Ein Literaturheft Cixin Liu: "Wir müssen schnellstmöglich technologische Wunder vollbringen"

ZEITmagazin: Welche Veränderungen brachte Maos Tod 1976?

Liu: Mit der wirtschaftlichen Öffnung durch Deng Xiaoping kamen rasch Neuübersetzungen von H. G. Wells, Isaac Asimov und Arthur C. Clarke nach China. Ich lieh mir alle Bücher aus, die unsere Schulbibliothek hergab. Bücher waren für meine Familie unerschwinglich. Damals schossen auch eine Reihe chinesischer Science-Fiction-Magazine aus dem Boden, manche einheimischen Autoren erreichten Millionenauflagen.

ZEITmagazin: Worüber schrieben chinesische Science-Fiction-Autoren damals?

Liu: Über Stadtautobahnen, Computer, Mars-Expeditionen, aus heutiger Sicht nichts Besonderes. Der Aufbruch war aber schnell wieder vorbei. 1983 kritisierten Regierungsleute, Science-Fiction verderbe die Jugend mit westlichem Gedankengut. Ein Leitartikel in der Volkszeitung kam zu dem Urteil, dass Science-Fiction "geistige Verunreinigung" sei. Über Nacht wurden alle Magazine eingestellt und Buchveröffentlichungen verboten.

ZEITmagazin: Nach einer Ausbildung zum Elektrotechniker heuerten Sie in einem Wasserkraftwerk an. Sie sagten einmal, Sie hätten aus Langeweile mit dem Schreiben angefangen. Wie kam das?

Liu: Ich habe schon in der Oberstufe erste Entwürfe geschrieben, aber bis 1999 nie etwas veröffentlicht. In dem Wasserkraftwerk hatte ich ein Einzelbüro, ab und zu kamen mal Kollegen rein zum Plaudern. Aber eigentlich hatte ich viel Zeit, in der ich allein vor dem Computer saß.

ZEITmagazin: Klingt nach perfekten Bedingungen für einen angehenden Schriftsteller.

Liu: Wenn ich darüber nachdenke, ist mein Leben ziemlich genau nach Plan verlaufen: Ich wusste, dass ich einem Job mit festen Arbeitszeiten und geregeltem Einkommen nachgehen musste, wenn ich es mit dem Schreiben irgendwann zu etwas bringen wollte. Den Plan habe ich stur verfolgt, und genau so ist es dann gekommen. Ich hatte sehr viel Glück. Den Job im Wasserkraftwerk habe ich erst 2012 aufgegeben.

ZEITmagazin: Da konnten Sie bestimmt schon gut von Ihren Büchern leben.

Liu: Soweit ich weiß, bin ich der einzige chinesische Science-Fiction-Autor, dessen Buchverkäufe zum Überleben reichen. Die meisten verdienen erst mit den Filmrechten Geld.

ZEITmagazin: Eine chinesische Verfilmung Ihrer Trisolaris-Reihe ist seit Jahren in Arbeit. Drehstart war 2015, seither hört man kaum mehr von dem Film.

Liu: Die Fans erhoffen sich ein chinesisches Star Wars . Aber wir haben in China zu wenig Erfahrung mit aufwendigen Science-Fiction-Stoffen. Es gab vor allem Probleme mit den Special Effects für die Außenszenen.

ZEITmagazin: Warum wurde keine Hilfe aus Hollywood geholt?

Liu: Das Projekt wurde vereinbart, bevor Die drei Sonnen auf Englisch erschien. Irgendwann wurde wenigstens ein Kameramann aus dem Ausland angeheuert. Aber es sollte eine chinesische Produktion bleiben, und dafür mussten der Regisseur und die Schauspieler Chinesen sein. Meine letzte Information ist, dass der Film sich in der Postproduktion befindet.

Die Frage, ob die "Trisolaris"-Verfilmung im Kino gezeigt wird, ist ein Dauerbrenner in Chinas sozialen Medien. Liu hat die Filmrechte 2014 zum Spottpreis von umgerechnet einigen Zehntausend Euro verkauft. Zwischen Bekanntmachung und Drehschluss des Projekts vergingen gerade mal acht Monate. Heraus kam, wie eine Pekinger Filmproduzentin es beschreibt, "ein abgebrannter Haufen Schrott. Man kann das Haus nur abreißen und komplett von vorn anfangen." Im März 2018 wurde dann die Sensationsmeldung verbreitet, Amazon habe die TV-Rechte an der Serienverfilmung für eine Milliarde Dollar gekauft. Die Summe könne er nicht bestätigen, sagt Liu, aber es stimme, dass seine Agentur mit Amazon Verhandlungen führt.

ZEITmagazin: Wie erklären Sie sich das weltweite Interesse für chinesische Science-Fiction?

Liu: Ich kenne hervorragende ägyptische, vietnamesische und philippinische Science-Fiction-Autoren! Für deren Werk interessiert sich kaum jemand. Das liegt daran, dass Science-Fiction ein besonderes Literaturgenre ist: Ihr Erfolg ist ein Barometer für den Entwicklungsstand des Herkunftslandes. Ein Leo Tolstoi oder ein Gabriel García Márquez wurden zu Lebzeiten international bekannt, obwohl das Zarenreich und das Kolumbien der Sechzigerjahre technisch wie wirtschaftlich rückständig waren. In der Science-Fiction ist das anders: Frankenstein von Mary Shelley, der erste Science-Fiction-Roman der Welt, stammt aus der Blütezeit der englischen Industrialisierung. Oder schauen Sie sich die Goldene Ära der amerikanischen Science-Fiction zwischen 1930 und 1960 an, die zusammenfiel mit dem Aufstieg der USA zur Supermacht. Dass die Welt nun chinesische Science-Fiction liest, hat mit der Modernisierung in unserem Land und seiner wachsenden Bedeutung zu tun.

ZEITmagazin: Im Westen geht die Angst vor künstlicher Intelligenz, Massenmigration und Klimawandel um. Was halten Sie von den Weltuntergangsszenarios in vielen Hollywood-Filmen?

Liu: Was die Filme angeht, kann ich Ihnen als Science-Fiction-Autor eine banale Erklärung geben: Düstere Plots schreiben sich leichter als optimistische. Aber ehrlich gesagt, sehe ich weder im Klimawandel noch in einem Kampf der Kulturen oder intelligenten Robotern die größte Bedrohung für die Menschheit. Dann arbeiten die meisten Menschen in zwanzig Jahren eben nicht mehr. Was soll daran so schlimm sein? Sie werden immer noch ein besseres, bequemeres Leben führen als jetzt. Ich weiß, Intellektuelle sehen das anders. Aber mich sorgt vor allem, dass der technologische Fortschritt nicht schnell genug verläuft.

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