© Paolo Pellegrin

Herbert Grönemeyer in Bochum Tief im Westen

ZEITmagazin Nr. 43/2018

Was ist Identität? Um darauf eine Antwort zu finden, sind wir mit Herbert Grönemeyer nach Bochum gefahren. In die Stadt, in der er aufgewachsen ist. Dort haben wir ihn mit der Kamera begleitet.


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Grönemeyer zu Besuch bei einem Taubenzüchterverein. "Das gehört zu meinen prägenden Kindheitserinnerungen, ein Bild, das ich immer im Kopf habe: Die Bergleute – mein Vater arbeitete auch in dieser Welt – kommen nach zehn Stunden unter Tage nach Hause, fragen ihre Frau nach einem Bier, gehen hoch unters Dach zu ihren Tauben und schweigen. Dann lassen sie die Tauben in den Himmel fliegen, den hatten sie ja den ganzen Tag nicht gesehen. Das war ihre Art von Meditation."


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"Es geht den Menschen im Ruhrgebiet zuerst nicht darum, ob sie dich mögen. Es geht ihnen darum, ob man sich auf dich verlassen kann. Wenn die Bergleute morgens runter in den Schacht sind, 1000 Meter unter die Erde, ging es ihnen untereinander um die Frage: Holst du mich hier raus, wenn etwas schiefläuft? Du konntest ein Widerling sein, aber du musstest ein zuverlässiger Widerling sein."


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Grönemeyer im Bochumer Schauspielhaus, wo er in den Siebzigerjahren Schauspieler war. "Bei Peter Zadek war es bis zur Premiere chaotisch, der machte nie zu, schmiss manchmal in letzter Sekunde alles um. So arbeitete ich bis heute: Ich halte das Chaos offen, mache alle wahnsinnig, nur so gibt es keinen toten Punkt. Das ist mein Lebensprinzip: Bleib immer in Bewegung, du kannst dich auf nichts verlassen. So ist das Leben. Die Dramen schlagen plötzlich zu, das Glück aber auch. Man muss bereit sein fürs Glück, man darf nie zumachen."


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Grönemeyer im Bochumer Stadion: "Ich wollte immer entweder Fußballprofi oder Gebrauchtwagenhändler werden. Kaum war ich 18 und hatte den Führerschein, bin ich samstags nach Essen gefahren, auf den riesigen Gebrauchtwagenmarkt, habe für 200 oder 300 Mark ein Auto gekauft, habe es drei Monate gefahren, habe es wieder verkauft und ein anderes gekauft. Ich wollte jedes Modell fahren, das ich bekommen konnte. Ich liebe Autos. Wenn ich in einen Alfa steige und den Motor höre, denke ich sofort: Lass uns ein Eis kaufen fahren."


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"Ich fühle zum ersten Mal eine Verantwortung für die Gesellschaft. Wenn wir wollen, dass sich das Land gut weiterentwickelt, dürfen wir das nicht den Politikern alleine überlassen. Viele ärgern sich, weil sie das Gefühl haben, dass sie nicht miteinbezogen werden. Es ist wie in einer Familie: Wenn es Fragen und Ängste gibt, müssen die alle auf den Tisch und besprochen werden. Und das passiert einfach nicht. Nicht von den führenden Politikerinnen und Politikern. Das werfe ich Angela Merkel vor, sie kommuniziert einfach nicht. Willy Brandt konnte einen mitreißen, der konnte dem Volk signalisieren: Wir haben eine gemeinsame Idee, lasst uns etwas bewegen."


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Als Herbert Grönemeyer, damals 27, seiner neuen Plattenfirma 1984 gesagt hat, seine neue Platte solle Bochum heißen, stieß diese Idee nicht unbedingt auf Begeisterung. "Die haben zu mir gesagt: 'Sag mal, geht's noch?' Und gedacht haben sie: 'Der ist eh schon so erfolglos, jetzt nennt der seine Platte auch noch Bochum. Das kauft doch schon in Bottrop keiner mehr."


Fotos Paolo Pellegrin / Magnum Photos / Agentur Focus; Fotoassistent Alessio Cupelli; Haare und Make-up Stephan Schmied / Blossom Management; Location Scout Lars Rosmaiti; Produktionsassistent Moritz Sadowski; Vielen Dank an Robin Lehwald / Jahrhunderthalle, Dirk Hinz und Familie, Anne Meierling / Roof Music, Peter Gerling, Jens Fricke / VFL Bochum, Stefan Kriegl / Schauspielhaus Bochum, Miriam Lüttgemann

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