es für das Vernünftigste, vom Schlechtesten auszugehen.

ZEITmagazin: Wären die Menschen die Überlegenen oder die Ameisen?

Liu: Wenn die Außerirdischen die Fähigkeit besäßen, über eine Entfernung von Lichtjahren zur Erde zu reisen, wären wir definitiv die Ameisen. Aber wären wir überhaupt in der Lage, zu beurteilen, dass sie uns überlegen sind?

ZEITmagazin: Was meinen Sie damit?

Liu: Sind wir in den Augen von Ameisen intelligente Wesen? Wir können keinen Ameisenbau errichten, keine Insekten dorthin verschleppen und keine Ameisenkönigin beschützen. Wir tippen von früh bis spät auf einem rechteckigen Bildschirm herum. Und wozu?

ZEITmagazin: Angenommen, Sie könnten eine Botschaft an eine andere Spezies senden, die diese mit Sicherheit auch versteht: Was würden Sie ihr über die Menschheit verraten?

Liu: Ich würde ihnen sagen, dass die Menschheit eine vergleichsweise junge Spezies ist, die nach einem besseren Leben strebt. Aber zu viel würde ich ihnen nicht verraten, das würde keinen guten Eindruck hinterlassen.

ZEITmagazin: Würden Sie sie vor den Menschen warnen?

Liu: Wenn die Außerirdischen eine uns unterlegene Spezies wären, würde ich das definitiv tun. Kennen Sie folgende Geschichte? Kurz vor der ersten Mondlandung wurde ein US-Astronaut in die Wüste geschickt, um für seine bevorstehende Mission zu trainieren. Zufällig landete er in einem Indianerreservat. Ein alter Indianer sah den Astronauten und fragte ihn: Du fliegst zum Mond? Der Astronaut nickte. Der Indianer sagte, dass all seine Vorfahren auf dem Mond lebten, und bat um einen Gefallen: ob der Astronaut ihnen ein paar Worte ausrichten könne? Der Astronaut sagte Ja und nahm, da er die Sprache der Indianer nicht verstand, das Gesagte auf. Zurück bei der Nasa, fand er einen Kollegen, der die Sprache verstand. "Nehmt euch in Acht", hatte der alte Indianer gesagt. "Die Fremden wollen euer Land. Sie verfolgen keinerlei gute Absichten."

Hinter der Geschichte: Die Interviewerin Xifan Yang, 30, ist seit Juli China-Korrespondentin der ZEIT in Peking, dies ist ihr erster größerer Beitrag für das ZEITmagazin. Yang ist auch Buchautorin. "Als die Karpfen fliegen lernten", erschienen 2015, handelt von ihrer Familie

Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren