Thomas Anders Über Sonnenbänke

© Uwe Zucchi/dpa
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 42/2018

Es wäre kaum eine Nachricht, wenn Thomas Anders, einst Sänger bei Modern Talking, in einem Interview gesagt hätte, er besitze einen Smoothie-Mixer und müsse deshalb nicht mehr in die Smoothie-Bar. Tatsächlich hat er gesagt, in einem Interview mit der "Augsburger Allgemeinen": "Ich habe selbst eine Sonnenbank und muss nicht mehr in ein Sonnenstudio" – und diese Meldung findet sich selbst in der "Süddeutschen" und bei "Spiegel Online". Und das, obwohl eine Sonnenbank keine Insel vor der Küste Westschwedens ist.

Eine eigene Sonnenbank großartig zu finden, dieser Gedanke führt mitten hinein in die Achtzigerjahre, als Thomas Anders berühmt wurde und es noch üblich war, Gäste durchs Eigenheim zu führen, um herzuzeigen, wie man so wohnte. Dann war es toll, wenn man einen Partykeller mit Zapfanlage besaß – oder eben eine Sonnenbank. Sie war der Swimmingpool der kleinen Leute. In dieser Zeit war es üblich, manche Konsumgüter nur zu besitzen, um sie stolz sein Eigen zu nennen. Diese Freude am Besitz ist inzwischen aus der Mode gekommen, ebenso wie die Redewendung, man nenne etwas sein Eigen. Man nannte Saunen sein Eigen, Swimmingpools, Brücken über Gartenteiche. Alles schwer und immobil, als solle garantiert sein, dass dieses Eigentum ein für alle Mal bei seinen Besitzern bleibt. Heute behaupten viele – auch die, die auf Flohmärkten massenhaft alte Vasen einkaufen –, Besitz "belaste" sie nur. Um auf andere attraktiv zu wirken, ist ein geübter Umgang mit den Filtern einer iPhone-Kamera jedenfalls wichtiger als der mit den Filtern der UV-Röhren einer Sonnenbank.

Weil die Sonnenbank die Haut auffällig bräunt, proletenhaft braun, und nicht wie die Heimsauna gesund macht, wurde sie bald zu so etwas wie dem Arschgeweih des häuslichen Mobiliars: etwas, was man gern wieder loswerden wollte, ohne zu wissen, wie. Rechtlich gesehen sind diese Geräte Sondermüll. In Dinklage im Landkreis Vechta bot Ende September 2018 eine gewisse Kerstin H. ihre Sonnenbank im Internet zum Kauf an. Das Gerät sei "einwandfrei", aber trotzdem wolle sie nur eine große Schachtel Marlboro dafür haben.

Früher hätte man Thomas Anders für einen armseligen Angeber gehalten. Heute fühlt sich der Leser der Nachricht eher an jene Onkel und Tanten erinnert, die noch einen Fotokopierer besitzen, um Nichten und Neffen hin und wieder Interessantes aus der Zeitung zu schicken.

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