Alice Weidel: Über Kindlichkeit

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 43/2018

Alice Weidel ist eine Person, die ihre Interpreten regelmäßig zu verstehen versuchen. Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine ganz normale weltläufige Finanztante mit Perlen, Blazer und modernem Gesicht. Irrerweise steht sie jedoch erstens der AfD vor, die sich um die nationale Identität und traditionelle Familienwerte sorgt, und lebt zweitens in einer lesbischen Partnerschaft. Drittens ist sie eine Frau. Wie kann man da so hart und böse sein? In Interviews lächelt sie dieses Es-gibt-überhaupt-nichts-zu-lachen-Lächeln und wirkt dabei kalt (wie so ein James Bond aus Gütersloh). Gut, einen Dachschaden hat sie mit Sicherheit auch irgendwo, vermutet der Alice-Weidel-Rezipient weiter, aber wer hat den nicht (und, Entschuldigung, wo käme man hin, wenn man das Böse in der Politik immer mit den Psychopathologien von Politikern erklären würde, denn dadurch macht man eben speziell deepe Stars aus ihnen)? Die Ergebnisse der Weidel-Ausdeutungsversuche sind also überschaubar, aber dann hat sie kürzlich im Bundestag diesen einen für sie untypischen Move gemacht: Johannes Kahrs von der SPD nannte die AfD-Kollegen "Rechtsradikale", da erhob sich Weidel und verließ mit fußballtrainerhafter Geste (ausgestreckter Arm, dem ihr Körper folgte, zum Rufen geöffneter Mund) ihren Platz, um schließlich mit dem linken Fuß (hellbraune Loafer) aufzustampfen, was an ein Fohlen erinnerte, das sich gerade über irgendetwas massiv geärgert hatte.

Im Alter von zwei Jahren entdecken Kinder, dass sie einen eigenen Willen haben, und denken, sie würden den Chupa-Chups-Lutscher an der Supermarktkasse eher bekommen, wenn sie sich auf den Boden schmeißen, wobei Alice Weidel in diesem Fall die Zweijährige und ein Deutschland ohne Geflüchtete der Chupa-Chups-Lutscher wäre. Oder geht es vielleicht gar nicht so sehr um den Chupa-Chups-Lutscher beziehungsweise ein Deutschland ohne Geflüchtete? Geht es vielleicht mehr um eine Verzweiflung darüber, dass das Ich und die Welt getrennt sind und nicht das Gleiche wollen? Sind Alice Weidels Probleme also ziemlich philosophisch? Muss man sofort handeln und einen deutschlandweiten Mein-inneres- Kind-Tag "auf den Weg bringen", selbstverständlich auch im Bundestag? Es würde eine Wutecke mit Kissen geben, auf die man einprügeln könnte. Aber am Ende, das wäre der Deal, würden sich alle umarmen und trösten, denn das ist laut Kleinkindforschern wichtig für die Individuation (was Alice Weidel bestimmt super fände, und vielleicht würde sie während der Gruppenumarmungen auch ihr Identitätsthema vergessen).

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