Ein Literaturheft Cixin Liu: "Wir müssen schnellstmöglich technologische Wunder vollbringen"

ZEITmagazin: Sie gehen davon aus, dass ein Zusammentreffen mit Außerirdischen zwangsläufig Krieg und Auslöschung zur Folge hat. Das ist eine ziemlich düstere Sichtweise. Schließen Sie da nicht zu sehr von der blutrünstigen menschlichen Geschichte auf andere Zivilisationen?

Liu: Zunächst schließe ich die Möglichkeit einer friedlichen Begegnung gar nicht aus. Es kann natürlich sein, dass uns eine moralisch überlegene Spezies gegenüberstehen wird, die auch niederen Wesen mit Respekt begegnet. Das einzige Anschauungsmaterial, das uns bekannt ist, ist aber die menschliche Kolonialgeschichte.

ZEITmagazin: Gründen Ihre Überlegungen auf den Erfahrungen, die China im 19. Jahrhundert mit dem Westen gemacht hat?

Liu: Die Chinesen tendieren bis heute zu einem überzogenen Opferdenken. Insgesamt hat China von der westlichen Kultur deutlich mehr profitiert, als es durch sie eingebüßt hat. Wahrscheinlich ist es so, dass bei einem Zusammentreffen mit Außerirdischen der zivilisatorische Unterschied ähnlich sein wird wie zwischen Mensch und Ameise. Darum halte ich es für das Vernünftigste, vom Schlechtesten auszugehen.

ZEITmagazin: Wären die Menschen die Überlegenen oder die Ameisen?

Liu: Wenn die Außerirdischen die Fähigkeit besäßen, über eine Entfernung von Lichtjahren zur Erde zu reisen, wären wir definitiv die Ameisen. Aber wären wir überhaupt in der Lage, zu beurteilen, dass sie uns überlegen sind?

ZEITmagazin: Was meinen Sie damit?

Liu: Sind wir in den Augen von Ameisen intelligente Wesen? Wir können keinen Ameisenbau errichten, keine Insekten dorthin verschleppen und keine Ameisenkönigin beschützen. Wir tippen von früh bis spät auf einem rechteckigen Bildschirm herum. Und wozu?

ZEITmagazin: Angenommen, Sie könnten eine Botschaft an eine andere Spezies senden, die diese mit Sicherheit auch versteht: Was würden Sie ihr über die Menschheit verraten?

Liu: Ich würde ihnen sagen, dass die Menschheit eine vergleichsweise junge Spezies ist, die nach einem besseren Leben strebt. Aber zu viel würde ich ihnen nicht verraten, das würde keinen guten Eindruck hinterlassen.

ZEITmagazin: Würden Sie sie vor den Menschen warnen?

Liu: Wenn die Außerirdischen eine uns unterlegene Spezies wären, würde ich das definitiv tun. Kennen Sie folgende Geschichte? Kurz vor der ersten Mondlandung wurde ein US-Astronaut in die Wüste geschickt, um für seine bevorstehende Mission zu trainieren. Zufällig landete er in einem Indianerreservat. Ein alter Indianer sah den Astronauten und fragte ihn: Du fliegst zum Mond? Der Astronaut nickte. Der Indianer sagte, dass all seine Vorfahren auf dem Mond lebten, und bat um einen Gefallen: ob der Astronaut ihnen ein paar Worte ausrichten könne? Der Astronaut sagte Ja und nahm, da er die Sprache der Indianer nicht verstand, das Gesagte auf. Zurück bei der Nasa, fand er einen Kollegen, der die Sprache verstand. "Nehmt euch in Acht", hatte der alte Indianer gesagt. "Die Fremden wollen euer Land. Sie verfolgen keinerlei gute Absichten."

Hinter der Geschichte: Die Interviewerin Xifan Yang, 30, ist seit Juli China-Korrespondentin der ZEIT in Peking, dies ist ihr erster größerer Beitrag für das ZEITmagazin. Yang ist auch Buchautorin. "Als die Karpfen fliegen lernten", erschienen 2015, handelt von ihrer Familie

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