Harald Martenstein Brauchen wir Bedenkenträger?

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 43/2018

Das ZEITmagazin macht eine Sonderausgabe, mit Herbert Grönemeyer als Chefredakteur. Ich hatte schon einige Chefredakteure, die meisten waren unmusikalisch. Von diesem besitze ich zwei Alben, Bochum und Mensch. Grönemeyer finde ich um einiges besser als Gary Glitter und Gunter Gabriel, die in meinem Regal neben ihm stehen, auch als seinen Antipoden Marius Müller-Westernhagen, ausgenommen ist natürlich der Westernhagen-Song Freiheit.

Ich dachte, dann schreibe ich über Westernhagen. Wer sich mit dem Denken von Marius Müller-Westernhagen befasst, kommt um sein eigenwilliges Männerbild nicht herum, allerdings auch nicht um seine Religiosität. Zitat: "Gott hat dem Mann ein Hirn und einen Penis gegeben, aber leider nicht genug Blut, um beides gleichzeitig zu versorgen." Dies ist für das männliche Gehirn im Einzelfall sicher eine schwierige Entscheidung. Ähnliche Gedanken zur Männlichkeit tauchten auch in diesen Songzeilen auf: "Ich hab dich gefressen, ohne Besteck, dann hast du geweint, und ich musste weg."

Bevor ich den Text abgeben konnte, meldete sich die Redaktion. Das Thema sei nicht gut. Möglicherweise entstehe der Eindruck, der Chef habe angeordnet, etwas Kritisches über Westernhagen zu verfassen. Dass die Redakteure denken, Leute könnten denken, ich lasse mir Meinungen vorschreiben, fand ich ein bisschen verletzend. Ich habe mehrfach erklärt, dass ich Meinungen, die ich nicht habe, nur dann äußere, wenn man mir Geld dafür zahlt, niemals gratis. Wir leben in einer Marktwirtschaft. Für 10.000 Euro zerreiße ich Westernhagen, für 20.000 erkläre ich Helene Fischer zur neuen Edith Piaf, und für 50.000 vergleiche ich Bob Dylan mit Mario Barth. Stattdessen soll ich diese interessante Frage von Herbert Grönemeyer beantworten: "Brauchen wir Bedenkenträger?" Ich persönlich brauche sie nicht. Als die Menschheit das erste Feuer anzündete, hat ja auch garantiert ein Bedenkenträger vor der Gefahr von Waldbränden gewarnt. Es gibt zu diesem Thema ein ZEIT-Interview mit Godo Röben, dem Marketingchef der Wurstfabrik Rügenwalder Mühle. Dort produzieren sie seit einiger Zeit auch vegetarische Wurst, eine unternehmerische Entscheidung, die bei einem Teil der Belegschaft auf Bedenken stieß. Ähnlich wäre wohl die Stimmungslage bei der Firma Demeter, wenn sie Grünkernbratlinge aus Schweinemett ins Programm nähme. Godo Röben sagt: "Auch wenn die ständigen Diskussionen sehr viel Kraft kosten – wer an seine Idee glaubt, sollte trotz aller Widrigkeiten hartnäckig bleiben."

Die Maxime seines Lebens hat Westernhagen, wie er mal sagte, von seinem Vater übernommen, sie lautet: "Demut und Bescheidenheit". Dass er nicht Fußballnationalspieler wurde, begründete er im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau damit, dass "man da nicht nach Talent ausgesucht wurde". Ob er den ihm zugeschriebenen Satz "Ich bin der größte deutsche Musiker" wirklich mal gesagt hat, ist nicht sicher. Von aktueller Bedeutung sind die Andeutungen des Sängers, er könne in die Politik wechseln: "Man hat versucht, mich zu gewinnen." Auch ein politisches Programm ist in Ansätzen erkennbar: "Ich bin eher diktatorisch."

Erste Maßnahmen seiner Regierung zeichnen sich ab: "Ich bin dafür, Drogen vollkommen freizugeben, auch harte Sachen wie Heroin oder Kokain." In diesem Fall könnte die Rügenwalder Mühle auch eine Streichwurst "Afghane mit Bärlauch" anbieten und Schnitzel in Koks-Panade, was natürlich wieder sämtliche Bedenkenträger auf den Plan rufen würde.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Freiheit für Bedenkenträger?
Aber ja, Herr Grönemeyer!
Sind sie doch Gedankenwäger
und im Grübeln oftmals freier
als nur flach Bedankenpfleger,
Harmonie ist denen Feier -
oder schnöde Denkmalsäger,
die sich dünken noch viel schläuer.
Seh’n wir sie als Denkanreger,
auch wenn plusternd manche Schreier
spielen den Verdenkenkläger:
Such den Fehler, sei Bereuer!
Werden ihre Tadel schräger,
sind wir nachdenklich Verzeiher.
„Wumbaba der weiße Neger“
bleibt uns weiter lieb und teuer.
Deshalb gilt für Westernhäger,
sämtliche Gedankenpräger,
sonderbare Hirnfreifeger
und auch and’re Denkkrummleger:
Freiheit sei uns täglich neuer!